Antisemitismus in Rußland

"Zionistisch-freimaurerische Verschwörung"und rot-braunes Bündnis

Die altehrwürdige Zeitung Prawda hat im Jahre 1993 ein äußerst unrühmliches Ende gefunden. Nicht, daß Jelzin dem von Lenin gegründeten, ehemaligen Zentralorgan der KPdSU ein Ende setzte, ist damit gemeint – nach Einführung einer bürgerlichen Präsidialdiktatur verboten zu werden, ist ehrenvoll für ein ehemals revolutionäres Blatt (1). Die Prawda aber verbreitete in ihrem letzten Erscheinungsjahr finstersten Antisemitismus – sie druckte einen Beitrag, der chassidische Juden aus Lubawitsch des "Ritualmordes" bezichtigte. Die Ermordung dreier orthodoxer Priester unweit Moskaus wurde darin dem Wirken "geheimer jüdischer Kulte" zugeschrieben (2). Chassidim betrieben die "Gehirnwäsche junger, rauschgiftsüchtiger und geisteskranker Personen", um sie zu Mordtaten zu verlocken. Für das Jahr 1994 sagte der Prawda-Beitrag "eine massive Welle jüdischer und zionistischer Propaganda" voraus. Chefredakteur Seleziow rechtfertigte die Veröffentlichung als "Schnitzer", der nicht böswillig und antisemitischen Absichten geschuldet sei. Er weigerte sich, eine Entschuldigung auszusprechen und die Ritualmordlüge in aller Form zu dementieren. Die russische Generalstaatsanwaltschaft leitete – nach Strafanzeige der chassidischen Gemeinde – Ermittlungen zunächst einmal gegen ebenjene ein! Begründung: "Wir haben keinerlei Informationen über diese Sekten und versuchen festzustellen, ob all dies stimmt"...

Schlaglichter aus einer russischen Realität, in der antisemitische Verschwörungstheorien immer mehr Ausbreitung finden. Die Veröffentlichung der "Prawda" stand – auch wenn die Zeitung bereits privatisiert war (3) – im nationalbolschewistischen Diskussionskontext.

Die antisemitische Rechte

Als ein Gradmesser für die Bedeutung antisemitischer Verschwörungstheorien in Rußland kann die Ausbreitung der "Protokolle der Weisen von Zion" gelten. Der Text, der ein Treffen jüdischer Weltverschwörer fingiert, wurde kurz vor der Jahrhundertwende vom zaristischen Geheimdienst "Ochrana" verfaßt. In der antisemitischen Gruppe "Pamjat" ("Gedächtnis") wurden die "Protokolle" seit 1985 auf Versammlungen verlesen, sie sind seitdem in Buchform ebenso im Verkauf wie Hitlers "Mein Kampf" oder Schriften des Nazi-Ideologen Rosenberg. Verschiedene Zeitschriften – durchaus nicht nur der extremsten Rechten – druckten die "Protokolle" auszugsweise oder in Fortsetzungen ab (4).

Die Gruppe "Pamjat", die seit Mitte der 80er Jahre in Moskau unter offensichtlicher Duldung staatlicher Behörden und der KPdSU immer offener antisemitisch agierte, spaltete sich seitdem in mehrere Fraktionen und Gruppierungen auf. Neben solch monarchistischen Antisemiten nach dem historischen Vorbild der "Schwarzen Hundert" (5) haben sich mittlerweile aber auch nationalsozialistische Organisationen formiert, die sich teils positiv auf Hitler beziehen, ihn teils auch als "Juden" und Feind Rußlands ablehnen.

