Titelbild des Hefts Nummer 91
Ich singe aus Angst vor dem Dunkeln ein Lied
Und hoffe, dass nichts geschieht
Heft 91 / Frühjahr 2023
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Seinen eigenen Sinnen trauen, die Katastrophe wahrnehmen

Deutsche Linke erleben den Zivilisationsbruch und landen bei RAF und Lebensreform

Am 15.11.2022 forderte die Redaktion Bahamas unter dem Titel „Schluss mit Lumbung – kein Fußbreit den Antisemiten!“ zur Teilnahme an einer Protestkundgebung gegen eine Veranstaltung im Kulturhaus der indonesischen Botschaft in Berlin-Tempelhof auf, wo vier Tage später fünf indonesische Künstler auftreten sollten und dann auch wirklich auftraten, die wegen ihrer antisemitischen Haltung und Produktion maßgeblich zum Documenta-Skandal beigetragen hatten. Im Text heißt es: „Eigentlich sollte bekannt sein, dass das fremd klingende Wort ‚Lumbung‘ gar nicht exotisch ist und mit einer Reisscheune in Indonesien etwa soviel zu tun hat wie ein Olivenbaum im Westjordanland mit Völkerverständigung. Lumbung steht für eine universale Feinderklärung und jedenfalls in Deutschland könnte man nach der Documenta 15 wissen, gegen wen.“ Gefordert hat die Bahamas unter anderem „Keine staatliche Unterstützung für eine ‚Kunst‘ gegen Israel!“ Und: „Weg mit der Kulturstaatssekretärin Claudia Roth!“

Ein Bruch mit der Geschichte wird entdeckt

Der Aufruf ist auch auf der Facebook-Seite der Bahamas erschienen, was einen Paul auf den Plan gerufen hat, der als ungebetener Gast seine Duftmarke dort hinterlassen wollte, wo Kommentare unerwünscht sind. Pauls Beitrag, der natürlich sofort gelöscht wurde, verbreitet ein in linken Kreisen populäres Gerücht über die Bahamas, das er zwar nicht offen ausspricht, aber den Eingeweihten augenzwinkernd mitteilt: „Obwohl das Anliegen legitim, so ist die Forderung zur Absetzung irgendeiner Staatssekretärin sehr befremdlich, wenn es von der Bahamas kommt. Früher habt ihr Zusammenhänge aufgezeigt, Gedanken artikuliert und was Neues gesetzt; es hat sich nie oder sehr selten was wie eine Wutrede am Stammtisch gelesen, weil gute Polemik nie ihren Gegenstand aus den Augen verliert, um in bloße Entladung des Affekts umzuschlagen. Immer mehr liest sich das Heft so. Es ist fast symptomatisch, wie man von der Documenta nicht loslassen kann. Es wird dem Thema so ein Stellenwert zugeschrieben, als würde sich der deutsche und ‚Lumbung‘-Antisemitismus mit Claudia Roth oder anderen Exponenten deutscher Politik verabschieden und mit einem neuen Aktivismus antideutscher Couleur erledigen. Man echauffiert sich, als wäre die Documenta eine Zäsur, während gleichzeitig die Ereignisse als Kontinuität und nicht Bruch mit der Geschichte gedeutet werden. Fast mutet es an wie ein Symptom: wenn man das große Ganze drumherum verdrängen muss, dann fixiert man sich auf Tagespolitisches, und fordert Rücktritte; man erfreut sich an der Befriedung kleiner Frustimpulse.“ (Hervorhebung, Red.)

Die Neuigkeiten, die man aus der Bahamas erfährt, sind unangenehm, weil sie existenzialistische Neuerer regelmäßig bei der Propagierung ihrer Anliegen stören und ihr Projekt, das heute Revolte (Annie Ernaux) heißt, empfindlich stören. Paul spricht dann von Verdrängung, wenn er vom Antisemitismus nicht reden will, und gerät in Wut, wenn andere Zusammenhänge benennen, die von Kassel nach Berlin und Jakarta reichen, oder von den Freunden engagierter Kunst zu den jedem Schnickschnack der Kulturindustrie aufsitzenden Feuilletonisten, denen es im gleichen Herbst 2022 darum zu tun war, eine antisemitische Nobelpreisträgerin als große Künstlerin durchzuwinken. Sein Einspruch gipfelt in der Erkenntnis, dass in der Bahamas „die Ereignisse als Kontinuität und nicht Bruch mit der Geschichte gedeutet werden“. Er redete offensichtlich von anderen Ereignissen als der Verabredung deutscher Kunstschaffender und Kulturpolitiker, einem die Treue zu halten, der im Jahr 2014 verkündet hatte: „Sie werden das Millionenfache für jeden Blutstropfen in GAZA bezahlen! Palästina soll frei sein … bei Regen oder Sonnenschein!“ und seit Januar 2023 Intendant des Berliner Hauses der Kulturen der Welt ist, was Claudia Roth ausdrücklich begrüßt.

Die Banalität des Bösen

Wer von israelsolidarischen Kampagnen angewidert und ausdrücklich gegen sie Ereignisse erkennt, die einen Bruch mit der Geschichte ausmachten, denkt den Zivilisationsbruch mit. Das ist jene Deutung des Holocausts, die in ihm die totale Abweichung von allen gesellschaftlichen und staatlichen Gepflogenheiten erkennt, für die die liberale Epoche steht. So klärungsbedürftig das Wort Zivilisationsbruch auch sein mag, an ihm haben sich, seitdem drei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands auf Hiroshima eine Atombombe abgeworfen wurde, weniger die Gaskammer-Leugner und Manipulierer der Opferzahlen als vielmehr die Nachdenklichen zunächst aus Sorge um Deutschlands Ruf abgearbeitet, um es sich bald schon für die eigene Nutzanwendung anzueignen, die wiederum der Hebung des Rufs Deutschlands in der Welt verpflichtet ist. Vom Gewerkschaftler bis zum kritischen Christen und anderen Verantwortungsethikern, später von den K-Gruppen, manchen RAF-Gefangenen bis hin zu Ökologen und jüngst Gegnern der Corona-Maßnahmen: Zivilisationsbruch wurde und wird als eine Chiffre für die „Banalität des Bösen“ rezipiert, die in der modernen, technisierten und verwalteten Welt beheimatet sei, vor allem dort, wo Antifaschismus demokratisch war und Juden auch heute verglichen mit manchen westeuropäischen Staaten eine sichere und geachtete Existenz führen. Inzwischen kommt die stets von Erfolg gekrönte Recherche nach geschichtlichen Brüchen auch ohne allzu offensichtlichen Antiamerikanismus aus, was den Vorteil hat, dass überall und jederzeit eine auf Wissenschaftsgläubigkeit geschrumpfte positivistische Vernunft, gepaart mit einer parlamentarischen Verfassung samt der dazu gehörenden Öffentlichkeit als banal und böse ausgemacht werden kann.

