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Vortrag zur Veranstaltung am 26.8.03 in Berlin:

Bowling für Hussein.Amerika in der Wahnwelt des Michael Moore – und nicht nur in seiner

 

Nicht nur wegen des ständigen zunehmenden Analphabetismus, mindestens aber Illiteralität, kommt dem Film als Medium des Konformismus, eine die Hetzschrift womöglich noch übertreffende Bedeutung zu. Sprache verrät eben viel eher als das Bild, wenn sie zum Lügen benutzt wird. Wo sich der Schreibende in – aufgrund der affektiven Distanz des Lesers zum Geschriebenen – bemerkbare Widersprüche und Unsinnigkeit verheddert, da suggeriert das Bild immer schon keinen Einspruch evozierende und auch keinen Einspruch duldende Authenzität. Es umgeht die Reflexion und dockt fast unmerklich ans Vor- und Nichtreflexive im Seelenleben des Rezipienten an. Das Bild entspricht der „Sprache“ des Verdrängten, der Angst und dem Haß, der in situativen Bildfetzen aus frühen Lebensphasen aufbewahrt ist: darin liegt der Funktionsmechanismus des bildgewordenen Antisemitismus, der Inszenierung von Kindern, die angeblich von einer angeblichen Übermacht getötet werden – siehe palästinensische Propaganda. Ein schlechter Film ist, der diese Qualität des Bildes nicht mit ästhetischen Mitteln zu konterkarieren sucht; ein Propagandafilm ist einer, der diese Qualität absichtlich nutzt, ganz gleich, welche Motive im einzelnen der Filmemacher nun verfolgte, oder welche offensichtlich ihn verfolgen wie im Falle von Michael Moores Bowling For Columbine.

 

Als ich mir vor Wochen – quasi als Auffrischung – das Video von „Bowling For Columbine“ alleine zu Hause ansah, beschlich mich wieder dieselbe Beklemmung, die ich empfunden hatte als ich ihn das erste Mal im Kino sah: Auch ohne die Begleiterscheinungen einer öffentlichen Moore-Vorführung in Deutschland bleibt das Machwerk zutiefst deprimierend – Begleiterscheinungen wie die johlende Begeisterung und überhaupt die kollektive Stammtischstimmung, die im wispernden, glucksenden und schnatternden Kinosaal herrscht, wenn endlich mal ein Amerikaner einem aus tiefster Seele spricht, einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der einen ermuntert, alle Hemmungen fahren zu lassen, und endlich herauskotzen zu dürfen, was ganze Generationen von Deutschen schon immer über den Ami und seine blutrünstig-minderwertige Kultur, seine Weltbeherschungs- und Ausrottungspläne eben zu wissen glaubten. Daß man dabei – eigentlich sich gegenseitig ausschließende – Wonnen genießt, nämlich einerseits im Kollektiv mitzuschwimmen, andererseits recht subversiv und unetabliert sich zu fühlen, illustriert ein Beispiel aus Wiesbaden: Nach einer dortigen, rammelvollen Freilichtaufführung, versammelte sich nach Ende und etwas abseits ein klandestines Grüppchen, das wichtigtuerisch kleine Amerikafähnchen verbrannte – womit man allerdings noch höchstens in Konflikt mit dem Gartenbauamt wg. Brandschutz geraten könnte.

Deprimierend ist, daß Menschen auch aus dem eigenen Bekanntenkreis, die man für einigermaßen vernünftig und halbwegs vorurteilsfrei gehalten hatte, diesen Film bisweilen ernsthaft dokumentarischen Charakter zusprechen, mindestens diesen Film aber als kritisches, gar progressives Statement verstanden haben und damit offenbaren, daß ihre Vorstellungswelt tiefer als sie wahrhaben wollen verwurzelt ist im antiwestlichen und antisemitischen Weltbild, das die ontologischen Prinzipien „Blut und Boden“ gegen „Geld und Kosmopolitismus“ stellt; heute heißt das im deutschen Regierungs- und Linksjargon: „Kultur“ und „islamische Zivilgesellschaft“ (Thierse) gegen „Globalisierung“, „Ultraliberalismus“ und „Zwangsdemokratisierung“, kurz: Amerikanismus. Dieses allumfassende, kulturlos-zerstörerische Gegenprinzip „Amerikanismus“, das bereits die Göbbelsche Rhetorik dominierte, fügte sich nach 1945 fast nahtlos in die Leerstelle, die das Verbot des offenen Antisemitismus in der deutschen Ideologieproduktion hinterlassen hatte; es arbeitetet mit den gleichen Attribuierungen und Zuschreibungen und dient zugleich obendrein der Schuldabwehr: Der „Amerikanismus“ wird mit all den Eroberungs-, Beherrschungs- und Vernichtungsaspirationen versehen, die doch die eigenen, deutschen, waren und sind: Wie rasch überdeckten dadurch die Indianer die vernichteten Juden im Kollektivgefühl, wie rasch rückte Dresden an die Stelle von Auschwitz, wie schnell wollte man überhaupt keine Kriege mehr, war man gegen jeden Krieg, weil man insgeheim den kriegerischen Antinazismus Churchills und Roosevelts, dem man unterlegen war, auf alle Zeit zu diskreditieren trachtete.

