Wer soll Syrien regieren? Niemand!

Gegen die deutsche Begeisterung für den Endsieg des „syrischen Volkes“

Briten sind anders als die Deutschen. Folgende, durchaus interessegeleitete und merkwürdig unaufgeregte einleitende Überlegung von Jonathan Spyer zu einem Artikel, der unter dem Titel „Who should rule Syriya? Nobody“ am 20. August 2016 im Spectator erschienen ist, hätte einem in Deutschland im gleichen August Schimpf und Schande eingetragen: „Der lange Bürgerkrieg in Syrien ist immer noch weit von einem Ende entfernt. Jede reale Chance auf einen Sieg der Rebellen endete mit dem Eingreifen russischer Streitkräfte im letzten Herbst – aber während die Initiative inzwischen beim Assad-Regime liegt, sind die Regierungskräfte ebenfalls weit von einem entscheidenden Durchbruch entfernt. Wen – wenn überhaupt – sollte nun das Vereinigte Königreich im syrischen Schlachthaus unterstützen, und worin könnte Fortschritt in diesem zerbrochenen und blutenden Land bestehen?“ In Deutschland stellt man keine so frivolen Fragen, hier beginnt man seine Erwägungen mit der axiomatisch vorgetragenen Antwort: Zu unterstützen ist unbedingt das syrische Volk in seinem Freiheitswillen, den es in einem opferreichen Bürgerkrieg gegen einen Wiedergänger Hitlers so tapfer unter Beweis gestellt hat. Punkt. Der britische Autor lässt in seiner scheinbar auf reiner Nutzenkalkulation aufruhenden Fragestellung perfiderweise die westliche Unterstützung des Assad-Regimes als eine Möglichkeit der Konfliktlösung zu. Seiner Antwort auf diese Option, würden zwar auch die meisten Deutschen bereitwillig zustimmen – auch wenn sie den volksfeindlichen Hinweis auf zwei Varianten des den Weltfrieden bedrohenden Islamismus instinktiv ablehnen: „Es sollte offensichtlich sein, dass ein Sieg des Assad-Regimes ein Desaster für den Westen bedeuten würde. Assad, ein enthusiastischer Nutzer chemischer Waffen gegen sein eigenes Volk, ist mit der machtvollsten antiwestlichen Koalition im Nahen Osten verbündet. Das ist eine von der islamischen Republik Iran dominierte Koalition. Zu ihr gehören die Hisbullah im Libanon, die schiitischen Milizen des Irak und der pakistanische Islamische Djihad. Würde Assad gewinnen, dann würde die iranische Allianz ihre Vorherrschaft über das gesamte Gebiet zwischen Irak-Iran und dem Mittelmeer festigen – ein entscheidender Schritt zur Hegemonie des Iran über die gesamte Region. Ein Sieg Assads wäre also gut für den Islamismus – wenigstens in seiner schiitischen Variante – und schlecht für den Weltfrieden. Er sollte verhindert werden.“

Was wäre die Alternative zu Assad?

Während die Deutschen nach dieser völlig korrekten Kurzanalyse sofort Flugverbotszonen über Aleppo und am besten einen vereinten Schlag gegen Assads Milizen fordern würden, auf dass das befreite Volk seine Geschicke dann selber in die Hand nehme, setzt Jonathan Spyer seinen Artikel nicht minder korrekt so fort: „Die Kontroverse beginnt, wenn sich einer daran macht, die Alternative zu einem Sieg Assads zu betrachten.“ Ein Nachdenken über mögliche unangenehme, den Weltfrieden gefährdende Aspekte dieser Alternative wird in Deutschland standhaft verweigert, aber auch in Spyers Heimat, wo nicht nur die Labour Party unter Jeremy Corbyn und üble EU-europäische Propagandamaschinen vom Schlage des Guardian und immer noch großen Teilen der BBC, sondern auch biedere Konservative Jahre lang für den Sieg eines politisch moderaten, für westliche Werte kämpfenden Volkes, das es nicht gibt, geworben haben und vielfach noch werben: „Im November letzten Jahres behauptete David Cameron, er habe 70.000 ‚moderate‘ Rebellen ausgemacht, die bereit stünden, den islamischen Staat im Osten Syriens herauszufordern. Diese Zahl war ein Mythos. Der ihnen ergebene Redakteur war unter den allerersten westlichen Journalisten, die sich eine Zeit lang unter syrischen Rebellen aufhielten. Kürzlich bin ich von einer Reise in die Südtürkei zurückgekehrt, wo ich Kämpfer und Kommandeure der wichtigsten Rebellenbündnisse interviewt habe. Ohne besondere Freude, aber mit erheblicher Überzeugung kann ich berichten, dass die syrische Aufstandsbewegung heute durchgängig von sunnitisch-islamistischen Kräften dominiert ist. Und die mächtigsten unter ihnen sind zugleich die radikalsten.“ Nach einer Kurzanalyse der das Geschehen beherrschenden Banden unter dem Dach von Jaish al-Fatah (Armee der Eroberung) – nämlich „Ahrar al-Sham (freie Männer der Levante), eine salafistische Djihad-Gruppe; Jabhat al-Nusra, bis vor kurzem der offizielle Ableger von Al-Kaida in Syrien, heute umbenannt in Jabhat Fatah al-Sham; und Faylaq al-Sham (Legion der Levante), deren Ideologie dem sunnitischen Zweig der Moslembruderschaft entstammt“ – stellt Spyer fest: „Die kleinen Gruppen der ‚Freien Syrischen Armee‘, die noch existieren, tun das nur mit Erlaubnis von Jaish al-Fatah, und auch das nur so lange wie sie denen nützlich sind. In dem augenblicklich sehr unwahrscheinlichen Fall, dass die islamistischen Rebellen Assads Regime besiegen und Syrien unter ihrer Herrschaft wieder vereinigen, würde aus dem Land eine sunnitisch-islamistische Diktatur werden.“ Es bleibt die umso bohrendere Frage: „Wenn es also kein britisches oder westliches Interesse an einem Sieg entweder des Regimes oder der Rebellen gibt, was sollte dann in Bezug auf Syrien getan werden?“