Die aggressive antisemitische Propaganda hat aber auch immer mehr auf die "großen" nationalistischen Strömungen übergegriffen, und eine verstärkte Zusammenarbeit mit den militanten Aktivisten ist zu beobachten. Ein Beispiel hierfür ist die "Russische Allgemeine Volksunion" der bekannten Rechten, Baburin und Alksnis, zu denen die militante "Slawische Volksbewegung" hinzustieß. Jene militärisch organisierte, scharf antisemitische Organisation unter Jakuschew nahm an der Verteidigung des Weißen Hauses teil. Baburin, ehemals junger Fraktionsführer des großen nationalistisch-nationalbolschewistischen Stimmblocks im "Obersten Sowjet", gilt als eine kommende Politikerpersönlichkeit des rechten Lagers. In öffentlichen Auftritten geißelte er eine angebliche Verschwörung von "Zionisten" und US-Kongreß, die willfährige Lakaien an die Spitze der Sowjetunion gestellt hätten, um die Nation zu zerstören. Alksnis, Angehöriger des Generalstabs und Verteidiger des "Weißen Hauses", pries das chilenische Modell Pinochet als Vorbild für Rußland

Zu den Wahlen im Dezember wurde die "Allgemeine Russische Volksunion" nicht zugelassen. Kurz vor dem Datum der Wahlzulassung durchsuchte Polizei die Büroräume der Organisation – nach ihren Angaben, um einen flüchtigen Rechtsradikalen zu verhaften. Nach Baburins Darstellung fehlten nach der Durchsuchung 20.000 Unterstützungsunterschriften, die zur Wahlzulassung notwendig gewesen wären (vgl. FAZ vom 11.11.93, S. 8).

Bei den Parlamentswahlen antreten wird dagegen die "Liberaldemokratische Partei" Shirinowskis, zu der die militante "Völkisch-soziale Bewegung" unter Jakuschew hinzugestoßen ist (6). Shirinowski hatte sich in früheren Phasen der Perestroika ganz als Demokrat gegeben, sich dann aber vor allem in massivster Propaganda gegen Angehörige der von der Sowjetunion "abgefallenen" Staaten einen Namen gemacht. Insbesondere die "Schwarze" oder "Schwarzköpfe" genannten Bewohner aus kaukasischen Staaten sind in Moskau massiven rassistischen Stimmungen ausgesetzt, die im "liberaldemokratischen" Führer ein prononciertes Sprachrohr finden. Bei den Präsidentschaftswahlen im Juli 1991 erreichte Shirinowski mit seiner "gegen das Bonzentum" gerichteten Propaganda knapp 8% der Stimmen, das entspricht immerhin mehr als 6 Mio. Wählern. Shirinowski erweitert sein faschistoides Repertoire mehr und mehr um offenen Antisemitismus – Auszüge aus einem Interview, das im Oktober 1991 geführt wurde: "Wenn Sie an die Macht kommen, was droht dann den russischen Juden?" – "Wenn ich nicht an die Macht komme, wird man sie vernichten. Ich dagegen schaffe für sie günstige Bedingungen für ihr Leben hier oder für die Ausreise nach Israel. Und für den Antisemitismus werden sich in der Zukunft bei uns weite Möglichkeiten auftun, denn die Bevölkerung wird unbedingt nach einem Feind suchen und herausfinden wollen, wer an dieser ganzen schrecklichen Situation im Land schuld ist. Und wenn wir die RSFSR haben und alle anderen unabhängige Republiken sind, dann werden die Russen fragen: Und wer ist schuld daran? Wer hat sich an die Spitze aller dieser demokratischen Organisationen gestellt? Siebzig Prozent Juden. Wer leitet die Redaktionen aller dieser neuen unabhängigen Medien? Zu siebzig Prozent Juden." (7)