Übertreibe ich? Gewiß nicht, was die allgemeine Stimmung angeht. Nicht nur die Bestsellerlisten, die schon seit Monaten „Stupid White Men“ an der Spitze aller möglichen paranoiden Literatur führen, die sich darin erschöpft, auf die USA nach genanntem Muster zu projizieren, sprechen eine deutliche Sprache. Noch deutlicher nämlich ist Ton und Thematik der Nachkriegsberichterstattung aus dem Irak.

Erstens darf dieser Krieg in keiner Weise gerechtfertigt gewesen sein. Die Debatte, wie zuverlässig nun die Information über eine versuchte Akquisition atomwaffenfähigen Materials in Niger war, ist komplett absurd, als ob die mögliche Fragwürdigkeit dieser Information irgendeinen Zweifel an der Berechtigung des Sturzes eines Regimes begründen würde, das bis 1998 18 Milliarden Dollar, ich wiederhole 18 Milliarden Dollar in die Entwicklung von Atomwaffen gesteckt hat und das bis in seine letzten Tage ein an die 8000 Menschen beschäftigenden Apparat sich hielt, der ausschließlich mit dem Atomwaffenprogramm befaßt war. Das alles weiß die Presse, Chirac und Schröder wissen es auch: schließlich steht es im letzten UNSCOM-Bericht vor der Ausweisung der Inspektoren, dem sogenannten „Butler“-Bericht: Ebenso findet sich darinnen eine Auflistung der Butolamin und VX-Gas-Vorräte des Irak, deren Zerstörung bis zum heutigen Tage nicht nachgewiesen wurde. Aber das nur nebenbei und zur werten Erinnerung.

Zweitens darf ein Krieg gegen ein Regime, das als bloß faschistisches zu umschreiben erheblich zu milde wäre, nicht gewonnen werden, schon gar nicht durch die Anti-Hitler-Westallianz des Zweiten Weltkriegs. Deswegen interessiert sich weder jemand für die alten Massengräber, noch für die neue Presse-, Meinungs- und Demonstrationsfreiheit; weder für die wiederhergestellte Wasserversorgung, nachdem sie von Husseins Schergen sabotiert wurde, noch für die Wiedererichtung des Gesundheitswesens, nachdem in der Embargo-Zeit Udai Hussein einen florierenden Schwarzexport mit Medikamenten aus UN-Programmen nach Jordanien betrieben hatte. Allein wichtig ist insbesondere für deutsche Medien, daß der Irak so inszeniert wird, als ob die Werwolf-Phantasien der Nazis Wahrheit geworden wären. Nicht nur, daß so getan wird, als sei „ein Volk“ im antiamerikanischen Aufruhr, was einfach glatte Lüge ist, wie ja auch die Ziele und Art der Anschläge nahelegen: Zerstörung von ziviler Infrastruktur und klandestine Selbstmordattentate; im Volke schwimmen wie ein Fisch im Wasser – frei nach Mao – sieht doch wohl ganz anders aus. Noch viel unheimlicher ist die klammheimliche Sympathie für diese nur von Zerstörungswut getriebenen Killer, eine Sympathie, die sich in der Etikettierung „Guerilla“ ebenso verbirgt wie in der Bezeichnung „Moslemextremist“ oder „Radikalislam“ für den rasenden Amoklauf, der sich im sogenannten Palästina abspielt und von ihm ausgeht. Diese Sympathie läßt tief blicken in den kollektiven Seelenhaushalt der Journalisten und ihrer Leser, die mit den Mindestanforderungen der Zivilisation immer noch auf demselben barbarischen Kriegsfuß stehen wie einst die Nazis. Die deutschen Medien jedenfalls bowlen munter weiter für Hussein.