In Deutschland, wo sich diese Frage nicht stellt, weil man nicht über die drohende sunnitisch-islamistische Diktatur reden will, da man sie längst billigend in Kauf genommen hat und sich für den Sieg des Volkes unter der Führung sunnitischer Rebellen stark macht, die selbstverständlich gemäßigt sind, braucht man stattdessen starke Bilder und noch stärkere Worte für eine verlogene und brandgefährliche Kampagne. Im Sommer 2016 war der ideologische Dreiklang gefunden: Der kleine Omran, Srebrenica und Auschwitz.

Kinder schauen uns anklagend an

Der „kleine Omran“, wie man den Jungen nennt, der Mitte August 2016 aus den Trümmern eines bombardierten Hauses in Aleppo gezogen wurde, hatte doppelt Glück: Er überlebte den Einsturz des Hauses und war erst fünf und nicht 12 Jahre alt, wie der einen Monat vorher von Militanten der Bewegung Nour al-Din al-Zenki vor laufender Kamera im gleichen Stadtbezirk geköpfte Palästinenser Abdullah Tayseer Al Issa. In der Person von Mahmoud Raslan, Mitglied eines Aleppo Media Center, dessen Facebook-Auftritt nahelegt, dass es sich um ein Durchhaltecenter für den Endsieg des Djhad handelt, laufen beide Kinderschicksale zusammen. Raslan ist der stolze Fotograf des im Krankenwagen sitzenden, anscheinend unter Schock stehenden Omran – ein Bild, das um die Welt ging und es u.a. auf die Titelseite von Springers Berliner Massenblatt B.Z. gebracht hat, wo es am 19. August unter dem Titel „Aleppo – Schande für unsere Zivilisation“ erschien. Die SZ, für die die Bilder von geschundenen Kindern genauso wie für die Konkurrenz von Springer Munition zum Anschlag auf die Restvernunft „von uns allen“ sind, beließ es am gleichen Tag aber nicht bei dem herzzerreißenden Hinweis darauf, dass es dem englischen Telegraph gelungen sei, „ein Interview mit dem Aktivisten zu führen. ‚Mir begannen die Tränen hinunterzulaufen, als ich das Foto aufnahm‘, sagte Raslan“. Vielmehr blamierte sie das Vorgehen des eigenen Hauses wie das der gesamten Konkurrenz, indem sie auch noch folgenden Hinweis anhängte: „Am Freitag nun wiesen verschiedene Blogger auf Raslans Facebookseite hin, auf der er Schnappschüsse von seinen Einsätzen veröffentlicht. Auf einem Bild vom 5. August trägt er dasselbe auffällige T-Shirt [wie bei dem Schnappschuss von Omran; J.W.] und posiert grinsend mit Kämpfern der Zenki-Miliz. Zwei der Männer auf dem Bild sind zweifelsfrei auf anderen Fotos von Mitte Juli zu identifizieren, die traurige Berühmtheit erlangten: Die Männer wirkten bei der Enthauptung eines Zwölfjährigen mit, den sie beschuldigten, ein Kindersoldat des Machthabers Assad gewesen zu sein.“

Das Schicksal Abdullah Tayseer Al Issas war kaum mehr als eine dürre Nachricht wert, die zur allgemeinen Zufriedenheit mit einer Erklärung der Schlächter von Harakat Nour al-Din al-Zenkis endete, man distanziere sich von dem Vorfall und werde die Hintergründe ermitteln. Aus Omran aber wurde Aleppo und aus Aleppo „unsere Schande“. Bilder von Kindern aus Kriegsgebieten sind Propagandamittel; je größer einen die Augen der Kleinen anschauen, desto sicherer kann man darauf schließen, dass das jeweilige Medium seine Kunden – oder wenn es, wie in Deutschland der Fall, alle Medien sind, die Nation – auf blinde Parteinahme für eine Seite der Front festlegen will. Die Abbildung eines geschundenen Kindes gilt traditionell als Anklage gegen den Krieg überhaupt, über dessen allseits bekannten Schrecken man im Heimatland der Friedensbewegung noch heute allen Ernstes Aufklärung leisten will. In Wirklichkeit bestand schon nach 1918 der tiefere deutsche Sinn des sozialdemokratischen, kommunistischen und linksbürgerlichen Abscheus vor dem Krieg weniger darin, den Revanchisten zu trotzen, als vielmehr in einem uneingestandenem Bündnis mit ihnen die deutsch-österreichische Kriegsschuld entweder ganz zu bestreiten oder sie, angesichts des großen Schreckens des Weltkrieges, als zu vernachlässigenswerte Marginalie kleinzureden.