Dan Diner führte im Oktober 2022 in einem Interview aus: „Der von mir geprägte Begriff ‚Zivilisationsbruch‘ will ja Allgemeineres zum Ausdruck bringen, nämlich, dass es hier um die Zerstörung der Grundlagen von Vernunft und auch von zweckrationalem Handeln gegangen ist. Das ist der Kerngedanke hinter dem, was man heute als Holocaust bezeichnet: Es wurde eine Tat vollzogen, die jenseits von Vernunft steht, und deren Kern die bloße Vernichtung war. Und die wiederum steht außerhalb aller möglichen Formen der Zurichtung von Menschen, auch der Sklaverei, ja auch der kolonialen Ausbeutung, die ja alle die negative Energie von Vernutzung in sich bergen. Das verstehe ich unter Zivilisationsbruch: Etwas, das vorher so noch nie stattgefunden hat, nämlich dieses Töten ohne Zweck, sodass es am Schluss eigentlich nur so etwas gab wie die Vernichtung um des Vernichtens willen.“ (NU, 4.10.2022) Um allen Zweifeln vorzubeugen: Die Bahamas teilt diese Definition, denn ein Bruch in deutscher und in Universalgeschichte war der Holocaust als die präzise ausgeführte Untat nicht nur in ihrem Ausmaß, sondern zugleich in ihrer jedem „rationalen“ Zweck hohnlachenden Intention, die in der Geschichte der Menschheit einzigartig sind.

Zivilisation und Holocaust

Der Holocaust war auch ein Bruch mit Erwartungshaltungen, die in liberale Ideologie, liberales Geschichtsbewusstsein und die liberale Gesellschaft gesetzt wurden. Kein Bruch mit der Zivilisation war die Vernichtung der europäischen Juden, nimmt man die für ihre Konstitution notwendige Produktionsweise nicht aus. Die Entlassung der Einzelnen aus der Gebundenheit an Scholle und Tradition hat das Beste freigesetzt, was menschlicher Erfindungsreichtum in Kunst, Wissenschaft und Philosophie vermag, ohne das Rätsel des ungedeckten Schecks, auf dem das aufruht, zu lüften. Nicht die Krisen allein machten die Leute schwindlig, die Ahnung, dass sie sich ständig wiederholen würden, immer größere Werte vernichten und menschliche Existenzen in den Untergang reißen würden, ließ schon die Staatstheoretiker des 18. Jahrhunderts zurückschrecken, die sich hilflos, aber nicht blind für das, was kommen könnte, der Vorstellung von der großen Produktion widersetzten und den idealen republikanischen Staat als einen von Kleinproduzenten getragenen sich ausmalten, deren Vermögen nur in bescheidenem Maß auf Lohnarbeit basieren sollte.

Zivilisation ist immer auch die Rationalisierung eines durchaus vorstellbaren finalen Schreckens, der in den Alpträumen kleiner und gar nicht so kleiner Geschäftsleute präsent war. Dem Umstand, dass jeden aus heiterem Himmel der gesellschaftliche Tod durch Konkurs ereilen könnte, wurde damit begegnet, dass man den Gesetzen einer Produktionsweise, deren Dynamik man nicht steuern konnte, Rationalität zuerkannte; seither betrieb man Volkswirtschaft. Es gab kein Zurück mehr in bessere Zeiten, nur in den tatsächlichen Tod, der in der embryonalen Haltung des Sterbenden den Traum von den glückseligen Zeiten der Sorglosigkeit grotesk abbildet; das Vertrauen auf fest Gebautes schwand und machte den Einzelnen zum Anhängsel eines Schicksals, dessen aktiver Held zu sein er dann auch noch aufgerufen war. Zivilisation in ihrer staatlichen Gestalt macht zu ihrem Subjekt nicht den freien sich mit anderen freien Subjekten zum gegenseitigen Nutzen austauschenden Privatmann, sondern den Untertan, der angetreten ist, die Krisen des Kapitals mit den Mitteln des Kapitals zu meistern. Im Staat des Kapitals west zwar kein unpersönliches Subjekt, das dem Regierungspersonal einfach ihr Handeln vorschreibt, und doch scheinen hinter ihrem Rücken Kräfte am Werk zu sein, die nicht „entlarvt“ werden können. Es doch zu unternehmen lässt den Einzelnen bei der Suche nach den Urhebern seiner Angst auf pathische Projektion verfallen und auf die Suche nach dem Schädling im Haus ausgehen.

Die Vollstrecker des Holocausts folgten einer Logik, wonach die als besonders wurzellos Diskreditierten in einem Akt der Notwehr zu vernichten seien, um ein für alle Mal die Krise für Krise statthabende Kapitalvernichtung zugunsten ehrlicher Produktion abzuschaffen. Doch eine allgemeine Tendenz und ihre bis zum Äußersten gehende Umsetzung sind nicht das Gleiche, genauso wenig wie der Staatsbürger, wie ohnmächtig und befangen er auch ist, automatisch zum Akklamateur und Vollzugshelfer wird. Es bedurfte der konkreten Ideologen und Akteure, die „die Zerstörung der Grundlagen von Vernunft und auch von zweckrationalem Handeln“ zum Zweck der Vernichtung der Juden zu ihrem Programm gemacht haben, während andere sich dazu entscheiden konnten, mitzutun oder dagegenzuhalten. Das gilt auch wenn man berücksichtigt, dass deutsche Sonderwege dem Bürger teils ausgerissen, vorwiegend aber erst gar nicht eingepflanzt haben, auf sich auch dann noch als autonomes (Wirtschafts-)Subjekt zu reflektieren, wenn es mit der ganzen Bürgerherrlichkeit miserabel bestellt ist. Es war und ist möglich, sich der Mobilisierung zu entziehen und dem sich entgegenzustellen, wohin Zivilisation treibt: zu kollektiver Raserei, die zugleich rationalisierte Raserei ist und nicht so sehr auf Pogrome ausgeht, sondern den kollektiv heraufbeschworenen Schrecken die Passform sachlichen Vollzugs verleiht. Der Nationalsozialismus hat trotz auch dort vorhandener geistesverwandter zeitgenössischer Strömungen in den liberalen Demokratien nicht Fuß fassen können, weil dort die staatliche Formierung noch an Grenzen gestoßen ist, die als common sense der totalen Unterwerfung aus schierer Freiwilligkeit widerstehen. Und doch waren die Bedingungen seiner Möglichkeit nicht deutsch, sondern so international wie das Kapital und so zivilisatorisch, wie eine staatlich verfasste Gesellschaft sein muss, die die Ideen, auf die sie sich beruft, und die Formen, denen sie gehorcht, ihres ursprünglichen Sinns hat berauben müssen.