Übertreibe ich aber damit, daß ich dem Moore-begeisterten Mitmensch eben genau das unterstelle, was für das Gros der Öffentlichkeit gilt? Denselbsen Antiamerikanismus, dieselbe allein vom Vorurteil genährte Wahrnehmungsweise, dieselben Projektionen altdeutscher Art? Nein, ich fürchte nicht. Im Gegenteil: Je mehr einige meinen, wie das Antifa-Magazin „Phase 2“ oder Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza, Michael Moore gegen die ihn liebende deutsche Öffentlichkeit in Schutz nehmen zu müssen, desto mehr zeigt sich, wie sehr er auch ihnen aus der Seele gesprochen hat. Es ist nicht der Antiamerikanismus der Deutschen, der aus einem an sich kritischen Film in Verballhornung seiner Absicht einen nationalen Aufbruchsstreifen und Megaseller gemacht hat. Umgekehrt: Das konnter er nur werden, weil er maßgeschneidert war für das Massenbewußtsein, das ich eingangs kurz schon umriß. Maßgeschneidert, weil er einen ontologischen, wesensmäßigen Amerikanismus als Feindbild präsentiert; maßgeschneidert, weil er nicht gegen Waffen im Privatbesitz polemisiert: Nein, er inszeniert die Waffe als amerikanisches Wesensprinzip, das sich im Beherrschen und Töten erschöpft. Alle im Film immer wieder gezogenen – wie noch zu zeigen sein wird:unzulässigen – Vergleiche mit Kanada und Westeuropa laufen auf das eine tautologische Vorurteil hinaus: Weiße Amerikaner sind dumm, weil sie gewalttätig sind und gewalttätig, weil sie dumm sind. Nur wer im Innersten diese absolute, sich selbst begründende Maxime teilt, kann diesen Film ertragen, ohne noch zu bemerken, daß sämtliche suggerierten Zusammenhänge des Films nicht nur den Verstand beleidigen, sondern allein aus den trüben Quellen der Verschwörungstheorie fischen, daß Moores Weltbild aufs Haar dem des im Film eingangs porträtierten Militia-Manns und McVeigh-Helfershelfer gleicht: Sowohl hinter dem Nazi-Attentat in Oklaholma 1995 stünden Dunkelmänner, wie auch hinter 09/11 in New York. Diese sinistre Verschwörung beruhe wesensmäßig auf der Kollektivpsyche der weißen Amerikaner, ökonomisch wahlweise auf dem Lookheed-Konzern oder der texanischen Ölindustrie und politisch auf dem republikanischen Establishment: Weil dies genau der Bausatz ist, aus dessen Teilen auch jede ordinäre Theorie von jüdisch-zionistischer Weltverschwörung gestrickt ist, lieben die Deutschen Michael Moore so sehr. Und zu retten gibt es da nichts, wo antisemitischer Terror gleichzeitig sowohl als mediale Erfindung der Bush-Administration und als tatsächliche Geheimdienstaktion derselben Bush-Administration hingestellt wird. Aber das ist ein in Deutschland altbekanntes Phänomen, daß eben kollektiv geteilter Glaube an das absolut Vernunftswidrige dazu führt, daß die Einzelnen im Gefolge an elementarsten Verstandesleistungen scheitern. Der deutsche Kollektiv-Glaube, daß Moore etwas anderes sei als ein ressentimentbeladener Scharlatan, daß sein Buch gar ein Sachbuch wäre und sein Film eine Dokumentation, führt nicht nur dazu, daß in Berlin T-Shirts spazieren gehen, auf denen allein der Name Michael Moore quasi als Welterklärungsprogramm steht, sondern auch zu anderen deutschen Peinlichkeiten, wie, daß friedensbewegte Journalisten im Ernst mit Richard Perle, Berater von Donald Rumsfeld, am Ende eines langen Interviews über Moore diskutieren wollten. Ich zitiere aus der Taz, vom 20.6.03:

Bernd Pickert/ Patrick Schwarz: Michael Moore schreibt in seinem Buch „Stupid White Men“ die Regierung Bush fache die Furcht ihrer Bürger vorsätzlich an.

Perle, sich vermutlich etwas über „stupid german journalists“ denkend, entgeget entgeistert und beendet damit das Interview: „Ich weiß, daß Moore in Deutschland sehr beliebt ist. Aber wenn Moore Ihre beste Grundlage für ein Urteil über Weltpolitik ist – viel Glück!“

Aber vielleicht hänge ich das Thema in kritischer Absicht ebensosoehr zu hoch wie diese beiden armen Tröpfe vom Alternativblättchen taz in affirmativer Weise? Ist Bowling nicht doch nur ein mehr oder weniger gut geglückter Polit-Slapstick und geht obendrein doch hauptsächlich auf Kosten tatsächlich Etablierter, die das schon verkraften würden? Gut, sehen wir einmal für einen Augenblick davon ab, wie sehr gerade der Witz als Schmiermittel des Vorurteils dienen kann, und sehen wir obendrein Michael Moore einmal als Komiker an. Er selber hält sich schließlich für einen der Allergrößten dieses Genres. O-Ton Moore: „Ich teile die Bühne mit einer langen Tradition von Clowns von Charlie Chaplin zu den Marx Brothers und Lenny Bruce. Der arrogante Intellektuelle will immer den Humor abschaffen. Aber Mark Twain sagt, daß ‚einem Lachsturm nichts standhält‘.“ (Toronto Sun, 17.5.02) Er selbst glaubt gewiß daran, daß die von ihm Aufgezählten dasselbe im Sinn hatten wie er: Es als Fürsprecher der Unterprivilegierten, der eher Schlichten, den Großkopferten einmal so richtig zu zeigen. Was er nicht verstehen dürfte, ist, daß sich gerade Chaplins Komik nicht fügt in die schlichte und schlechte Dichotomie, die auch schon Moores Vor-Bowling-Elaborate nach dem Motto: „Ihr da oben = böse&schuld – Wir da unten = gut&ahnungslos“, prägte; zeigt Chaplin doch vielmehr, wieviel Böses abstrakte Verhältnisse gerade aus den „underdogs“ zu machen pflegen. Daß Moore hingegen die Welt als Anstalt versteht, die aus reiner Böswilligkeit der Herrschenden heraus die normalen „Joes and Jills“ drangsaliert, betrügt und aus ihren Jobs entläßt, und er, Moore, dazu berufen ist, die Diabolik dieser Herrschenden durch rüdeste Methoden auf die Mattscheibe bzw. Leinwand zu bannen, zeigt u.a. sein in Europa und Kanada gelobter Streifen Roger&Me wie auch die TV-Reihe The Awful Truth: Im einen lauert Moore dem Chef von General Motors auf, enerviert diesen vor erbarmungslos durchlaufender Kamera (hat man als Zuschauer keine sadistische Ader, ist das wirklich kaum zu ertragen) mit immer den gleichen Fragen, warum er denn bloß Werke schlösse und Jobs abschaffe; das Ganze konterkariert mit den Nöten der Arbeitslosen, fertig ist die Botschaft: Kapitalisten viel böse, weil machen Proletidylle kaputt und Moore nicht verstehen, wie können sein Kapitalist so gemein. Im anderen Fall erzählt ein authentisches Opfer kapitaler Machenschaften seinen Jammer und Moore stellt dann den Schuldigen mit den gröbsten, konfrontativen Mitteln: Damit wird in einem Aufwasch die Streotypie vom unschuldigen, jeder Eigenverantwortung entbundenen „Opfer“[1] und die bösartige Lust zur Abschlachtung des „Täters“ bedient; das Ganze folgt der Dramaturgie von Haberfeldtreiben und Judenwitz: Als „Humor“ figuriert die grausame Psycho-Logik, die die abstrakten Drohungen der Tauschökonomie gegen Alle umwandelt in das konkrete Programm der Verfolgung Einzelner durch die Vielen.