Wenn Deutsche mit Kriegskindern aufwarten, dann immer auch zu dem Zweck, mit der eigenen Tätergeschichte fertig zu werden. Das kann so weit gehen, dass sie sich in einem Aufwasch mit den ihnen verwandten aktuellen Tätern identifizieren, die doch nur dafür kämpften, dass nicht „ein ganzes Volk zugrunde gehe“ und der „gewaltsamen Vertreibung“ ausgesetzt werde, was in deutschen Augen seit Hitlers Durchhalteparolen und der Vertriebenen-Propaganda der frühen BRD irgendwie dasselbe sein muss. Der kleine Omran ist das menschlich anrührende Symbol einer Durchhaltegemeinschaft aus syrischem Heimatschutz im Namen des grenzenlosen sunnitischen Djhihads und seiner westlichen Verbündeten, seien es nun die Ärzte ohne Grenzen, Oxfam, die Springerpresse und über diese sogar Teile des antideutschen Lagers. Die von der B.Z. angeprangerte „Schande der westlichen Zivilisation“ – bei Springer hat man gelernt und verzichtet auf die kulturalistische Vokabel von der Wertegemeinschaft, die es zu verteidigen gelte – bestehe darin, dass die USA und ihre Verbündeten nicht gemeinsame Sache mit den in Syrien operierenden Islamisten vom Schlage Mahmoud Raslans machen. Mit dem kleinen Omran auf dem Panier wird ein Syrienszenario entwickelt, das mit dem dort ausgetragenen Bürgerkrieg, seinen Kombattanten und den jeweiligen Interessen schon gar nichts mehr zu tun hat. Wer nicht mittut im heiligen Krieg gegen den „Genozid“ von Aleppo (Bild, 20.7.16), dem sei mindestens die Restempathie abhanden gekommen, heißt es, oder, schlimmer noch, der sei heimlich verbündet mit Assad, dem Volksvernichter. Früher waren das die gegen die von den USA und Großbritannien angeführte Achse des Guten gerichteten Worte von den Ärzten ohne Grenzen oder von Oxfam, die in der Bombardierung von Bagdad durch die US-Army im Jahr 2003 einen Völkermord erkennen wollten. Heute schreiben das Leute, die im Pulverdampf der eigenen Fassbomben-Propaganda nicht einmal mehr die Stadtgrenzen Aleppos, geschweige denn wer in dieser Stadt überhaupt lebt, erkennen können.

In einigen Vierteln der stark zerstörten Altstadt von Aleppo werden bis zu 300.000 Menschen, wahrscheinlich bedeutend weniger, darunter Abertausende sunnitisch-islamistische Militante, von Truppen des Assad-Regimes und seinen Verbündeten belagert, weitgehend von Versorgung abgeschnitten und von russischen Fliegern bombardiert. Noch nicht einmal auf diesen Grundtatbestand, der noch nichts erklärt, kann sich die deutsche Öffentlichkeit einigen. Statt neutral von „Militanten“ in Aleppo zu sprechen, wählt man gerne das Solidarität einfordernde „Aufständische“ (z.B. die Zeit, 31.7.16), und vielfach wird nicht von einigen Stadtbezirken berichtet, sondern von der ganzen Stadt, der jede Hilfe recht und auch zu wünschen sei. „Belagerte Stadt in Syrien. Die Islamisten sind Aleppos letzte Hoffnung“, titelte unfreiwillig offen der Spiegel nach der vorrübergehenden Unterbrechung des Nachschubweges in die umkämpften Gebiete am 2.8.16, und verknüpfte damit die Ziele des sunnitischen Djihads mit „unserer“ zu Schanden gekommenen Hoffnung auf einen gerechten Frieden in Syrien: „Während die USA und Europa zusehen, wie Hunderttausende Menschen in Aleppo ausgehungert werden, kommen Islamisten den Eingeschlossenen zu Hilfe. Angeführt werden sie von einer Terrormiliz.“