Zur Verteidigung der Zivilisation

Wenn die Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen also kein Bruch mit der im Begriff und in der Praxis von Zivilisation angelegten letzten Konsequenz war, so ist damit nicht gesagt, dass sich das Unsägliche wiederholen muss, wohl aber, dass die Voraussetzungen für eine Wiederholung weiterhin vorliegen. Das ist vor allem aber nicht nur gegen jene formuliert worden, denen der Imperativ, das alles zu unternehmen sei, dass sich Auschwitz nicht wiederhole, zu folgenlosen Bekennertum geraten ist, das sich schon bald als fester Bestandteil im Arsenal offizieller Ideologieversatzstücke wiederfand, die pflichtschuldig hervorgezerrt werden, wenn Juden in Deutschland angegriffen werden. Nicht nachgefragt sind sie, wenn Mordtaten an Juden in Israel verübt werden, und schon gar nicht, wenn der Holocaust als Völkermord verallgemeinert und dieser als eine von westlicher Herrschaft und Ideologie inspirierte Schandtat gegen Leben, Freiheit und die Identität indigener Völker massenhaft entdeckt wird. Eines muss man den Redenschreibern deutscher Politiker lassen: Sie kommen anders als Paul aus der Verdrängungsfalle nicht heraus und behaupten keinen Bruch mit der vor allem deutschen Geschichte, ohne den Holocaust zu erwähnen; bei ihnen ist von Juden immerhin noch die Rede.

Die Bahamas teilt den Begriff Zivilisationsbruch in präzisierter Form deshalb, weil die Redakteure von der Überzeugung getragen sind, dass es möglich sei, sich der Wiederholung von Auschwitz entgegenzustemmen – und zwar scheinbar widersinnigerweise dadurch, dass sie auf dem, was Zivilisation gegen ihre allgemeine Tendenz hervorgebracht hat, besteht. Weniger irgendein „Erbe des Humanismus“, das wohl bedacht und gelehrt den Einzelnen gegen Barbarei immunisieren könne, ist der Bezugspunkt, sondern zunächst nur die auch im nachliberalen Staat vorhandene Möglichkeit zur Selbstreflexion, die die Anerkennung des Abgespaltetseins von jeder verkündeten Allgemeinheit oder schlimmer noch Gemeinschaft zur Grundlage hat. Damit ist zugleich gesagt, dass dieser Staat, wie haltlos viele seiner Funktionäre und Ideologen auch an seinen Grundlagen rütteln, den Rahmen für unabhängige, auch gegen ihn selbst gerichtete Reflexion abgibt – der Unterschied zwischen zum Beispiel China und der Bundesrepublik Deutschland ist kein gradueller. Selbstreflexion meint ganz individuell die Möglichkeit, dass sich unter bestimmten staatlichen und gesellschaftlichen Bedingungen die Einsicht einstellen kann, dass trotz der Fülle des stofflichen Reichtums und eines Rests von unreglementierter Muße es mit den deshalb scheinbar vor einem liegenden Entfaltungsmöglichkeiten, der Verwirklichung von persönlichem Glück schlecht bestellt ist und materielle Kärglichkeit, Beschränktheit und persönliches Unglück sich mit großer Wahrscheinlichkeit einstellen werden. Doch schon diese Erkenntnis birgt Tücken. Dass man von sich aus zu denken habe, seine zumeist aus der Kunst bezogenen Träume vom Besseren nicht leugnen dürfe, sich nicht mit dem bescheidenen privaten Glück, das es sehr wohl gibt und das zu erhaschen jeder aufgerufen bleibt, zufrieden geben darf, ist nur Voraussetzung für kritisches Denken und ersetzt es nicht. Unterbleibt dieser Schritt vom Persönlichen zum unpersönlichen Allgemeinen, verkümmert Selbstreflexion zur Ermächtigung für anklagend auftretende Bekenner des eigenen Unglücks, die sich heute als Propheten des Untergangs und erst deshalb als sensible Seelen präsentieren und sich entweder in fade Utopie flüchten oder gleich zur Lebensreform aufrufen.

Auf unabsehbare Zeit ist das Vernünftige, das privates Unglück minimiert und den Alptraum vom immer drohenden Untergang aus der Welt schafft, mithin die Einführung einer Produktion, die keine Waren, sondern Gebrauchsgüter schafft, nicht zu verwirklichen. Radikale Veränderung, der Sturz der krank machenden Verhältnisse kann heute nur im Triumph des totalen Staates nach chinesischem Vorbild enden, oder, wenn weiterhin „unseren Kindern“ (Bettina Jarasch), die moslemisch sind, carte blanche gezeigt wird, in der Radikalisierung und Verstetigung schwedischer Verhältnisse. Jedem Bekennertum, jedem Herumzeigen der eigenen Wunden ist mit Misstrauen zu begegnen, weil darin der Aufruf zu Enthemmung und Exhibitionismus enthalten ist, was mit der mutwilligen Preisgabe der durchaus vorhandenen zivilisatorischen Restposten einhergeht, ohne die noch die pseudoexpressionistischen Schreie nach Rache an den fürs eigene Unglück angeblich Verantwortlichen unmöglich wären.

Endlich selber Opfer sein

Die grundstürzenden Ereignisse, von denen Paul spricht, ohne sie zu benennen, sind die Zwangsmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, zu denen phasenweise die Verhängung des Ausnahmezustands gehörte. Wieder links gewordene Leute, die nicht mit einem selbstgebastelten gelben Stern auf Protestumzüge gehen würden, erkennen darin einen zweiten, schon stattgehabten Zivilisationsbruch, der die gesamte Bevölkerung zu Opfern gemacht hätte. Wer gegen diese Behauptung darauf beharrt, dass auch vor dem Hintergrund der infamen Mobilisierung von Staatsgewalt und öffentlicher Meinung gegen Abweichler oder des höchstrichterlich abgenickten Rechtsbruchs, der die kollektiven Freiheitsberaubungen in den Lockdown-Perioden legitimierte, „etwas von der Freiheit zu erhalten und weiter auszubreiten (sei), die wir noch von der Bürgerlichen Gesellschaft übernommen haben, und die im Begriff ist, unterzugehen“ (Horkheimer) verfällt dem Verdikt der Kollaboration mit dem nicht mehr postfaschistischen, sondern irgendwie schon wieder faschistischen Staat. In die Welt gesetzt wird seit bald drei Jahren nicht mehr die Warnung vor dem Bruch mit der Geschichte, nicht einmal die Prophezeiung eines solchen Bruchs genügt den Enragierten. Sie melden Vollzug und behaupten, er sei bereits eingetreten. Zum Beleg zeigen sie ihre Wunden her, die sie in den Monaten des Lockdowns und unterm Impfdiktat erlitten haben wollen. Was sind dagegen die von den Jenin- und Märtyrerbrigaden ermordeten israelischen Juden der letzten Monate im Jahr 2022, die am Tag der Befreiung von Auschwitz, am 27.1.2023 abgeschlachteten Synagogen-Besucher in Jerusalem oder die kongenialen Propagandaaktivitäten des von der Kulturstaatssekretärin Roth protegierten Kulturdschihadisten Bonaventure Soh Bejeng Ndikung? Paul und mit ihm viele Erregte wissen es: Schon die Hervorhebung dieser Mordtaten und der Verweis auf die im deutschen Kultursektor aktiven Komplizen sind Verdrängungsleistungen, die vom eigentlichen Grauen ablenken sollen, dessen Opfer endlich einmal wir sein dürfen.