Auch die "Neue Rechte", als die sich russische Rechtsintellektuelle formieren, artikuliert sich deutlich antisemitisch. Einer ihrer Exponenten, Aleksandr Dugin, formulierte die modernisierte Form von Judenhaß: Das Problem seien, so Dugin, nicht die Juden an sich, wohl aber jene in der Diaspora (8). Solch "originelle" Umkehrung des Antizionismus bewahrt den Vorwurf des Kosmopolitismus gegen die verfolgte russische Judenheit. Auch bei der Frage historischer Vorbilder vermag Dugin scharf zu differenzieren: Im deutschen Nationalsozialismus wird das "atlantische Lager", das Lager Hitlers, verworfen, dagegen ein "eurasisches" um Bormann und Haushofer hoch gelobt. Auf ihre Schriften, aber auch auf eine exilrussische eurasische Denkschule der 20er Jahre, beruft sich die russische "Neue Rechte", wenn sie vertritt, Rußland müsse "mit Deutschland, gegen Amerika" gehen: Dugin ruft auf zur "Verteidigung der eurasischen Völker" gegen die "chimärische", "antiorganische", "transplantierte", "geistlose", "nivellierende" amerikanische Zivilisation (9). Unter anderem über die Zeitschrift "Den" ("Der Tag") und einen Moskauer Intellektuellenclub verfügt die eurasische Diskussionsrichtung über beste Verbindungen zu Theoriezentren der Armeeführung.

Die russische "Neue Rechte" ist der französischen "nouvelle droite" um de Benoist eng verbunden, eine russische Ausgabe der Theoriezeitschrift "éléments" wurde in Moskau gestartet. De Benoist sieht die von Vertretern der "Neuen Rechten" (z.B. Dugin) mit vorangetriebene rot-braunen "Nationale Rettungsfront" als ein Modell an, das sich von Rußland aus nach Mittel- und Westeuropa ausdehnen werde.

Vorreiter Literatur

Die eurasische Diskussion der "Neuen Rechten" organisiert sich zum guten Teil über Spaltungsprodukte des "Russischen Schriftstellerverbandes". Dieser Verband und einige in ihm vertretene prominente Literaten spielten eine Vorreiterrolle für die gegenwärtig in Rußland so bedeutsame antisemitische Welle (10).

Schon seit den 70er Jahren bot die KPdSU ernsthaft kein ideologisches Programm mehr an, das gesellschaftlich hätte wirksam bleiben können. Die großen Literaturzeitschriften wurden zum Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen liberalen "Westlern" und den "Russophilen". Zur zweiten Fraktion zählten u.a. die "Dorfschriftsteller", die zur Staats- und Parteipolitik in Opposition standen, aus der Sowjetbürokratie aber dennoch durchaus Wertschätzung erfuhren – sie konnten z.B. zahlreiche staatliche Literaturpreise einheimsen.

Bei einem Teil jener bekannten Literaten – z.B. bei Rasputin, Below und Astafjew – kristallisierte sich in den 80ern immer offensichtlicher der reaktionäre Charakter dieser dissidenten Literaturform heraus. Das als "natürlich" gefaßte Dorfleben sollte eine dem russischen "Wesen" adäquate Lebensform repräsentierten, der Erscheinungen der Moderne als verderblich entgegengesetzt wurden. Die Romane mit Massenauflagen suchten den schädlichen Einfluß von Frauenemanzipation und Massenkultur, die immer wieder auf eine mysteriöse, konspirative Kraft zurückgeführt wurden, herauszuarbeiten. Sie mündeten teils in den offenen Antisemitismus. – Rasputin kandidiert bei den Dezemberwahlen zur neuen "Duma" auf der Liste der in Provinzen sehr starken "Agrarpartei Rußlands", die die Interessen der organisierten Landwirtschaft vertritt.

Ende der 80er Jahre mischten sich die rechten Schriftsteller immer massiver im politischen Raum ein. Sie trennten sich organisatorisch von liberalen oder als "unrussisch" diffamierten SchriftstellerInnen und traten im März 1990 mit dem Aufruf "Brief der 74" an die Öffentlichkeit. In diesem Text behaupteten die in Rußland berühmten Autoren u.a., der Holocaust müsse als das Werk "jüdischer Nazis" betrachtet werden, denen es darum gegangen sei, "die morschen Zweige vom Baum des jüdischen Volkes abzuhacken." Auch der Untergang des Vaterlandes wird im Aufruf als das Werk "russophober", sprich vor allem: jüdischer Kräfte beschrieben. In einer späteren "Botschaft an das Volk" erklärten Rasputin und andere im Juli 91, "aufgeblasene und gerissene Geldscheffler" hätten in Rußland die Macht übernommen, Verräter am russischen Volk, die ihre Befehle sklavisch von jenseits des Atlantiks empfingen. Angesichts dieses Verrats gelte es, Entzweiendes beiseite zu schieben, um patriotische Führer durchzusetzen.