Es sage keiner, die israelfreundliche Welt hätte gegen derartigen Zynismus protestiert. In den Köpfen der gerne als Edelfedern titulierten Spitzenkommentatoren des Springerkonzerns rumpelt, schlimmer noch als im amerika- und israelfeindlichen Spiegel, in der Syrien-Frage tiefstes deutsches Ressentiment. In selbstanklägerischer Pose wird dort deutsche Schicksals-, Leidens- und Befreiungsgeschichte, vom Sündenfall Srebrenica und zurück zum Existential Auschwitz in Erinnerung gerufen, um den Lesern die immer gleiche Lüge einzuhämmern: Ein Volk wird vernichtet und wir, ausgerechnet wir mit unserer besonderen Verantwortung, schauen tatenlos zu – welche Schande. Die 15–20 Prozent Christen, die laut Wikipedia im Jahr 2004 in Aleppo lebten, die im gleichen Artikel quantitativ nicht erfassten Alaviten, die dem Djihad abgeneigten Kurden und die in dieser Stadt einmal zahlreich anzutreffenden laizistischen Moslems kommen bei der Definition dessen, was das syrische Volk im allgemeinen und das von Aleppo im besonderen sei, schon gar nicht mehr vor, wenn vom Genozid an eingeschlossenen Zivilisten gefaselt wird und die Schnappschüsse eines djihadistischen Killers zum Beweis herumgereicht werden.

Dem Richard Herzinger ist die Wiederaufnahme der Srebrenica-Propaganda zu danken: „Vor gut 20 Jahren ließen die Weltgemeinschaft und der Westen tatenlos zu, dass serbische Einheiten 8.000 Bewohner der bosnischen Stadt Srebrenica massakrierten. Erst unter dem Schock dieser Untat entschlossen sie sich endlich zum Eingreifen. Heute nimmt im syrischen Aleppo eine humanitäre Katastrophe ihren Lauf, die Srebrenica noch weit übertrifft. 300.000 Zivilisten sind dort von Truppen des Assad-Regimes, des Iran und Russlands eingeschlossen. Aushungern und gezieltes Zerstören von zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern sind zentraler Bestandteil der genozidalen Kriegsführung der Achse Moskau-Damaskus-Teheran. Die UN und der Westen aber lassen sie gewähren. […] Die Zivilbevölkerung wird vor die Alternative gestellt: flüchten oder rücksichtslos bombardiert und ausgehungert werden. Es ist in Wahrheit eine gewaltsame Vertreibung und so ein weiteres Kriegsverbrechen, das unter Federführung eines ständigen Mitglieds des UN-Sicherheitsrats begangen wird.“ (Welt, 2.8.16) Diese ungeheuerliche Gleichsetzung und Vermischung von Genozid und Vertreibung, bezogen auf Aleppo, reichte ihm noch nicht. Sechs Tage später wähnte Herzinger die Vernichtung aller Syrer durch solche Syrer, die nicht zum Volk gehören: „Die westlichen Demokratien scheinen entschlossen, im Syrien-Konflikt lieber ein ganzes Volk zugrunde gehen zu lassen, als eine Konfrontation mit der für das Massensterben hauptverantwortlichen Kriegsverbrecherachse Damaskus/Moskau/Teheran zu riskieren.“ (Welt, 8.8.16)

Um die Sache mit der Vernichtung, die bei Herzinger noch als „genozidale Kriegsführung“ oder „ein ganzes Volk zugrunde gehen lassen“ umschrieben wird, auf die Formel Aleppo ist Auschwitz zu bringen, braucht es allerdings eines qua Blut ausgewiesenen Sachverständigen – ein Fall für Henryk Broder also.

Aleppo und Auschwitz

Der hatte bereits am 31.7.16 erklärt: „Ich möchte niemanden kränken und niemanden verletzen. Ich weiß, wie zurückhaltend man mit historischen Vergleichen sein muss, obwohl man im Prinzip alles mit allem und jeden mit jedem vergleichen kann: Trump mit Hitler, eine Hühnerfarm mit einem KZ, die EU mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.“ Immer wieder köstlich, dieser Broder, müssen sich seine noch dümmeren Fans gedacht haben, denen es auch angesichts der steilen Fortsetzung nicht gegraust, sondern im Gegenteil Wellen wohligen Schauderns den Rücken hinuntergetrieben hat. „Ich möchte nur feststellen: Für mich ist Aleppo schlimmer als Auschwitz. Auschwitz ist Geschichte, bis ins letzte Detail dokumentiert. Auschwitz kann und wird sich nicht wiederholen. Es wird der Sündenfall der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bleiben.“ Jetzt, man weiß es als routinierter Zeitungsleser, jetzt kommt er, der Tabubruch: „Aleppo aber ist Gegenwart. Das Morden und Sterben wird live übertragen. Keiner wird sagen können, das Schlachtfest habe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Ich habe deswegen eine Bitte an Herrn Steinmeier und Frau von der Leyen, an die Außen- und Verteidigungsminister und die Außenbeauftragte der EU, an den Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Bedford-Strohm und an Kardinal Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, an den Präsidenten des Zentralrats der Juden, den Bundespräsidenten und an alle Feiertagsredner, die sich an jedem 9. November und jedem 27. Januar versammeln, um an die ‚Kristallnacht‘ und die Befreiung von Auschwitz zu erinnern und dabei ‚Wehret den Anfängen‘ zu rufen: Hört bitte auf, Krokodilstränen um die toten Juden zu vergießen. Hört auf, vom Friedensprojekt Europa zu reden. Und hört auf, darüber zu schwadronieren, dass man ‚die Ursachen bekämpfen‘ müsse. Seid einfach still und schämt euch.“