Moores Komik intendiert das glatte Gegenteil von jener der von ihm in grotesker Selbstüberschätzung und absolut zu Unrecht als Vorgänger Reklamierten: Moore setzt auf ein Sich-Dumm-Stellen, das die Gemeinheit hinter kindlich-naiver Attitüde versteckt und damit dem infantilen Vorurteil „Ich bin gut, die Macht ist böse“ zuarbeitet, also zur Abschaltung des Verstandes und zum Mitfühlen im Kollektiv der „Belogenen und Betrogenen“ einlädt. Wie sehr Moore damit auf den Nerv derer zielt (und ihn auch trifft), die schon Grönemeyers „Kinder an die Macht“ und Lindenbergs „Wozu sind eigentlich Kriege da?“ hören konnten ohne sofort mit Brechreiz kämpfen zu müssen, offenbarte sich im nicht enden wollenden Hype, der um und mit Bowling veranstaltet wurde. In Cannes gewann Bowling prompt als erste „Dokumentation“ die seit 46 Jahren in die Konkurrenz aufgenommen wurde den (offensichtlich extra für den Streifen aus der Taufe gehobenen) „55-jähriges Jubiläums“-Preis.

Der mit diesen Weihen versehene Siegeszug von Bowling war der kulturindustrielle Abdruck eines globalen Aufstands der Konformisten gegen die vermeintliche Autorität: Kritisch ist, was gegen Bush ist – egal, ob es vom Papst, den Staatskirchen, Chirac, dem chinesischen ZK oder der malayiischen Islamistendiktatur als Gastgeber der „Blockfreien“ widerhallt. Genau damit brüstet Moore sich selber, wenn er trompetet (http:www.michaelmoore.com/words/message/index.php) , daß Bush „den Popularitätswettbewerb mit Saddam Hussein verloren“ hat, wenn er damit reüssiert, daß schließlich auch der „Papst gesagt hat, dieser Krieg ist falsch, daß er eine Sünde ist“ – als ob derlei nicht weniger gegen Bush, sondern vielmehr gegen die Weltöffentlichkeit und den Papst sowieso spräche. Der eigene Rückhalt in der Dummheit des Kollektivs wird als Argument und nicht als Anlaß zur Selbstkritik angeführt.

Im selben Maße wie der Druck der globalen Meute wuchs, ließen auch viele Vertreter des offiziellen Hollywood alle Hemmungen fahren und den notorischen Gutmenschen unter ihnen brannten alle Sicherungen durch. Was da auf Luise-Rinser-Niveau u.a. auf der Berlinale abgesondert wurde, ist jedenfalls – ohne es im Detail wiederholen zu wollen – geeignet, die Parole von der Pflicht des Künstlers zur Einmischung etc. bitte schnellstens zu entsorgen..
Daß Moore schließlich, von dieser Welle getragen, für Bowling den Oscar „Beste Dokumentation“ erhielt, hätte ihn wohl noch selber vor Monaten überrascht: „Meine Dokumentationen wurden nie nominiert und Columbine wird keine Ausnahme darstellen.“ (Toronto Sun, 17.5.02) Aber gerade weil er ein Mann des Ressentiments gegen Hollywood ist – deswegen wurde Bowling ausgezeichnet. Wie anders sollte man verstehen, daß Moore in seinem Newsletter zeitgleich zur Oskar-Verleihung Hollywood-kritische Internetseiten empfiehlt, die mit nichts anderem als derlei aufwarten: „Ist es nicht deutlich zu beobachten, daß jüdische Schauspieler und Schauspielerinnen im Durchschnitt in sehr viel mehr Filmen auftreten als nicht-jüdische? (...) Erstelle eine Liste von Filmen, die von Hollywoods großen Studios bzw. Verleihen zu jeder beliebigen Zeit produziert bzw.vertrieben wurden und stelle fest, wer die Regie für jeden dieser Filme führte. Stelle den religiös/kulturellen Hintergrund jedes Regisseurs fest. Sollte eine solche Studie ergeben, daß jüdische Regisseure vorgezogen werden?“ (Der von Moore empfohlene Link: http://www.homevideo.net/FIRM/researc2.htm#bias) In der Welt der Moores lautet der Vorwurf ans „jüdisch kontrollierte Hollywood“ schließlich so, daß er unmittelbar anschlußfähig ist an den politisch korrekten Antisemitismus der No-Globals und 3.Welt-Romantisierer: Die Juden verteidigen den Kapitalismus, indem sie rassistische und „antiislamische“ Filme unters Volk bringen. Solcher Gedankenmüll macht Moore jetzt so wertvoll und umworben: Es gibt keinen authentischeren, amerikanischen Vertreter des antiamerikanischen Ressentiments als ihn, er repräsentiert ein zukunftssicheres Marktsegment für den Filmexport und garantiert etwas ganz Wichtiges, dem sich auch ein Dustin Hofman verschrieben hat: Um Gottes Willen nicht in den Augen der Weltöffentlichkeit mit dem republikanischen Präsidenten in einem Boot sitzen – dann lieber wie Martin Sheene vergangenen Herbst zur Friedenstour nach Bagdad reisen und mit Tarik Aziz Händchen halten so wie es wenig später auch der Papst tat.