Dan Diner hatte gar nicht nur an die Deutschen gerichtet beschwörend den Hinweis gegeben: „Der Holocaust ist das Kainsmal unserer Zivilisation. Die Besonderheit des Holocaust ist nicht besonders, weil es Juden getroffen hat, sondern weil es Menschen angetan wurde. Nun verbindet sich allerdings im allgemeinen Bewusstsein diese negative menschheitliche Dimension mit Bildern von Juden, die man in der christlichen Kultur findet. Der Holocaust war, wenn man so will, eine negative Erwählung der Juden in den Tod. Und der klassische Antisemitismus richtet sich gegen die Juden in der Vorstellung, dass sie von sich ein Bewusstsein von Erwähltheit haben. Da verschmelzen beide Dinge. Beide haben etwas mit einer Besonderheit zu tun, die in einer Gesellschaft, die immer stärker auf Gleichheit achtet, als unerträglich empfunden wird – also die Unerträglichkeit des Opfers.“ Nicht nur Deutsche arbeiten sich neidisch und rachsüchtig daran ab, dass die Juden und nicht deine oder meine Vorfahren als Opfer ausgewählt und mit ihnen entsprechend verfahren wurde. Dass man ausgeschlossen ist von etwas Unerträglichem treibt jene Moslems um, die den Holocaust als Ehrentitel für das Schicksal ihrer palästinensischen Brüder und Schwestern reklamieren und wegen allseitiger Islamophobie auch für die gesamte Umma und es rumort in den Resolutionen der wirklichen oder selbst ermächtigten Sprecher von früher unter koloniale Herrschaft gezwungenen „Völkern“. Dieses Ressentiment ist schon in den Phantasien einer Ulrike Meinhof vor 50 Jahren anzutreffen, die statt im Gefängnis in einer Gaskammer zu sitzen glaubte und in einem Kassiber-Text schrieb, „der politische begriff für toten trakt, köln, das sage ich ganz klar, ist das gas. meine auschwitzphantasien da drin waren realistisch“ (zitiert nach Uli Krugs bedeutendem Artikel Gefühltes Gas, der am 2.5.2007 in der Jungle World erschienen ist) und wird aktuell von wieder links gewordenen Aufgeregten und ihren zahlreichen Bewunderern aufgenommen, die in der im Sommer 2022 erschienen Broschüre Der Erreger # 2 von „zu Tode Gespritzten“ (S. 9) daherfaseln und damit nicht die Ermordung Tausender Juden durch Phenol-Spritzen in Auschwitz meinten, sondern die „Opfer“ deutscher Ärzte in den Impfzentren der Bundesrepublik Deutschland 2021 f. In einem derzeit breit herumgereichten Exportprodukt aus Frankreich werden die Auschwitzphantasien Ulrike Meinhofs, die wirklich viele Monate lang in Isolationshaft gehalten wurde, aufs Zartfühlendste aufgegriffen und zur Rache aufgerufen: „Wir wollen uns rächen. Uns rächen für diese zwei Jahre weißer Folter. Dafür, dass man uns den Arm verdreht hat, damit wir uns impfen lassen. Für die Toten, die wir nicht beerdigen konnten. Für die verlorenen Freunde, übel zugerichtet oder auf Beruhigungsmitteln. Für die sich ausdehnende Wüste. Für die erzwungene Stille. Für die galaktischen Bären, die sie uns aufgebunden haben. Für die Beleidigungen der Logik. Für das vernarbte Zartgefühl. Für die Alten, die man ohne Vorwarnung fallen ließ, und die Kinder, die man ohne Grund misshandelte.“ (Konspirationistisches Manifest, 2022, www.magazinredaktion.tk) Von der weißen Folter, die in der Verhängung von Ausgangssperren erkannt wird, ist der Weg zur ganz großen Opferaneignung nicht weit, denn genau danach greift deutsche Befindlichkeit aus, wenn sie wesenhaft wird. Wenn einer Notstands-Periode mit Option auf Wiederholung unterstellt wird, was sie nicht ist, das Vorspiel oder gar schon der erste Akt einer Reprise des Nationalsozialismus, die den Holocaust an der eigenen Bevölkerung wahrscheinlich erscheinen lasse, dann muss der Antisemitismus als die konkrete Vernichtungsdrohung gegen Leute, die aus der Gemeinschaft der Deutschen vorab ausgeschlossen waren, in den Bereich der Nebenwidersprüche verbannt werden. Im schlimmsten Fall klingt das so: „Was Drosten, Wieler, Lauterbach und andere Coronagenießer tatsächlich von Mengele oder Eichmann unterscheidet, ist nicht der Charakter, sondern einzig die historische Gelegenheit.“ (Erreger # 2, 9)