Das erinnert fatal an eine ganz verwandte Prosa, die bereits vor zwei Jahren veröffentlicht wurde und so anhebt: „Angesichts des Schreckens, der sich gerade jetzt in Aleppo ereignet, gibt es KEINE Position der Distanz oder Neutralität. Es ist ein auf Eroberung und Vernichtung angelegter Krieg gegen ein Volk, das über keine Mittel verfügt, das in einem winzigen Gebiet ohne Wasser eingesperrt ist, wo Krankenhäuser, Krankenwägen und Kinder Ziele sind, weil ihnen unterstellt wird, sie seien Terroristen. Das ist schwer zu verstehen und unmöglich zu rechtfertigen. Und es ist schändlich, dass westliche Länder diesen Genozid erlauben.“ Da ist der ganze Herzinger, ergänzt um Broders auschwitzgestähltes „Schämt Euch!“, nur dass im hier zitierten Original nicht Aleppo, sondern Gaza stand. Broder sollte noch einmal tief Luft holen, bevor er das nächste Mal mit Auschwitzvergleichen um sich wirft, denn so geht es weiter: „Ich kann diese Barbarei nicht verstehen, die noch grausamer und unbegreiflicher erscheint, angesichts der fürchterlichen Ereignisse, durch die die Juden in der Vergangenheit gehen mussten. Nur geopolitische Allianzen, diese verlogene Maske des Geschäfts – zum Beispiel der Waffenhandel – erklären die beschämende Haltung, die die USA, die EU und Spanien einnehmen. Ich weiß, dass bestimmte Leute wie immer mein Recht, meine Meinungen kundzutun, mit persönlichen Angriffen diskreditieren werden. Deshalb möchte ich folgende Punkte klarstellen: Ja, mein Sohn wurde in einem jüdischen Krankenhaus geboren, weil ich dort sehr nahe Freunde habe, die jüdisch sind und weil Jüdischsein nicht automatisch bedeutet, Massaker zu unterstützen, genauso wie Hebräisch zu sein nicht bedeutet, dass du ein Zionist bist, genauso wie der Umstand, dass du ein Palästinenser bist, dich nicht automatisch zu einem Hamas-Terroristen macht. Das ist genauso absurd wie zu sagen, dass Deutscher zu sein dich zu einem Nazi macht.“ Das schrieb der wahrscheinlich europäischste Schauspieler jemals, Javier Bardem, in eldiario.es am 25.7.14.

Der Sündenfall Srebrenica

Doch zurück zum Ausgangspunkt, dem westlichen Sündenfall Srebrenica. Die Friedenstruppen, konkret waren es holländische, hatten es sich nicht vorstellen können oder wollen, dass die Kumpane des sich so gemütlich gebenden Radko Mladic in Srebrenica allen Ernstes die 8.000 Bosnier zwischen 12 und 70 Jahren, darunter eine Minderheit bosnischer Milizionäre, die man ihnen übergeben hatte, abschlachten würden. Das danach einsetzende Eingreifen des Westens, vor allem der USA, das Herzinger so lobt, hatte die nachhaltige Schwächung Serbiens und auch seiner in Bosnien tätigen Milizen zur Folge. Das führte immerhin dazu, dass sich kein zweites Srebrenica ereignete. Heute steht der Westen vor einem bosnischen Rumpfstaat, der zu großen Teilen bereits Scharia-Gebiet ist und von dem die größten europäischen Kontingente nach Syrien zum IS aufgebrochen sind. Hinzu kommt ein unberechenbares teilislamisiertes Gangland namens Kosovo und eine höchst fragwürdige Republika Srpska im serbisch beanspruchten Teil Bosniens. Der Bürgerkrieg ist zwar Geschichte, doch westlicher ist das, was früher einmal Jugoslawien hieß, nach dem Eingreifen des Westens nicht geworden. Darüber bekommt man manchmal Auskünfte in Länderartikeln, die einen Strategen wie Herzinger nicht beeindrucken, denn der wendet im Kampf um die Köpfe deutsche Ideologie in höchster Dosierung an – genauso wie sein Kumpel Broder.

Die Existzenz von Auschwitz und sein Zweck waren den Alliierten bekannt, ohne dass aus dem detaillierten Wissen Konsequenzen gezogen wurden. Das Nachdenken über die durchaus statt gehabte Realitätsverweigerung in britischen, amerikanischen und sowjetrussischen Stäben könnte allerdings Bestandteil historischer Forschung über den Antisemitismus sein. Grund zur Sorge machen die Forderungen nach europäischen Konsequenzen aus diesem Versagen, die stets mit sehr fragwürdigen Mutmaßungen über eine geheimnisvolle Komplizenschaft zwischen den westlichen Alliierten und Deutschlands alten Eliten anheben. Die Deutschen selber werden nicht müde zu insinuieren, dass es den Alliierten nie um die Rettung der Juden, sondern nur um die Vernichtung deutscher Städte, ja sogar „darum, ein ganzes Volk zugrunde gehen zu lassen“ (Herzinger) zu tun gewesen sei. Denn, um mit Javier Bardem fortzufahren, geht es ihnen auch heute in Wirklichkeit nicht um Israel, sondern um die Vernichtung Gazas in einem verlogenen Planspiel um Öl und zum Nachteil des Volkes, das arabisch und islamistisch ist, und das nicht zu verteidigen unsere Schande sei.