Was hat es nun auf sich mit Moores mockumentary: Diese Filmgattung steht für projektive Verfügung des filmemachenden Subjekts über die Außenwelt, die ihm bloßes Material eines eigenmächtigen Zweckes ist. Was Bowling dokumentiert, sind allein im klinische Sinne die inneren Zustände eines Vorurteilsvollen für andere ebenso Gestrickte.[2]

Bowling ist somit Propaganda, die auf ihr innerstes Prinzip reduziert ist: Die Ersetzung der mühseligen und fürs denkende Individuum häufig mit unerwarteten und unangenehmen Überraschungen aufwartende begriffliche Erschließung der Außenwelt – inklusive Reflexion auf den eigenen Anteil daran – durch die Befriedigung des ohnehin gefaßten Vorurteils. Das gelingt umso wirkungsvoller, je mehr sie die Gestalt des Faktischen täuschend echt simuliert und dabei den Glauben daran, ohnehin die richtige Meinung zu „besitzen“ und somit Teil einer großen Masse von Mit-Durchblickern zu sein, bestätigt.

Derlei Propaganda kann darauf vertrauen, daß die von ihr präsentierten zirkulären Pseudoevidenzen wie die Moorsche, daß Waffenbesitz die (dummen, weißen, männlichen) Amerikaner aggressiv mache und zugleich Waffenbesitz in Amerika so gefährlich sei, weil die (dummen, weißen, männlichen) Amerikaner (im Gegensatz zu den Kanadiern) eben so aggressiv seien, mit Vergnügen geschluckt werden: Weil Vorurteilen die materiale Nichtexistenz ihres Gehaltes ebenso wie erwiesene Unsinnigkeit nichts anhaben kann, solange sie nur ihre seelische Funktion für den Adressaten der Propaganda erfüllen; die Prüfung der präsentierten „Fakten“ oder die Stichhaltigkeit ihrer Anordnung wird durch das Wissen ersetzt, daß das individuelle Vorurteil dem kollektiven entspricht.

Kritik an der Machart eines Films wie bowling kann zum wenigsten darauf bauen, Fakten richtig zu stellen, auch wenn ich das im Folgenden versuchen werde – mehr muß sie darauf setzen, denen, die den Film genossen haben und sich dann wunderten, warum Millionen Dummbeutel es ebenso empfanden, zur Selbstaufklärung darüber verhelfen, wie stereotyp und vorurteilsbeladen das eigene Denken ist: Denn die Konstellation der wenigen „Fakten“ im Film ist – auch ohne jedes Wissen über die NRA bspw.– so verräterisch wie eben auch die ontologische Gesamtaussage offensichtlich ist, die einen wesenshaften Amerikanismus als mörderisches Prinzip konstruiert: Kaum mehr vordergründig wird dem Realitätsprinzip Genüge getan, so krude und auffällig werden aus disparatem Bild- und Tonmaterial „für sich sprechende“ Sequenzen zusammengestückelt, so unübersehbar deuten Schnitte, Zwischenblenden und unterbrechende Zwischenkommentare auf dezidierte Manipulation hin – die doch kaum jemandes Mißtrauen erregt haben, weil das Moorsche Schnipselchaos zur eigenen, in sich zutiefst widersprüchlichen und nur durch den Denunziationswillen gegen die dummen, weißen, amerikanischen Männer als Killer, Sklavenhändler und Weltenplünderer, als westliche Verursachers allen Übels überall, zusammengehaltenen Meinung paßt.

So bemerkt das Gros der Zuschauer nicht, wieviel gerade beim Hauptthema des Films, das ihn durchzieht und beendet, die mitleidlose Reaktion des Präsidenten der NRA (National Rifle Association), Charlton Heston, auf das von zwei Schülern der Columbine-Highschool in Littleton (Colorado) angerichtete Massaker (Vgl. dazu Bahamas 29, 46ff.) und eine weitere Schießerei in Flint (Michigan), für böswillige Montage spricht.

Rekapitulieren wir kurz die fragliche Passage: In Bowling hält Heston in Denver, Hauptstadt des Bundesstaates Colorado, eine Rede vor der Jahreshauptversammlung der NRA, die kurze Zeit nach dem Massaker stattfindet; der Eindruck soll erweckt werden, daß die NRA ihre Versammlung (wie später im Film auch für Flint behauptet) zur Provokation der Hinterbliebenen der Opfer abhält:

Weinende Kinder vor der Schule – Schnitt zu Heston, der ein Gewehr schwenkt und einer applaudierenden Menge zuruft: „Ich habe nur fünf Worte für Sie: ‚aus meinen kalten, toten Händen – Schnitt auf eine Veranstaltungsankündigung; Moore kommentiert: „Nur zehn Tage nach den Columbine-Morden, gegen die Bitte der trauernden Gemeinde, kam Charlton Heston nach Denver und hielt eine große ‚pro-gun‘-Veranstaltung in Denver ab“ – Schnitt zu Heston, der (angeblich) dieselbe Rede weiterführt: „Ich habe ein Botschaft vom Bürgermeister, Mr. Wellington West. Er schickte mir dies; hier steht ‚Kommen Sie nicht hierher. Wir möchten Sie hier nicht haben‘ Ich sage dem Bürgermeister, das ist unser Land, als Amerikanern steht es uns frei wohin auch immer wir wollen zu reisen in unserem weiten Land. Kommen Sie nicht hierher? Wir sind schon hier.“