Dr. Drosten und Dr. Mengele

Im Tun der Schreibtischtäter, des von ihnen ausgehenden kalten sachlichen Vollzugs manifestiere sich eine Vernunft, die der Vernichtung von sechs Millionen Menschen die Gestalt von Verwaltungshandeln gegeben habe, das verwandt auch in den Zentralen internationaler Konzerne oder den Bürokratien westlicher Demokratien anzutreffen sei, heißt es. Man hat es ungeprüft aufgeschnappt, um die ausführenden Bürokraten in der Exekution sehr unterschiedlicher Staatszwecke sich gleich werden zu lassen. Die Massenerschießungen von Juden ab dem Sommer 1941 auf dem Gebiet der Sowjetunion, Polens und des Baltikums mit bis zu zwei Millionen Ermordeten waren zum Teil öffentliche Veranstaltungen, denen Wehrmachtssoldaten und Zivilisten mit Begeisterung und Mordlust als Zuschauer beiwohnten und die Vollstrecker zu entsprechend stolzen Vollzugsmeldungen an die Lieben zu Hause bewegte. Der Unterschied zwischen Eichmann und Lauterbrach und Dr. Mengele und Dr. Drosten besteht darin, dass die einen aus Überzeugung und Mordlust in verantwortungsvoller Position an der Durchführung eines Vernichtungsprogramms mitgewirkt, die anderen, verblendet, eitel und kritikresistent ein Notstandsprogramm führend mit auf den Weg gebracht haben, das mit Massenmord weder in der Ausführung noch in der Intention etwas zu tun hat – wollte man nicht Impfungen mit unzureichend geprüften Seren mit Massenmord oder wenigstens doch versuchtem Massenmord gleichsetzen. Doch offenbar ging es genau um diese Gleichsetzung – soviel zur Banalität des Bösen, so viel aber auch zu einem neuen linken Spektrum, dessen Angehörige weder aus dem Milieu pathologischer Impfgegner stammen noch mit der traditionellen radikalen Linken viel gemein haben und doch nach dem Studium von Marx, Freud und Adorno sich daran machten, einen geschichtlichen Bruch auszukundschaften, der einen dann ermächtigen würde, mit den Hinterlassenschaften der Klassiker abzuräumen.

In den Corona-Jahren fühlte sich das leidende Individuum ermächtigt, einmal ganz unbefangen in der ersten Person zu reden – und zwar öffentlich im persönlichen Tagebuch, das vor allem in den sozialen Medien als intime Minima Moralia herumgereicht wurde, über seine Leiden, Ängste und Beschädigungen sich auszumähren. Weil aber Jammern selbst verwandt sensiblen Seelen auf die Nerven geht und das wohlgemerkt öffentliche Herzeigen der eigenen Verwundbarkeit langweilt, verschwindet das fordernd auftretende Ich umstandslos in einem allgemeinen Drumrum. Nichts sei mehr so, wie es vor 2020 einmal gewesen sei, das ist die Botschaft. Die Voraussetzungen dafür, innerhalb des Schlechten gegen das drohende ganz Schlechte, also die Katastrophe zu widerstehen, seien aufgebraucht, heißt es, schließlich seien „wir“ „an das Ende einer Epoche angelangt, in der Freiheit stets Ideologie, nie aber bloßer Trug war, und in der es denkenden Wesen möglich war, reale und universelle Freiheit wenigstens geistig zu antizipieren.“ (S. 131) Das schreibt einer, dem noch nicht einmal auffällt, dass er seinen Erguss trotzdem zu Papier bringen und veröffentlichen konnte. Im Editorial von Der Erreger # 2 wird der Mengele-Drosten-Vergleich nicht nur als eine Frage unterschiedlicher Gelegenheiten bemüht, sondern das Impfregime mit dem Endlösungsregime auch dem Ergebnis nach zusammengeführt. Dem Corona-Staat gehe es darum, „von den unzähligen Opfern des medizinischen Großexperiments abzulenken und die eigene Verantwortung an diesem Verbrechen globalen Ausmaßes beiseitezuschieben“ (S. 1).

Woraus auch folge, dass Impfpflicht zum Weltkrieg führe, der selbstredend schon begonnen hat. Im Editorial, also an programmatischem Ort heißt es: „Keine Parteien mehr, nur noch Ukrainer und der neue ‚Hitler‘ im Osten. Aufgestauter Frust wandelt sich in glühende Kriegsbegeisterung, die vielleicht noch anzutreffende Distanz zur Welt wird eingezogen und durch die blanke Parteinahme für einen Staatenblock ersetzt. Für eine ‚Freiheit‘, die im ‚Westen‘ nichtmal mehr ein Phantom ist. Von der Impf- zur Wehrpflicht ist es nur ein kleiner Schritt.“ (Hervorhebung im Original). Der eine Hitler ist mit Gänsefüßchen bedacht, der veritable Wiedergänger dagegen, der Jude ist, ruft „aus seinem Führerbunker [...] international dazu auf, dass sich gerne Freischärler aus aller Welt in den ukrainischen Kampf stürzen dürfen (was eine unbekannte Zahl organisierter Faschisten aus dem Westen ohnehin schon tut.)“ (S. 2). Das ist so erschienen im Juli 2022 und zirkuliert seither unbeanstandet als beachtlicher Denkanstoß gegen das Verdrängen und Vergessen der leider zu Ende gegangenen Corona-Jahre unter kritisch sein wollenden Leuten. Um den Zynismus solcher irren Geschichtsklitterung auf den Punkt zu bringen, sei aus einer Rede des echten Hitlers vom 30.1.1939 zitiert, der bekanntlich schon bald nach der Verpflichtung aller Volksgenossen zur Treue die allgemeinen Wehrpflicht eingeführt hat: „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Wie Auschwitz nach Dachau verlegt wurde

Die Bahamas vermeidet nicht nur aus Abscheu vor schlechtem Stil sich so unbekümmert zu äußern wie einem gerade ist, ihre Redakteure wissen, dass als Kritik drapierte Herzensergießungen gequälter Seelen in Deutschland immer auf die Selbststilisierung als eigentliches Opfer geschichtlicher Brüche hinauslaufen. Solche Selbstgespräche führen nicht nur zu Faschismus-Analogien, sondern, weil sie in Deutschland präsentiert werden, zwingend zur nationalen Konkretisierung: der Analogie mit dem Nationalsozialismus. Vom Faschismus-Vorwurf hat am lautesten, wenn auch bei weitem nicht so wirkungsvoll wie erhofft, der Staat, seine Medienmeute und die Antifa Gebrauch gemacht. Der scheidende regierende Bürgermeister Müller von der SPD hatte im November 2021 einer AfD-Abgeordneten zugerufen: „Sie versuchen hier, einen Popanz aufzubauen! Dass wir die armen Ungeimpften drangsalieren, ausschließen. Ja, das mag für Ihre Klientel so sein, für die Sie hier gesprochen haben. Es geht nicht mehr, dass eine Minderheit dauerhaft eine Mehrheit dominiert und deren Gesundheit gefährdet!“ (Berliner Zeitung, 18.11.2021). Nur drei Monate bevor der Spuk vorbei war, hat er bekräftigt, was die AfD ihm vorwarf: Er war aus tiefstem Herzen bereit, seine Gegner im Namen der Mehrheit zu drangsalieren und aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen, wofür er auch alles getan hat, was in seiner nicht allzu großen Macht stand. Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit, heißt das auf gut Antifa-Deutsch.