Srebrenica als Propagandafigur ist ohne Auschwitz nicht zu haben; Broder nimmt nur auf, was Joseph Fischer 1999 – als es um den Kosovo-Krieg ging – so heldenhaft aussprach: „Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen“. Dabei ging es bei dem Vergleich von Auschwitz und Srebrenica oder dem Kosovo um das Gleiche wie heute in Aleppo: Die Rettung der kleinen Omrans, von denen viele ziemlich groß und schwer bewaffnet sind und ganz nebenher dafür sorgen, dass sich keiner traut, als Zivilist das Kampfgebiet im Zentrum Aleppos zu verlassen. 1990/91 war es die deutsche Außenpolitik, die durch die im Alleingang beschlossene staatliche Anerkennung Sloweniens und vor allem Kroatiens nicht nur Deutschland zur an der ideologischen Front wütenden Kriegspartei machte, sondern auch die EU nötigte, mitzuziehen oder vor der Weltöffentlichkeit als lächerlicher Haufen dazustehen. Die Option für das als künstliches Gebilde geschmähte Jugoslawien hatte in deutschen Augen nicht erst bei Ausbruch des Bürgerkriegs keinen Bestand. Statt 1990/91 auf ein „Volk“ zu rekurrieren, das als die Summe der Angehörigen der jugoslawischen Teilnationen in einem geeinten Jugoslawien wohl eine bessere nachsozialistische Zukunft gehabt hätte als im Kleinstaaten-Flickenteppich, mussten es die naturhaft „echten“ Völker sein: die sich immer hemmungsloser zu ihrer Ustascha-Vergangenheit bekennenden Kroaten und die Moslems genannten Bewohner großer Teile, aber eben nicht des gesamten Bosniens. Der Kampf gegen den künstlichen und deshalb nicht überlebensfähigen und schon gar nicht wertzuschätzenden Vielvölkerstaat wurde im Namen der Stammes- und Blutsnation geführt, was die Verteufelung des bis 1990 noch die jugoslawische Idee hochhaltenden Serbiens zur Folge hatte. Da man im Nachhinein klüger ist, lässt sich schwer bestreiten, dass eine politische Option des Westens für den Erhalt Jugoslawien zwar der sinnvollere und menschenfreundlichere, aber wohl von Anfang an nicht realisierbare Weg gewesen wäre. Zu tief war der alte Hass, der mit den Massakern nach der Befreiung 1944 vor allem durch Angehörige der Partisanen-Armee Titos, die keine durchgängig serbische war, noch größer wurde. Für diesen Hass steht dann auch das Massaker von Srebrenica. Nur: Auf die physische Vernichtung ganzer Bevölkerungen, im Fall Srebrenica also der bosnischen Moslems, war der Jugoslawien-Krieg nicht ausgelegt. Gezielt hat die zuerst deutsche, dann gesamteuropäische Propaganda wirkliche Vertreibungen (Moslems und Kroaten aus der heutigen Republika Srpska, Kroaten und später Serben aus der kroatischen Krajina) und inszenierte Vertreibungen (Kosovaren aus dem Kosovo 1999) als Genozid bezeichnet, um endlich das moralische Recht zum Eingreifen zu bekommen.

Im jugoslawischen Bürgerkrieg ging es um die Schaffung ethnisch reiner Teilstaaten. Da es die fast nirgends durchgängig gab, sollte durch Vertreibung nachgeholfen werden. Genau das, was mit der Verteidigung des Vielvölkerstaats Jugoslawien vielleicht ja doch hätte verhindert werden können, erfolgte unter Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der autochthonen Völker umso grausamer. Nur: Auch die Ermordung von bis zu 8.000 Männern und Jugendlichen ist, obgleich ein Kriegsverbrechen, eben keine Aktion zur Eliminierung aller bosnischen Moslems, wie deutsche Propaganda es bis heute nahelegt. Broders Untat war der Hinweis auf Auschwitz in einer mit Srebrenica-Vergleichen kontaminierten Aleppo-Debatte. Der Verweis auf einen Genozid im Zusammenhang mit Jugoslawien ist nicht unter Verwendung des Namens Srebrenica legitim, sondern – und auch dann nur mit erheblichen Einschränkungen – mit Hinsicht auf Jasenovac, dem Todeslager, in dem zwischen 1941 und 1944 von den Ustascha-Kroaten mindestens 80.000 Menschen abgeschlachtet wurden, vor allem Serben, Roma und Juden, aber auch bosnische Moslems. Die Tötung der jugoslawischen Juden in Jasenovac war der in kroatischer Autonomie ausgeführte Beitrag zum deutschen Genozid an den Juden Europas. Die Massentötungen an vor allem Serben und – weniger zahlreich – Roma und Moslems trugen die Möglichkeit in sich, dass dereinst vielleicht wirklich alle Serben, Bosniaken und Roma im Territorium des besiegten jugoslawischen Königreichs zum Opfer fallen sollten. Wahrscheinlich erscheint eine solche Hypothese im Abgleich mit den tatsächlich stattgehabten Gräueln und den gar nicht das ganze jugoslawische Territorium meinenden großkroatischen Plänen jedoch nicht.