 Nichts, aber auch gar nichts stimmt hier: Moore verläßt sich erfolgreich darauf, daß sich niemand wundert, warum Heston während seiner Rede offensichtlich Hemd und Krawatte wechselt und obendrein auch die Farbe des Hintergrunds sich ändert, und darauf, daß niemand sich fragt, ob Jahresversammlungen solch großer Organisationen wie der NRA vielleicht einen etwas längeren Planungsvorlauf als zehn Tage haben. Der Grund für diesen eigenartigen Kleidungswechsel Hestons: Die „tote Hände“-Passage stammt aus einer Rede, ein Jahr später in Charlotte, N.C. gehalten, in der Heston sich mit einem Dichterzitat für ein Sammlerstück, das er in den Händen hält, bedankt. Daß die NRA in Denver – ein Jahr zuvor – alle über die Hauptversammlung hinausgehenden Veranstaltungen absagte, daß Heston dies in seiner Rede begründete, daß jene überhaupt einen komplett anderen Inhalt hatte, daß Heston in Flint acht Monate nach der dortigen Schießerei auftrat, und das nicht für die NRA, sondern auf einer in den USA üblichen „Get Your Vote Out“-Veranstaltungen; pikanterweise hielt sich übrigens auch ein Mr.Moore für die – wie könnte es anders sein? – „Green Party“ zum selben Zweck, am selben Tag, in der selben Stadt auf.

Die zahlreichen Umschnitte verdecken, daß Moore auch Hestons restliche Rede, d.h. abzüglich des dazumontierten Einleitungssatzes, aus sieben verschiedenen Sätzen, die wiederum selbst noch auseinandergestückelt wurden, die wiederum aus fünf verschiedenen Teilen der tatsächlichen Ansprache stammten, zusammendokterte. Der arrogant wirkende Schlußsatz „Kommen Sie nicht ... sind schon hier“ beispielsweise schließt eine Passage ab, in der Heston die NRA-Mitglieder bei der Feuerwehr, den Sanitätern und der Polizei, die in Littleton halfen, also „schon da waren“ lobend heraushebt. Der von Moore nahezu dehumanisierte, auf die Ebene also, auf der „linke“ Medien Ariel Sharon ansiedeln, gebrachte Heston ist in Wirklichkeit zwar stockkonservativ – „american mainstream“, wie er sich selbst einordnet –und beileibe kein großer Redner, aber mitnichten ein Anstifter zum Kindermord; nach “...schon hier“ fuhr der reale Heston fort : „Wir haben wie alle anderen Bürger dasselbe Recht hier zu sein. Um zu helfen, mit dem Kummer umzugehen und unsere Sorge zu teilen und unsere respektvolle und ruhige Stimme an der landesweiten Debatte, die sich an dieser Tragödie entzündtete, zu beteiligen.“

So wenig wie mit Kindsmord hat Heston mit Rassismus zu tun; genausowenig die NRA mit dem KKK (Ku-Klux-Clan), wie Moore es darstellt, oder die US-Hungerhilfe mit dem 11.9., amerikanische mit kanadischen Kriminalitätsstatistiken oder die gegenwärtige US-Außenpolitik mit Sklavenhandel, etc.pp..

-        Heston unterstützt seit den frühen 60er Jahren von Martin Luther King inspirierte Bürgerrechtsgruppen, beteiligte sich an Belagerungen von diskriminierenden Lokalen in Hollywood und wurde 2001 als Hauptredner des „Congress On Racial Equality“ eingeladen.

-        Die NRA ist nachgerade explizit gegen den Südstaaten-Rassismus gegründet worden als Vereinigung von Bürgerkriegskämpfern auf Unions-Seite; Präsident Ulysess Grant, der das heute noch geltende Anti-Klan-Gesetz verantwortete und die härtesten, militärischen und politischen Maßnahmen gegen den Klan in der US-Geschichte ergriff, war zugleich NRA-Vorsitzender; in den Südstaaten wurden ganze Ortsverbände der NRA nahezu ausschließlich von Afroamerikanern gegründet, um sich nämlich bewaffnet gegen den Klan wehren zu können, dort, wo die lokalen Autoritäten keinen Schutz boten.

-        Was in Bowling so arrangiert ist, als ob die US-Regierung 2000/01 245 Mio.$ nach Afghanistan geschickt hätte, um dann quasi auf Bestellung die Mordflüge vom 11.9. zurückzubekommen, war in Wirklichkeit von der UN(!)-Hungerhilfe verwaltetes Geld, das von US-amerikanischen NGOs stammte.

-        Vergleicht man kanadische und amerikanische Mordstatistiken gewichtet, also zulässig, d.h. US-Bundesstaaten, die ein ähnliches soziologisches Profil aufweisen wie Kanada, geringe Bevölkerungsdichte, kaum Ballungszentren etc., dann liegen diese Bundesstaaten noch knapp unter dem kanadischen Ergebnis. By the way, kam es zu großen riots und Plünderungen während des kurz zurückliegenden großen Stromausfalls an der nordamerikanischen Ostküste nicht in New York, sondern in Toronto! (Dies alles und noch mehr kann in dem akribisch Quellenarbeit betreibenden Text „Stupid Academy Award“ des Dokumentarfilmers Mike Dunnagan – http://www.frontpagemag.com/articles/ReadArticle.asp?ID=6841 – nachgelesen werden).