Während Müller noch das demokratische Deutschland gegen „die armen Ungeimpften“ mobilisieren wollte, die ihm via AfD zu den Wiedergängern der Nazis gerieten, waren andere schon den entscheidenden Schritt weiter. Müllers NS-Analogie rekurrierte auf die Jahre vor dem 9.11.1938, linke Maßnahmegegner haben die Hürde, die die Reichspogromnacht, der 1.9.1939 und entscheidender noch der Juni 1941 bedeuten, locker genommen und machen ganz unverkrampft in Antifaschismus aus Opferneid. Damit haben sie Anschluss gefunden an die inzwischen herrschende antifaschistische Staatsraison, denn Antifaschisten aller couleur haben den Unterschied nie verwunden, dass der deutsche Faschismus nationalsozialistisch war und an den Juden und eben nicht seinen politischen Gegnern eine Zäsur vollzogen hat, der Schrecken singulären Ausmaßes nicht über die Menschheit oder wenigstens die Deutschen, sondern über die europäischen Juden gebracht hat. Zur Bemühung des Faschismus als die Schrift an der Wand gehört immer auch die Aneignung des Holocaust für nationale Zwecke. In einem Lied von Ernst Busch auf einen Text von Jewgeni Jewtuschenko aus dem Jahr 1967 heißt es: „In jenen Nächten da die Flammen lohten, / und Ofenzug durch meine Asche fuhr, / stieg ich als Rauch empor aus Dachaus Schloten / und sank herab lebendig auf die Flur. / Ich wollt mich rächen meinem Tod entstiegen / an manchem der mich noch für Asche hält / wie kann ich ruhig in der Erde liegen: Solang die Mörder leben auf der Welt, / Solang die Mörder leben auf der Welt.“

Beginnend mit den Demonstrationen vom Sommer 2020 war es absolutes Muss, den Querdenkern (damals nannten sie sich noch selber so) Antisemitismus zu unterstellen, weil sie mit plumperen Mitteln als die traditionelle Antifa Auschwitz nach Dachau verpflanzten und sich als Opfer des Faschismus gerierten. Die von der Staatsantifa wie der Bürgermeister Müller hatten den Impfverweigerern nicht nur unterstellt, sie „gefährdeten“ die Gesundheit der Mehrheit, andere wie Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery oder Marie-Agnes Strack-Zimmermann sprachen längst von der Tyrannei der Ungeimpften. Der Vorwurf des Massenmords an die Gegner der Regierungslinie, beinhaltete allerdings nicht die Vorstellung, dass man die sehr unterschiedlichen Gegner der Corona-Maßnahmen als die Auserwählten stigmatisieren könnte, die man in Notwehr für die Vernichtung auswählen müsse. Die NS-Analogien der zunächst nicht aus der radikalen Linken stammenden Maßnahmengegner, von der Schülerin, die sich während des Lockdowns wie Anne Frank fühlte, bis hin zur Präsentation von KZ-Binden und Judensternen auf Demonstrationen und Sonntagsspaziergängen verweisen dagegen auf Täterbilder, die nach dem Vorbild eines Eichmanns oder Mengele geformt sind, und dienen zugleich der Selbstdarstellung als mit den fürs Opfer Erwählten. Jene, die auf der Straße die geplante Impfpflicht und den Abstands- und Maskenzwang ablehnten, haben zum Jahreswechsel 2021/22 dazu beigetragen, dass insbesondere die Ordnungsbehörden wegen drohender Unkalkulierbarkeit der Lage zum Rückzug drängten, der im März 2022 dann im deutschen Bundestag als Abstimmungs-Farce in Sachen Impfpflicht auch erfolgt ist. Das ändert nichts daran, dass ihre propagandistischen Scheußlichkeiten harmloser würden, weil die mit den Judenbinden und den selbstgebastelten Lagertoren mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ nicht so zahlreich waren und Opferneid und Antisemitismus nicht das Gleiche sind. Schon die Friedensdemonstrationen im Herbst 2022 in Ostdeutschland haben gezeigt, dass thüringische Erregte und kommunistische Politikstrategen aus Berlin sich einig sind. Hinter ihnen liegt der Faschismus und vor ihnen die Hoffnung auf einen Nürnberger Prozess, denn es gilt: „wenn schon keine Revolution, dann doch wenigstens Bestrafung der Täter“ und schon deshalb: „Enteignet BioNTech! Und: Nürnberg 2.0 für Politiker, Richter, Journalisten, Ärzte, Wissenschaftler, Lehrer, Denunzianten usw. Darunter geht es nicht.“ (Erreger # 2, 9)

War der Corona-Staat faschistisch?

Noch an der Analyse der radikalen Corona-Kritiker ist fast alles falsch. Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland hat sich während der Corona-Jahre als weniger verhetzt erwiesen, als zu befürchten war. Wer nicht in seiner mentalen Volxküche zusammen mit anderen Unentwegten ausharrte, konnte bemerken, dass nach einer Schockstarre, die bis in den Herbst 2020 anhielt, unter Kollegen, Nachbarn, Verwandten die Zweifel wuchsen und einst strikte Befürworter des Regierungskurses ihre Zweifel anmeldeten und manchmal sogar zu Gegnern wurden – allerdings nicht öffentlich. Die deutsche Gesellschaft hat sich auch als gespaltener erwiesen, als anzunehmen war, die Kluft zwischen den Gefolgsleuten und häufig auch Nutznießern des Systems und jenen mit den kleinen Einkommen und geringem Bildungsgrad, zu denen auch viele der bei Polizei und Ordnungsämtern Angestellten gehören, hat sich vertieft. Auch deshalb hat sich das Maßnahmenregime einfach verabschiedet, lässt seine Notstandsgesetze auslaufen und gibt sogar den Zwang zum Tragen der stigmatisierenden Masken auf, was nicht heißt, dass man sie nicht zügig wieder einführen würde – bei Gelegenheit. Die öffentlichen Verlautbarungen sind von der Haltet-den-Dieb-Rhetorik gegen jeden des potenziellen Mordes geziehenen Zweifler der „Erkenntnis“ gewichen, dass man mit dem Virus leben müsse. Was in vielen europäischen Ländern schon längst empfohlen und dann auch praktiziert wurde, ist genauso unvermittelt über die Deutschen hereingebrochen wie die Zwangsmaßnahmen seit dem Frühjahr 2020. Die Bevölkerung in ihrer Mehrheit hat sich immunisiert gegen das propagandistische Dauerfeuer und doch ist nichts wie vorher. Jenes Realitätsprinzip, das auch das postfaschistische Deutschland sich als Geschäftsgrundlage gegeben hat, wonach staatlichen Entscheidungen ein Mindestmaß von vorurteilsfrei gewonnener Expertise zugrunde liegen müsse und der Medienbetrieb sich nicht zum Sprachrohr der Einpeitscher machen, sondern wenigstens in bescheidenem Maß Debatte zulassen müsse, ist aufgegeben worden zugunsten von hemmungslosem Aktivismus gepaart mit noch hemmungsloserer Propaganda. Das Vertrauen in rationales und transparentes Staatshandeln ist so sehr erschüttert worden, dass der Zerfall der Gesellschaft in Sonderbewusstseinsmonaden oder entsprechenden Gruppen weiter um sich greift. Neben den öffentlich-rechtlichen und sonst als seriös geltenden Medien, die sich ohne Not als Propagandawerkzeuge angeboten haben, blüht der Wahnsinn im Netz, aus dem inzwischen jeder die unabhängigen Informationen bezieht, die er als Füllstoff für die vorab schon feststehende Meinung benötigt. Was der Krisenstaat vorgegeben hat: Willkür und Aberwitz, leisten sich seine Bürger erst recht. Paranoid war nicht nur die Corona-Politik, paranoid wurden die Bürger, gleich welchem Lager sie sich zugewandt haben. Die Corona-Jahre werden sich im guten, aber unwahrscheinlichen Fall als Warnung vor zukünftig geplanten oder doch empfohlenen staatlich verhängten Schrecken einprägen und mehr Leute öffentlich auf Distanz gehen lassen als in den Jahren 2020 ff. Im schlechteren, aber wahrscheinlichen Fall wird so getan, als sei nichts gewesen, und weitergewurstelt werden im Wissen, dass die autoritäre Großinszenierung Corona im Arsenal von Politik, Propaganda und Repression eingelagert werden kann bis zum nächsten Bedarfsfall.