Von Srebrenica nach Auschwitz gelangt nur, wer das Projekt der Blutsnation gutheißt und anders sich Volk nicht vorstellen will. Deswegen musste unbedingt dem Verlierer im jugoslawischen Bürgerkrieg, dem bis 1990 durch das in seinem historischen Chauvinismus und Hegemonialstreben stark selbstbeschnittene Serbien repräsentierten Vielvölkerstaat die Schuld am Bürgerkrieg angehängt werden. Wer von den 8.000 in Srebrenica auf die 1,5 Millionen in Auschwitz Ermordeten verfällt, handelt projektiv. Er neidet den Juden die unfassbar hohe Zahl der Opfer und sucht wild entschlossen schurkischere Taten als die von den Deutschen an den Juden begangenen gerade dort, wo jeder Vergleich in Bezug auf die Quantität und die eliminatorische Intention des Mordens hinkt.

Auschwitz war gewiss der Höhepunkt des deutschen Ringens um die völkisch konstituierte Nation. Dieser Kampf fand allerdings negativ statt, indem die zum Anti-Volk Erklärten nach genuin völkischen Kriterien dingfest gemacht und weitgehend vernichtet wurden. Die Kriterien der penibelsten Ahnenforschung zum Zweck der restlosen Aussonderung und Auslöschung bestehen scheinbar positiv gewendet dort fort, wo man aus dem Holocaust die Lehre zieht, dass entlang des Kriteriums der ethnischen Reinheit Partei in Bürgerkriegen ergriffen werden müsse. Im Fall Syriens, dem einzigen arabischen Land, in dem unter dem Regiment Assads Christen nicht verfolgt und laizistische Alaviten an die Macht kommen konnten, stellt sich die Sorge ums Volk, ähnlich wie damals in Jugoslawien, als eine um das einzig richtige Volk dar, mit dem Unterschied, dass diesmal nicht dem Separatismus das Wort geredet wird, sondern der Einheit der Nation – was nichts Gutes für diejenigen bedeuten kann, die nicht dazugehören sollen. Noch nicht einmal der Umstand, dass die von Assad unterdrückten Kurden sich dem Volkskrieg dezidiert nicht angeschlossen haben, brachte deutsche Stellvertreter-Revolutionäre in Verlegenheit. In Aleppo und anderswo wird deutlich, was der Syrer in den Augen der europäischen Öffentlichkeit in Wirklichkeit ist: Ein sunnitischer Araber, der seinem sunnitisch-arabischen Auftrag auch gläubig folgt. Damit sind nicht nur die Alaviten, Christen und Kurden, die, obwohl selber Sunniten, sich der arabischen Sunna nicht unterwerfen wollen, aus dem Volkskörper ausgeschieden, sondern auch diejenigen arabischen Sunniten, die nicht zum arabischen Volkssturm gezählt werden wollen.

Was kann in Syrien ein Fortschritt sein?

Vorläufig kann man nur Jonathan Spyers in seinem Spectator-Artikel, der vor dem Eingreifen der türkischen Armee und der ihr angeschlossenen djihadistischen Killergruppen geschrieben wurde, ausgedrückten Hoffnungen beipflichten: „Dem Assad-Regime sollte nicht erlaubt werden, Syrien unter seiner Herrschaft wieder zu vereinigen. Genauso sollte den Islamisten nicht erlaubt werden, einen djihadistischen Staat in dem Land zu etablieren, und dem Islamischen Staat sollte nicht erlaubt werden, weiter zu existieren. Indem man die Allianz mit den SDF (Syrian Democratic Forces) stärkt, sie und ihre Verbündeten ausrüstet, damit sie Rakka erobern und Isis im Osten vernichten können, und ihnen dann erlaubt, ihre Herrschaft im östlichen und nördlichen Syrien zu etablieren, können diese Bedingungen erfüllt werden. Für einen Wechsel haben die USA und ihre Alliierten eine eindeutig antiislamistische und antidjihadistische Macht im Nahen Osten gefunden, die die Angewohnheit hat, ihre Schlachten zu gewinnen. Das ist ein Erfolg, der verfestigt werden sollte.“ Darüber hinaus wird wohl ein von Assad und seinen Verbündeten beherrschtes Klein-Syrien und in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten eine weitere autonome Region entstehen. Das hätte den Vorteil, dass Syrien weder der Assad-Koalition noch der sunnitischen Sharia-Fraktion ganz in die Hände fällt. Einen anderen Weg hat es weder 2011 noch danach gegeben, denn der syrische Aufstand war von Anfang an das, was immer voller Lob über ihn geschrieben wurde: Eine Arabellion, die keinen „Fortschritt für dieses zerbrochene und blutende Land“ im Programm hatte.