Auch die Tatsache, daß die US-Außenpolitik mit Afghanistan ein Land, in dem Sklaverei offen betrieben wurde, von diesem Unwesen befreit und überhaupt den Sklaverei rechtfertigenden Islamismus bekämpft – auch das kann die Begeisterung für Moores Machwerk in keiner Weise dämpfen: diese entzündet sich vielmehr daran, daß Bowling strenggenommen überhaupt keine politische Ursache-Folge-Aussage macht, noch nicht einmal ein pazifistisches anti-gun-Manifest à la „Die Existenz von Waffen macht Menschen gewalttätig“ ist. Moore nämlich legt größten Wert darauf herauszustellen, daß in Kanada Waffen noch leichter erworben werden können, ein noch größerer Kult um die Feuerwaffe betrieben wird als in den USA, und es dennoch – siehe Statistik – viel friedvoller zuginge: Kanada, aufgrund seines Etatismus und militant-absurden Ethno-Regionalismus durchaus zurecht von Moore als nordamerikanischer Platzhalter des „alten Europa“ gewählt, bringt eben einfach die besseren Menschen hervor; anders gesagt: Stupid sind White Men nur wenn und nur weil sie American sind.

Das und nichts anders ist die Quintessenz des Films und das Unterpfand seines Erfolges. Jeweils weit mehr als die Hälfte der Deutschen hält „die Amerikaner“ für „hochmütig“, „rücksichtslos“ – und selbstverständlich „gewalttätig“ (Wirtschaftswoche, 3.4.03); vergleicht man nur den Alltag auf amerikanischen mit dem auf deutschen Straßen, weiß man, daß „der Amerikaner“ genau eine deutsche Selbstspiegelung im imaginierten Feindkollektiv ist. Dieses hat eigentlich kein instrumentelles Motiv – soviel weiß auch insgeheim der Antiamerikaner um die mangelnde Stichhaltigkeit des „das Öl“-Motivs –, „der Ami“schießt um des Schießens willen, er tötet um des Tötens willen, er unterjocht um des Unterjochens willen, er beherrscht die Welt um des Beherrschens willen. Auf ein zur Vernichtung drängendes „amerikanisches Prinzip“ reduziert, erreicht den, der daran glaubt, kein Argument mehr und so glaubt der Antiamerikaner alles, was Moore ihm vorsetzt.

Es sind die in Europa allseits bekannten und liebend gern kolportierten Horrorbilder und –geschichten aus dem US-amerikanischen Alltag, die Bowling trotz als zwar schlechten Film, aber irgendwie doch auch durch gewisse Umstände gerechtfertigt durchgehen lassen. So beispielsweise Tom Holert, pars pro toto für den gängigen Antiamerikanismus light, in der taz (21.9.02): Er leugnet nicht die dubiose Machart des Films – aber läßt die Umstände Amerikas sozusagen die Mittel Moores rechtfertigen. Holert spricht durch die Kronzeugen hinter dem Kronzeugen Moore, die Soziologen Barry Glassner und Richard Slotkin– subtiler zwar, aber nach demselben Motto: Seht her, die Amis sagen´s selbst. Im vereinzelt eingestreuten Konjunktiv kolportiert er deren Arbeiten zur Culture Of Fear, wonach die Paranoia der flüchtenden Gründerväter sich durch alle Epochen der USA identisch durchgehalten habe und nur verstärkt werde durch rassistische Nachrichten und privaten Waffenbesitz. Diese im Film u.a. durch eine idiotische Zeichentrickeinlage wiedergegebene These dient denen, die meinen an dem Streifen noch irgendetwas Passables finden zu müssen als letztes Argument: Daß das, was Amerika ausmache, eine gesteuerte Produktion von Angst sei, die dann politisch dienstbar gemacht werde. Abgesehen davon, daß auch hier wieder eine ontologische Konstruktion von Amerikanismus am Werk ist, abgesehen auch davon, daß REALangst vor islamistischem Terror durchaus begründet ist, paßt auch hier wieder nichts zusammen: Sind schon die Nachrichten im Normalfall in den Staaten aufgrund der allgegenwärtigen political correctness mit ihren seltsamen Wortschöpfungen wahrlich alles andere als „rassistisch“, so hätten sie, selbst wenn das Gegenteil der Fall wäre, doch nichts mit dem Massaker in Littleton zu tun. Das Konkurrenzdenken der beiden Amokläufer war nämlich auffällig „entrassifiziert“ und richtete sich vielmehr gegen die im amerikanischen Schulsystem tatsächlich begünstigten erfolgreichen Sportler an der Schule – unabhängig von deren Hautfarbe.