Und noch das inflationär gebrauchte Wort von der Mobilisierung in Permanenz hat seine Berechtigung. Nicht so sehr, weil die Leute in die Impfzentren gegangen sind, sondern deshalb, weil die Bevölkerung in immer größerer Zahl im ideologischen Raum ihr Fortkommen suchen muss und Paketausträger oder die Angehörigen von Putzkolonnen nicht aufwiegen können, was im Staatssektor oder in ihn bedienenden Zuliefererbetrieben unterkommen muss, bzw. einer Ökonomie angehört, die am Staatstropf hängt. Die Verbeamtung immer größerer Kreise der Bevölkerung, die Aufwertung subalterner Gestalten wie zum Beispiel Krankenschwestern zu Heilsbringern und Ansagern ist in der Vereinheitlichung in Sprache und Haltung als Ausdruck der ständigen Abrufbarkeit des ganzen Menschen fürs propagierte Staatsziel tief verinnerlicht. Angst und autoritäre Mitmachbereitschaft, die Lust, anderen nicht nur moralisch den Marsch blasen zu können, der für die meisten von ihnen nicht erfüllbare Traum, dadurch nahe an den Pfründen zu sein und dem ökonomischen Untergang vorbauen zu können, macht sie gefährlicher als eine Sahra Wagenknecht und ihre Bewunderer.

Schluss mit luxuriöser Kritik!

Am Ton kann man sie erkennen und den stimmt die Kulturindustrie an, die häufig in Form von Kulturmanufakturen und anderen Start-Up-Betrieben anzutreffen ist. Die autoritären Mitmacher halten sich einiges darauf zugute, sensibel und verletzlich zu sein, sie sind kreativ und kennen sich nicht nur im Aufstellen von Betroffenheitskerzen bestens aus. Sie lieben nicht nur „die leisen Töne“ in Filmen, die „unter die Haut gehen“, sie können auch anders und gehen bei einem klimabewegten „how dare you!“ begeistert mit. Vor allem sind sie die Eltern, Geschwister, Kommilitonen, Kollegen von Bahamas-Redakteuren genauso wie von jenen, die wegen Corona sich gerade gegen die Zivilisation aufstellen. Scheinbar gegen das mit der Partei Die Grünen allzu simpel identifizierte staatsnahe Milieu, in Wirklichkeit mit deren Mitteln vollziehen die neuen Radikalen den Bruch mit einer Tradition nach, die nicht erst ihnen zu schwer geworden ist. Als wären es nicht die eigenen Altvorderen gewesen, die sich beginnend in den 1970er-Jahren als erklärte Neue Linke frei gemacht haben von den Zumutungen, die das Studium aller kritischen Theorie genauso bedeutet wie die Beschwerlichkeiten beim Anhören von in revolutionärer Absicht geschriebener Musik von Luigi Nono, wird heute, auch wenn es nicht um irgendwelche Schlager geht, die man sich dauernd gegenseitig empfiehlt, gerade dann, wenn es um „Katastrophen“ geht, der leichte Ton gesucht, der poetisch sein soll und endlich das Lied über uns selber prägt. Das ist nicht neu unter Linken, neu ist es auch nicht, dass die zur Eskalation drängende Rhetorik, die vom Bruch nicht lassen kann, mit allem abräumt, wofür die aus dem Exil zurückgekehrten Mitglieder des Frankfurter Instituts für Sozialforschung einstanden und schon ab 1967 ff. von Erregten angefeindet wurden: „Nicht retten oder verteidigen wollen. Nicht das ‚private Glück, das es nicht gibt und als letztes den ‚Westen‘. Die reine Absicht konservieren zu wollen, ist im Grunde mit den Verhältnissen einverstanden und macht vergessen, dass sie unbeirrt von jeder Wehklage weiter zum Desaster drängen. Ruhigere, bürgerliche Zeiten, die eine luxuriöse Kritik zuließen, werden nicht wiederkommen.“ (Erreger # 2, 57)

Auf der Suche nach echter Gemeinschaft

Man sucht den Anschluss an schimmlige deutsche Ideologie, zu denen die erstmals um 1900 verspürten Erweckungserlebnisse auf dem Monte Verita genauso gehören wie die gesunde Mischung aus „Gefühl und Härte“ deutscher Autonomer der frühen 1980er Jahre. Wie bei den Lebensreformern aller Generationen ist Selbsterfahrung wieder angesagt: „Man muss heute nicht mehr nur danach streben, Kritik zu üben, sondern sie zu leben; nicht mehr bloß danach, Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern sie zu verwirklichen. Es geht um die praktische Erfahrung der Negation. Exibitionismus als Waffe.“ (Erreger # 2, Editorial, Hervorhebung im Original) Am Ende wird Im Stil einer RAF-Erklärung eingehämmert: „Seinen eigenen Sinnen trauen. Die Katastrophe die uns umgibt wahrnehmen“. (S. 57) Die Haltung verlangt nach sprachlicher Aufrüstung: Schreit es heraus, was mit euch geschehen ist, und lernt sensibel zu sein! Nehmt den geschichtlichen Bruch, das behauptete Ende der persönlichen Freiheit im nachliberalen Staat als Selbstermächtigung! Radikale Rhetorik aus dritter Hand wird Pflicht, die Sprache des Feuilletons ersetzt die Kritik.