Ideologisches Kernstück der Agitation in den verschiedenen auflagestarken rechten Literaturzeitschriften wie "Literaturnaja Rossija", in Publikationen wie der nationalbolschewistischen "Molodaja gwardija" oder in "Nasch sovremennik" war die These des Naturwissenschaftlers und korrespondierenden Mitglieds der Akademie der Wissenschaften, Schafewitsch, von der "Russophobie" in Teilen der Gesellschaft, der es entgegenzutreten gelte. Schafewitsch formulierte die Theorie, inmitten des "großen Volks" der echten Russen wirke ein "kleines Volk" in konspirativer und zersetzender Weise dem russischen Wesen entgegen und drohe, es zu zerstören: Der (unausgesprochen) antisemitische Charakter dieser – überaus wirksamen – These liegt auf der Hand.

Das "rot-braune" Bündnis

Bereits Ende der 80er Jahre zeichnete sich eine gemeinsame ideologische Oppositionsfront der Nationalisten und Nationalbolschewisten gegen den Perestroika-Kurs ab. In verschiedensten Versuchen, Massenorganisationen zu schaffen (z.B. die "Vereinigte Front der Werktätigen") wurden die rechts-links Übergänge ebenso deutlich wie in dem Zusammenschluß von "Kommunisten" und "Nationalisten" zur Parlamentsfraktion "Sojus". Die Gründung der "Nationalen Rettungsfront" am 11.3.1992, unterstützt von entsprechender Publizistik (u.a. der Tageszeitung "Sowetskaja Rossija") bekräftigte und stabilisierte die Tendenz zum Zusammengehen durch ein Bündnis, in dem das Etikett "rot-braun" eine stolz vorgetragene

Selbstbezeichnung ist. In den Diskussionen wurde die ideologische Einigung aller "Patrioten" unter Aussparung der Widersprüche zur Oktoberrevolution angemahnt. Der Prozeß wirkt fort, auch wenn die "Rettungsfront" von Jelzin sofort nach Gründung, und endgültig nach der Stürmung des "Weißen Hauses" verboten wurde. Das Verbot betrifft auch verschiedene beteiligte Organisationen und sympathisierende Zeitungen.

Waren von "rechter" Seite alle wesentlichen Gruppierungen und Führungspersönlichkeiten vertreten, beteiligten sich am ideologischen Projekt von Seiten der "Linken" vor allem folgende Gruppen:

* Jene Kreise um Sjuganow, die nach Verbot der KPdSU und der Erlaubnis des Verfassungsgerichts die Neugründung der Partei "von unten" betrieben. Nach eigenen Angaben hat die Partei heute wieder 600.000 Mitglieder (nach FAZ vom 11.11.93; allerdings differieren alle Zahlenangaben, je nach Quelle, sehr stark). Sie tritt zu den Dezemberwahlen unter der Bezeichnung "Kommunistische Partei der russischen Föderation" an;

* die "Kommunistische Arbeiterpartei Rußlands", die nach eigenen Angaben über 100.000 Mitglieder, nach anderen Quellen allerdings weit unter 10.000 Mitglieder vereinigt (11). Um die KAPR formiert sich ein lockerer Zusammenschluß "Kommunistische Initiative";

* neostalinistische Gruppen, die sich um Nina Andrejewa bildeten. Andrejewa veröffentlichte im Frühjahr 1988 ein vielbeachtetes Anti-Perestroika-Manifest in der "Sowjetskaja Rossija". Sie ist heute "Generalsekretär" der "Kommunistischen Allunions-Partei der Bolschewiken", parallel existiert die Abspaltung "Sozialistische Partei der Arbeiter und Bauern" mit ebenfalls nationalbolschewistischem Kurs.