Und die kleinen Omrans aus Aleppo? Sind sie dann nur noch Spielball westlicher Geostrategie und damit schutzlos den Fassbomben Assads bzw. Putins ausgeliefert? Eben nicht. Heute sind sie die menschlichen Schutzschilder von Mordbanden, die auf ihren Entsatz warten und bereit sind, ihren verlorenen Krieg nicht etwa bis zum letzten Kämpfer, sondern eben bis zum letzten fünfjährigen Kind fortzusetzen. Aufgestellt werden die Omrans gegen extrem skrupellose Belagerer, zu deren Methoden auch der Abwurf von Fassbomben gehört. Anders als das aufgeregte Geschrei es unterstellt, ist der Westen aber nicht untätig gewesen. Man kann und muss den westlichen Staaten abverlangen, dass sie mehr als bislang dazu beitragen, dass die Zivilisten die Altstadt von Aleppo verlassen können und bis dahin mit dem Nötigsten versorgt werden, auch wenn das den Djihadisten einen Vorteil bringt. Seit Monaten wird solchen Forderungen wenigstens bis zu einem gewissen Grad nachgekommen. Es gelangten sehr wohl Hilfsgüter, wenn auch zu wenige, auf den Druck des Westens hin in die belagerten Stadtteile. Am 11.9.2016 wurde auf Betreiben des Westens in Verhandlungen mit Russland ein weiterer temporärer Waffenstillstand und der Zugang von Hilfsorganisationen ins Kampfgebiet nicht nur nach Aleppo beschlossen. Dass der Westen den unter anderem mal wieder aus Deutschland kommenden Forderungen nach Anerkennung der umbenannten Al-Nusra-Front nicht nachgekommen ist und diese gemeinsam mit Russland weiter bekämpft – auch das kann nur im Interesse kleiner Omrans sein. Man muss schon ein Hetzer von der Springerpresse sein, um zu leugnen, dass die sich abzeichnende Aufteilung Syriens in drei Territorien bedeutend fortschrittlicher ist, als ein Sieg der vereinten Sunna im Volkskrieg.

Das Syrien unter dem Assad-Clan vor dem Bürgerkrieg, das werden die Freunde der sunnitischen Volksbefreiungsbewegung nie zugeben, war eben nicht nur das Land der Folterkeller, der omnipräsenten Geheimpolizei und der antisemitischen Propaganda und Tat. Es war auch das in Teilen vergleichsweise fortschrittliche Land, aus dem Menschen wie Aiham Shalgin vor der Arabellion haben fliehen müssen. Aufgrund seiner einschlägigen Berufserfahrung und seiner Sprachkenntnisse ist er seit einigen Monaten Bademeister im Tübinger Freibad, wo er neue Erfahrungen gemacht hat: „Die Vorfälle in (den Schwimmbädern in) anderen deutschen Städten führt Aiham Shalghin darauf zurück, dass viele männliche Flüchtlinge noch nie mit Frauen geschwommen seien, erklärte er dem Lokalblatt. In großen Teilen Syriens gebe es nur geschlechtergetrennte Bäder, lediglich Damaskus sei so fortschrittlich, dass es dort gemischte Badeanstalten gibt. Trifft er in Deutschland auf Altersgenossen aus dem ländlichen Syrien, verspüre er eher weltanschauliche Klüfte als landsmannschaftliche Vertrautheit, erzählte er aus seiner bisherigen Arbeit als Bademeister, aber auch bezogen auf seine Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland.“ (N24 online, 1.8.16, am gleichen Tag auch in Welt online veröffentlicht) Diese menschenverachtende Disqualifizierung eines von „genozidaler Kriegsführung“ betroffenen Volkes hatten Richard Herzinger, Broder und Kumpane nicht mehr rechtzeitig tilgen können. Nach der Logik der deutschen Pressemeute müsste einer wie Shalgin wegen mangelnden Respekts vor dem autochthonen Wunsch der Mehrheit des syrischen Volkes nach Geschlechterapartheid nicht nur aus dem Schwimmbad sofort abgeschoben werden. Nach ihrer Haltung zu gemischtgeschlechtlichen Schwimmbädern hätte man schon 2011 die syrischen „Revolutionäre“ befragen müssen, bevor man ihnen publizistisch zujubelte. Ob wenigstens in den sich etablierenden kurdischen Autonomiegebieten allen zugängliche, burkafreie, gemischtgeschlechtliche Schwimmbäder gebaut werden, das sollte die Nagelprobe auf den allzu schnell versprochenen kurdischen Fortschritt sein.

Justus Wertmüller (Bahamas 74/2016)