Folgerichtig kommt der älteste Ladenhüter frisch auf den Tisch, der alten Öko-Zauseln Tränen der Rührung in die Augen treibt und jungen Klimaklebern ihren kruppstahlharten Blick nach vorn verleiht: Auserwähltseinsdünkel und Gemeinschaft: „Was uns zusammenhält ist die Klarheit der gemeinsamen Wahrnehmungen und die Entschlossenheit, sie zur Kenntnis zu nehmen.“ Man wolle „einen Neubeginn mit vorbereiten helfen, der davon ausgehen muss, wieder in einem gemeinsamen Geist über die gleiche Sache zu reden: In der Gewissheit, dass es heute notwendiger denn je ist, die Welt und das Leben grundsätzlich zu verändern und sich aus dem Zuschauer-Dasein zu befreien. Alles, was man weiß, vergessen. Immer neu loslegen wie neu. (Erreger # 2, Editorial, kursiv im Original, Hervorhebung in Fettschrift, die Red.)

Dabei ist neu loslegen längst angesagt bei Leuten, die noch nicht einmal etwas zu vergessen haben. Das gilt für die Lumbung-Professoren in der Kasseler und der Hamburger Kunsthochschule genauso wie für jene Marokkaner, die in Brüssel und anderswo nicht etwa die Niederlage der marokkanischen Fußballmannschaft über die belgische, sondern deren Sieg zum Anlass für Randale nahmen. Seit die arabische Straße, die auch einmal afghanisch sein kann, in Permanenz revoltiert und Klimakleber und Baumhausbauer reihenweise moralische Persilscheine von Politikern und Richtern verpasst bekommen, seit Greta Thunberg unter Bezug auf die BDS-Aktivistin Naomi Klein Israel Kriegsverbrechen vorwirft, stellt sich die Frage nach der Alternative nicht neu. Auch hier hat kein Bruch stattgefunden, sondern sich nur verstetigt, was Ulrike Meinhof uns mitzuteilen hatte. Das bloße Kokettieren mit Konspirationen, sozialer Widerstand geheißenen Aufläufen von Russlandverstehern aus Sachsen und Thüringen oder einer von einem ausgewiesenen Antisemiten angeführten Protestbewegung in Frankreich ist selbst verordnete Amnesie. In einer Zeit, in der Linksradikale den Grünen mangelnde Radikalität bei der Durchsetzung der Klimawende vorwerfen, und anscheinend alle Linke ausgerechnet der Wahlpalästinenserin und Putinistin Wagenknecht für ihre Bemerkung „Für mich sind die Grünen die heuchlerischste, abgehobenste, verlogenste, inkompetenteste und gemessen an dem Schaden, den sie verursachen, derzeit auch die gefährlichste Partei, die wir aktuell im Bundestag haben“ frenetisch Beifall zollen, ist es kein Wunder, wenn wegen Corona Erregte genau bei jenen von Staat und Medien gehätschelten Radikalen anknüpfen, die „gegen die Arroganz der Mächtigen“ und andere „Dreckskerle“ für den Erhalt „der ruinierten Erde und die sterbenden Ozeane“ kämpfen und, obwohl sie über die Konkurrenz persönlich verschnupft waren, als autoritäre Panikmacher das Corona-Regime ganz maßgeblich mit angestoßen haben.

Die Welt als Wille und Vorstellung

Von der in ihrer Durchsetzung fürchterlichen französische Revolution von 1789 ff. bliebe nur noch ein von Blutdurst und Gemetzel geleitetes Schauerstück zurück, wäre sie ganz von dem charakterisiert, wodurch sich besonders erregte Journalisten wie Jean Paul Marat und vor allem Jacques René Hébert hervorgetan haben, dem besinnungslosen Ruf nach Rache. Der wird heute formuliert von Leuten, die sich als die Advokaten der Revolution zwar nur selber feiern, aber in Frankreich nicht sehr begeistert, aber doch zahlreich rezipiert werden. Als wäre die Sprache der Pamphlete der französischen Revolution nicht abstoßend genug, wird heute deren brutaler Gestus, der mit an Rousseau geschulter Empfindsamkeit einher geht, zu einer Rhetorik der Rache vermischt, die von Hébert nur noch die Derbheiten übernimmt und Rousseaus Sprache in eine Lützerath-Predigt verwandelt. Für jeden ist etwas dabei. „Wir wollen uns rächen“ sagen sie und meinen damit nicht nur „diese zwei Jahre weißer Folter“, von denen weiter oben schon die Rede war. Denn so geht es im Stil schlechtester J’accuse-Pamphlete weiter: „Uns rächen für die ruinierte Erde und die sterbenden Ozeane. Für die prächtigen Wesen, die von der Fortschrittsmaschine zermalmt wurden, und die Heiligen, die in der Anstalt landeten. Für die ermordeten Städte und das versiegelte Land. Für die Beleidigung dieser Welt und aller nie entstandenen Welten. Für all die Besiegten der Geschichte, deren Namen man nie feiert. Uns rächen für die Arroganz der Mächtigen und die abgrundtiefe Dummheit der Manager. Für die Gewissheit, dass es ihr gutes Recht wäre, die anderen zu zerquetschen. Für die Unverschämtheit, mit der sie nach der Fortsetzung ihres räuberischen Kurs streben. Dafür, dass sie es vermochten, uns in den Zustand der Verwirrung, des Zweifels und der Hilflosigkeit zu setzen. Man erkennt dieser Tage die Dreckskerle daran, dass sie nie sagen, was sie wollen, dass sie sogar behaupten, gar nichts zu wollen, und dass im übrigen niemand jemals etwas will. Und das bildet gerade die Voraussetzung für all ihre kleinen, unaufhörlichen Machenschaften.“ (Konspirationistisches Manifest)

Was schon in Frankreich dumm und gefährlich ist, aber dort zumeist schulterzuckend als Neuaufguss einer nationalen Untugend erkannt und schnell beiseite geschoben wird, mausert sich in Deutschland zum Dernier Crie. Denn noch authentischer und damit realistischer als die wahlverwandte, aber etwas spröde Losung „Seinen eigenen Sinnen trauen. Die Katastrophe die uns umgibt wahrnehmen“, klingt in deutschen Ohren der französische Sprachmüll mit seinen ermordeten Städten und Anstaltsheiligen auf alle Fälle. Unübertroffen bleibt die als Wille und Vorstellung präsentierte Welt von Konspirationisten und Erregten dann aber doch im Diktum von Ulrike Meinhof: „Meine auschwitzphantasien da drin waren realistisch.“

Redaktion Bahamas (Bahamas 91 / 2023)

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