Die Diskussion unter den Richtungen der "Rettungsfront" führte zu einem gemeinsamen "rot-braunen" Geschichtsbild, als dessen Grundlage die Entgegensetzung einer "nationalen" von einer "kosmopolitischen" Linie beschrieben werden kann. "Linke" halten zwar an der Feier der Oktoberrevolution fest, und so manche Rechte sehen in 70 Jahren UdSSR insgesamt die Geschichte einer einzigen "jüdisch-freimaurerischen Verschwörung". Generell aber nähern sich die beiden Lager tendenziell darin an, bei Lenin, spätestens aber bei Stalin stolz eine russisch-nationale Ausrichtung zu loben, in Trotzki dagegen den Ursprung eines unrussischen Kosmopolitismus auszumachen. Die nationalistische Rechte wandte sich entschieden gegen "antistalinistische" Debatten von Liberalen, gerade Stalins Vorgehen gegen die – als jüdisch gekennzeichneten – internationalistischen Widersacher wird als der positive Faden in der sowjetischen Geschichte begriffen, den es aufzunehmen gelte. Etwaige Negativaspekte der Stalin-Ära werden weniger dem großen Führer des vaterländischen Krieges, als "zionistischen Mächten" zugeschrieben. Die "Ärzteverschwörung" – das Motto, unter dem Stalins antisemitische Verfolgungen Anfang der 50er Jahre standen – gilt vielen Nationalisten wie Nationalbolschewisten nach wie vor als historische Tatsache, und die wenigen Juden, die Stalins antisemitische Verfolgungen in dessen Nähe überstanden, werden in ihren Schriften zu mächtigen Drahtziehern aller Übel jener Zeit stilisiert. Lasar Kaganowitsch etwa, einem Mitglied in Stalins Stab, wird ein solches Verschwörungspotential zugesprochen, daß liberale AutorInnen witzelten, statt "Stalinismus" werde die These vom "Kaganowitschismus" entwickelt...

Die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung führt angesichts des "rot-braunen" Geschichtsbildes zunächst einmal zum Faktor der Tradition. Nationalisten, Zaristen und Nationalsozialisten nehmen ganz offensichtlich jenen Antisemitismus auf, der vor 1917 in Rußland und danach im Exil durch reaktionäre Gruppen geprägt und tradiert wurde – es zeigt sich alleine schon an einer hohen Zahl von Nachdrucken alter antisemitischer Pamphlete. Der Antisemitismus im nationalbolschewistischen Lager knüpft ideologisch an den Stalinschen Kampagnen gegen Kosmopolitismus an. Auch nach Stalins Tod wurde die These vom zu pflegenden "Sowjetpatriotismus" nie aufgegeben, und zu den Implikationen dieser Spielart nationalistischer Ideologiebildung gehört die Ab- und Ausgrenzung vom Prinzip der Heimatlosigkeit, das in den Juden personalisiert wird. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde durch zahlreiche Publikationen gegen "Freimaurerei" und "Zionismus" die heutige Renaissance der These einer "zionistisch-freimaurerischen Weltverschwörung" vorbereitet, auch in der Gorbatschow-Ära erschienen solche Titel in hohen Auflagen (12).

Solche Publikationen genossen offensichtlich Schutz und Unterstützung zumindest aus Teilen des Apparates zu einer Zeit, da der Marxismus-Leninismus als Ideologie kaum mehr in der Lage war, den Sowjetpatriotismus zu fundieren. Es liegt der Gedanke nahe, daß jedenfalls in Teilen des Staatsapparats Gedanken entwickelt wurden, das Staatswesen durch die Komponente einer massiv nationalistischen, "russophilen" Diskussionsrichtung – z.B. der Dorfprosaisten – zu stabilisieren. Viele in Rußland gehen davon aus, daß "Pamjat" über Drähte zum KGB verfügte, und Indizien dafür werden angeführt, daß nationalistische Exponenten wie Shirinowski oder Baburin ursprünglich im Auftrag des KGB aktiv geworden seien. Was auch immer von solchen Vermutungen zu halten ist, es ist allemal gesichert, daß die Parteipresse – u.a. die Prawda – durch ihre Berichterstattung zu ihrer Karriere beigetragen hat.