Aber das nur nebenbei: Holert jedenfalls stellt all seine Kronzeugen insgesamt als Ausdruck einer „narzisstischen und überheblichen Mission“, des „Irrsinns einer selbstvergessenen, kranken Nation“ dar und wechselt damit in denselben Indikativ, in dem Peter Zadek dem Spiegel (29/2003) diktierte: „Bowling for Columbine ist nett, aber rennt letztlich offene Türen ein.“ Der Moore hat seine Schuldigkeit getan und verfällt – ähnlich wie bei Holert, aber viel unverblümter – demselben ontologischen Verdikt über „die Amerikaner“, das sein Film bediente; denn er ist ja auch bloß Amerikaner, sprich Träger des „Amerikanismus“. Zadek: „Ich finde es feige, daß viele Leute heute einen Unterschied machen zwischen dem amerikanischen Volk und der gegenwärtigen amerikanischen Regierung. Die Regierung Bush ist mehr oder weniger demokratisch gewählt worden, und sie hatte bei ihrem Feldzug im Irak die Mehrheit der Amerikaner hinter sich. Man darf also gegen die Amerikaner sein, so wie im Zweiten Weltkrieg der größte Teil der Welt gegen die Deutschen war. In diesem Sinne bin ich Anti-Amerikaner.“ Eben wie Bin-Laden, der das Recht darauf, amerikanische Zivilisten abzuschlachten, daraus ableitet, daß diese dem „imperialistischen System“ doch Steuern zahlten.

Aber Moore hin, Zadek her: Man wird doch die USA mal kritisieren dürfen, oder? Ist denn nicht das Schulsystem extrem konkurrenzorientiert, die Rollenzuweisungen sehr traditionell, der Drill bei den Marines oder in den Correctional Camps herabwürdigend, der Waffenbesitz gefährlich, die Zero-Tolerance-Rechtsprechung äußerst fragwürdig, die soziale Ungleichheit himmelschreiend? Ja, Kritik an diesen Zuständen ist mehr als nur berechtigt; sie wird in Amerika von anderen als den Moores, gedeckt durch eine in Europa nahezu absurd wirkende Freiheit von Rede und Meinung, gedeckt durch eine in Europa kaum vorstellbare Abschließung der Privatsphäre gegen den staatlichen Souverän, schonungslos geübt.

Ausgesprochen seltsam wirken aber die Kritiker, die einem angeblich tumben Präsidenten Rechtsradikalismus vorwerfen, obwohl dieser weder ein Antisemit ist, sondern genau das Gegenteil, und schon überhaupt kein Rassist. Zweifelsohne hat Bush als Governeur Todesstrafen verhängt – ein höchst kritikwürdiges Vorgehen und ein unbedingt abzuschaffender Teil des amerikanischen Justizsystems. Seltsam wirken diese Kritiker, weil sie Bush genau deswegen und dann einen Rechtsradikalen heißen, wenn er gegen Regimes und Zustände vorgeht, die die Todesstrafe für den Besitz von Handys und Satellitenschüsseln oder Verhöhnung des Staatsoberhaupts wie im Irak verhängen; oder wenn durch den war on terrorism Zustände an den Pranger geraten, die den Besitz westlicher Videos, Verkauf von Wassermelonen an Israelis oder Homosexualität wie im sogenannten Palästina, durch „Familiengerichte“ und Volksjustiz mit bestialischen Foltern und Hinrichtung ahnden; seltsame Kritiker, die Bush und seine Administration genau für das beschimpfen, was jedem Linken eine Selbstverständlichkeit sein sollte: die Einrichtung von Verhältnissen, die Freiheit vor Folter und Willkür garantieren, die Schwulen und Juden das Recht zu leben garantieren, die Kommunisten und Gewerkschaften Organisations- und Versammlungsfreiheit gewähren. Kurz gesagt: Wer aus redlichen Motiven und nicht aus verschobener völkischer Sehnsucht den Vietnamkrieg ablehnte, muß heute aus denselben Motiven heraus den war on terrorism begrüßen.

Die deutsch-europäisch-linke „Kritik“ aber an den USA – ebenso wie die an Israel – ist wie eingangs angedeutet in hohem Maße projektiv und als Projektion eben Antiamerikanismus: Sowohl die tatsächlichen Besieger des Nationalsozialismus als auch die, denen die Deutschen nach einem Wort Eike Geisels Auschwitz nie verzeihen werden, sie müssen die Faschisten der Jetztzeit abgeben. Ist diese Ungeheuerlichkeit wahrhaft monströs, so wird doch stets an Belegen gebastelt: Selektiv zusammengesuchte Realitätsschnipsel werden zu „Fakten“ montiert. Solche „Kritik“ ist Projektion, Verschiebung, Selbstspiegelung; solche „Kritik“ interessiert sich für die häßlichen Zustände im amerikanischen Strafvollzug nur soweit, als daß sie flugs aus dem work-house amerikanischer-liberalistischer Prägung ein deutsches KZ und den drakonischen Strafvollzug zum NS-Vernichtungsprogramm machen kann.

Ist die Sache selbst – und die Kritiker interessieren sich herzlich wenig für tatsächliche Zustande in den USA oder gar für deren Geschichte – erst derartig gleichgültig geworden, dann schlägt die Stunde für Filme wie Bowling. Dieser ist wohl erst ein Anfang: Moores nächster Film Fahrenheit 911 soll „die undurchsichtigen Verbindungen zwischen dem früheren US-Präsidenten George Bush und Osama Bin Laden“ (SZ , 31.03.03) auf bekannte Art und Weise „dokumentieren“. In Cannes wird er wohl wieder einen Bombenerfolg landen; das würde man wohl auch, so steht zu befürchten, mit „Dokumentationen“, die zeigen, daß Theodor Herzl die NSDAP gegründet hat oder daß Juden eigentlich Außerirdische sind.

 

Uli Krug (26.8.2003)

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