Erklärungsansätze

Daß antisemitische Ideologie tradiert wird, daß es vor allem politische Interessen geben müsse, für die jene Ideologie instrumentalisiert wird, sind zwei gängige Muster zur Erklärung ihrer Ausbreitung. Auf sie greift auch Armin Pfahl-Traughber in einem der wenigen Texte zurück, die die Erscheinungen in Rußland nicht nur zu beschreiben, sondern auch einzuordnen suchen (13). Als weiterer Faktor, der die "latenten Orientierungen in manifeste Vorurteile umschlagen" lasse, wird eine Situation genannt, "die durch einen rapiden sozialen Wandel, ausgelöst durch eine Krise oder durch Modernisierungsprozesse, gekennzeichnet" sei. Schließlich müsse noch die Frage "nach der besonderen" – nämlich autoritären – "Persönlichkeitsstruktur" beantwortet werden, "um zu erklären, daß Personen anfällig sind", wo andere nicht antisemitisch reagieren.

All die angesprochenen Ebenen sind sicherlich relevant, und dennoch vermag ein Theorieansatz, der sich in ihrer Addition genügt, letztlich nicht zu überzeugen. Er kann nicht erklären, warum Antisemitismus seine spezifische Form einer Verschwörungstheorie annimmt. Eine Umfrage hat beispielsweise das überraschende Ergebnis erbracht, daß bei einer Liste von "Juden, die Rußland am meisten geschadet hätten", neben Simionjew, Kamenjew und Trotzki an sechster Stelle ausgerechnet – Adolf Hitler genannt wurde (14). Dieses Ergebnis verweist auf den engen Zusammenhang der antisemitischen Verschwörungsthesen zum Nationalismus: Im "Juden" wird das Gegenprinzip zum "Wesen" des eigenen Volkes personalisiert; da sich Hitler im Krieg als Feind Rußlands zeigte, muß er nach der wahnhaften Logik dem jüdischen Prinzip zugeordnet werden.

Auch am Beispiel Rußland müßte zu einer Erklärung der antisemitischen Verschwörungstheorien ein ideologiekritisches Element hinzuzutreten, die die Entstehung antisemitischer Denkstrukturen mit einer Analyse sozialer Wirklichkeit zu verknüpfen vermag. Interessant sind insbesondere die "links"-"rechts"-Übergänge. Eine Hypothese soll hier – zuletzt – immerhin benannt werden: Nationalistische und nationalbolschewistische Ideologie treffen sich, so die Vermutung, in der verkürzten, verschobenen Form eines romantisch-nationalistischen "Antikapitalismus", der im "Juden" die Personalisierung aller als negativ begriffenen modernen Erscheinungen betreibt. Eine solche Hypothese läßt sich an nationalbolschewistischen Textbeispielen wie dem nebenstehend Abgedruckten plausibel machen:

* Im Textauszug ist Anknüpfungspunkt aus der russischen Realität, daß der Westen und der IWF realen Einfluß auf die Wirtschaftspolitik Jelzins ausüben, und daß gegenwärtig die Aneignung von Kapitalgrundlagen durch Ex-Apparat sowie "Demokraten" stattfindet. Aus der Kritik an solchen Erscheinungen erwächst aber kein Verständnis für die Wirkungsgesetze des kapitalistischen Systems, vielmehr werden solche Erscheinungsformen isoliert und in eine spezifische, mythische Form gebracht.

* Nicht der Inhalt westlichen Einflusses, die Reetablierung von Marktgesetzen auf allen wirtschaftlichen Ebenen, wird analysiert, vielmehr sondert der antiwestliche Impuls alles Negative bloß ab und ordnet es pauschal dem "Fremden" zu. Dem entspricht in der Umkehrung die Hypostasierung Rußlands, dem ein "nationalhistorisches Wesen" zugeschrieben, und das als "lebendiges Volk" organisch-konkret definiert wird.

* Die Betonung einer Kritik an Spekulantentum (..."Händler, Makler, Broker, Schutzgelderpresser"...) betrifft allein eine als abstrakt wahrgenommene Seite des Kapitalismus, der alle Übel zugeschrieben werden. Sie erscheint als das eigentliche Gegenprinzip zur Nation, für die zu leiden lohnte (und, wäre zu ergänzen, die sich durch das konkrete Produzieren auszeichnet). Das negative Prinzip einer abstrakten Geldebene wird als mafiotische Struktur, als eine Verschwörung abgebildet.

* Vom Standpunkt einer so formulierten "Kapitalismuskritik" – wie sie von nationalbolschewistischer Seite typischerweise vorgebracht wird – ist es aber nur noch ein weiterer Schritt zur antisemitischen Wahnvorstellung, in der die als abstrakt und fremd aufgefaßte Weltverschwörung im "Juden" personalisiert wird.

Berthold Brunner(BAHAMAS 12/1993)

Anmerkungen:

1) Jelzin verfügte nach Auflösung des Obersten Sowjets ein Verbot des Zeitungsnamens und die Entlassung des Chefredakteurs.

2) Alle Angaben nach: Ben Zakan, "Ritualmordlüge in der Moskauer 'Prawda'", in: Illustrierte Neue Welt, Aug.Sep. 1993, S. 17.

3) "Prawda" befand sich, bei immer noch 600.000 Auflage, im Eigentum des griechischen Millionärs Christos Yannikos.

4) Beispielweise würdigte die Literaturzeitschrift "Nasch sovremnnik" 6/1989 die "Protokolle" als "Buch der politischen und sittlichen Apokalypse unseres Jahrhunderts". Zu Vorgeschichte und Verbreitung der "Protokolle" vgl. verschiedene Texte von Armin Pfahl-Traughber in: Osteuropa 1991/2 und in: Judaica, Basel, Nr. 1/1990.

5) Eine antisemitische Kampforganisation, die mit Unterstützung zaristischer Behörden vor allem zwischen 1904 und 1906 wütete; die "Schwarzen Hundert" sind Vorläufer der modernen faschistischen Bewegungen Italiens und Deutschlands.

6) Zur "Slawischen Volksbewegung" und zur "Völkisch-Sozialen Union" vgl. u.a.: Galina Luchterhand, "Die politischen Parteien im neuen Rußland", Bremen 1993, S. 228ff.

7) Quelle: "Na smenu!", Jekaterinenburg, zitiert nach Luchterhand, aaO, S. 226f.

8) Vgl. Walter Laqueur, "Der Schoß ist fruchtbar noch. Der militante Nationalismus der russischen Rechten", München 1993, S. 330f.

9) In "Den", 2/1992.

10) Zur Rolle der Literatur vgl. u.a.: Gerd Koenen/Carla Hielscher, "Die schwarze Front, Reinbek 1991; Armin Pfahl-Traughber, "Die neue/alte Legende...", aaO, S. 128ff; Walter Laqueur, aaO, S. 127ff.

11) Über 100 000 gibt der Parteisprecher Terentjew an ("Russischer Kurier" St. Petersburg, deutschspr. Ausg., 16.10.93, S. 3), weit unter 10 000 schätzt Luchterhand, aaO, S. 245.

12) Vgl. dazu William Korey, "Das Pamjat-Phämomen: Kann Gorbatschow Moskaus extremistische Kreise unter Kontrolle halten?", in: Strauss/Bergmann/Hoffmann (hg.), "Der Antisemitismus der Gegenwart", Frankfurt/New York 1990, S. 218ff.

13) Armin Pfahl-Traughber, "Die neue/alte Legende...", aaO.

14) Nach einer Umfrage des "Allrussischen Zentrums für die Erforschung der öffentlichen Meinung" in der ehemaligen UdSSR von 1992, vgl. Osteuropa-Archiv, Oktober 1993, S. A 545.