Nationaler Sozialismus und Antisemitismus

"Ich bin ein deutscher Kommunist", hieß das Credo von Joseph Goebbels, deutsch offenbar ganz groß geschrieben. "Innerhalb des Bolschewismus" – schreibt sein Biograph Ulrich Höver – "differenzierte Goebbels zwischen einer national-rassistischen, leninistischen, stalinistischen Linie, auf die er Hoffnungen setzte, und einer international-jüdischen, marxistischen, trotzkistischen Linie, die ihm verhaßt war."

Vieles spricht dafür, daß Goebbels mit dem barbarischen Instinkt des Feindes der Menschheit hier eine Anfälligkeit der Linken gegenüber dem Nazismus "roch". Vieles spricht dafür, daß das von Goebbels erhoffte Bündnis zwischen Nationalsozialisten und nationalen Sozialisten, das in der damaligen Zeit jeweils nur kurz – z.B. im Hitler-Stalin-Pakt – aufflackerte, heute bessere Chancen hat. Alles spricht dafür, die "international-jüdische" Linie des Kommunismus, die Goebbels als Todfeind seiner Bewegung haßte, heute neu zu fundieren und zu organisieren. Die folgenden vier Thesen sollen dazu einige erste, vorläufige Überlegungen beisteuern.

1. These: Lenins Kapitalismuskritik weist eine strukturelle Affinität zum Antisemitismus auf

"Ein geistreicher deutscher Sozialdemokrat der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bezeichnete die Post als Muster sozialistischer Wirtschaft. Das ist durchaus richtig. Gegenwärtig ist die Post ein Betrieb, der nach dem Typ des staatskapitalistischen Monopols organisiert ist. Der Imperialismus verwandelt nach und nach alle Trusts in Organisationen ähnlicher Art... der Mechanismus der gesellschaftlichen Wirtschaftsführung ist hier bereits vorhanden. Man stürze die Kapitalisten, man breche mit eiserner Faust der bewaffneten Arbeiter den Widerstand dieser Ausbeuter, man zerschlage die Maschinerie des modernen Staates – und wir haben eine von dem 'Schmarotzer' befreiten technischen Mechanismus vor uns, den die vereinigten Arbeiter sehr wohl in Gang bringen können." (Lenin, Staat und Revolution, 1917) Deutlich wird in diesem Zitat Lenins Schwäche als Kapitalismuskritiker. Kapitalismus – das sind für ihn die Kapitalisten, ist also kein gesellschaftliches Verhältnis. Schädlich ist nicht das Ware-Geld-System, sondern sind die Personen an seiner Spitze, die "Schmarotzer", die Finanzoligarchie. Dieses System, dessen blinde Akkumulationswut geeignete Produktivkräfte hervortreibt und die Menschen über den Ware-Geld-Fetisch in seinen Bann schlägt, will Lenin nicht abschaffen, sondern lediglich unter ein anderes Kommando bringen. Mit der Verortung der Übel des Kapitalismus in der Finanzoligarchie liegt Lenin dicht bei der sozialen Demagogie der Antisemiten. Diese wollen ebenfalls nicht das Kapital an sich angreifen, sondern beschränken sich auf die Attacke gegen das "raffende Kapital". Das antisemitische und das leninistische Bild vom Kapitalismus weist Ähnlichkeiten auf: Die produktive Basis ist gut, schlecht sind nur die Schmarotzer, die den Profit absorbieren und sich ein süßes Leben machen. Diese Schmarotzer, ein kleiner, genau definierbarer Personenkreis, müssen vernichtet werden, dann hat die Revolution gesiegt. Während Lenin seine Kritik am Finanzkapital personalisiert, nämlich im Geldadel der Finanzoligarchie, biologisiert der Antisemit die Kategorie "raffendes Kapital" in den Juden. Von der Personalisierung zur Biologisierung ist es nur ein Schritt: Wenn die KPF von den "hundert Familien" sprach, die Frankreich angeblich beherrschen, so waren darunter etliche jüdische Familien, die auch die Antisemiten im Visier hatten.

Bei Lenin gibt es also eine strukturelle Affinität zum Antisemitismus, aber – das sei unterstrichen – keine inhaltliche. Lenin und die frühen Bolschewiki waren keine Antisemiten. Im Gegenteil:Nach der Oktoberrevolution hatte die drückende Verfolgung, denen die Juden unter dem Zarismus ausgesetzt waren, ein Ende. Aus diesem Grunde schlossen sich nicht nur viele Intellektuelle jüdischer Herkunft den Bolschewiki an; auch unter orthodoxen Juden wuchs das Vertrauen in das neue System, als sie mit eigenen Augen sahen, wie Trotzkis Rote Armee sie vor den Pogromen der "Weißen" schützte. Lenin polemisierte zwar heftig gegen den Zionismus und den Autonomismus des "Bund", aber das war ein rein theoretischer Streit. In der Praxis übte die Sowjetmacht gegenüber Zionisten weit mehr Toleranz als gegenüber Menschewiken und Anarchisten; so war zum Beispiel die Ausreise nach Palästina bis 1925 recht problemlos möglich.

2. These: Unter Stalin verfault der politische Antizionismus Lenins zum antisemitischen Antizionismus

Diese Mutation beginnt schon Ende der 20er Jahre, als in der Kampagne gegen die trotzkistische Opposition Anspielungen auf deren jüdische Herkunft gemacht werden, setzt sich ähnlich während der Moskauer Prozesse fort, wird deutlich am Desinteresse der sowjetischen Propaganda am Massenmord an den Juden durch den Nazi-Faschismus, steigert sich schließlich nach 1945 in der Kampagne gegen das Jüdische Antifaschistische Komitee und gegen jüdische Ärzte zu Meuchelmorden, Todesurteilen und tausendfachem Berufsverbot. Mittlerweile gibt es zahlreiche Hinweise, daß Stalin 1953 die Deportation der gesamten sowjetischen Judenheit nach Sibirien plante, die Züge waren schon bereitgestellt, und nur sein Tod verhinderte dieses Vorhaben.

Konstitutiv an diesem Umschlagen von Lenins politischem Antizionismus zu Stalins antisemitischem Antizionismus war nicht der terroristische Charakter des Stalinismus oder der persönliche Antisemitismus von Josef Stalin. Diese beiden Faktoren haben die Mutation vom Antizionismus zum Antisemitismus nicht bewirkt, sondern lediglich radikalisiert. Ursächlich ist etwas anderes: Lenin war in seiner Zielbestimmung Internationalist. Zwar war sein Internationalismus nicht konsequent, er hat sich insbesondere durch die Losung vom nationalen Selbstbestimmungsrecht konterkariert; dennoch war der Wille zur Weltrevolution das treibende Motiv im Handeln Lenins und der Bolschewiki. Die Sowjetunion war für sie ein Provisorium, ein bloßer Stützpunkt für die internationale Revolution, und dieser provisorische Charakter kam z.B. in der sowjetischen Hymne zum Ausdruck, die eben keine Nationalhymne war, sondern die "Internationale". Stalin verabschiedete sich vom Internationalismus und proklamierte den nationalen Sozialismus, den "Sozialismus in einem Land". Es ist kein Zufall, daß zeitgleich die Parteiauseinandersetzungen ihre antisemitische Konnotation bekamen. Die provisorische Nation zu Lenins Zeiten konstituierte sich rein politisch, nämlich in Abgrenzung zu den Kapitalisten und als Brückenkopf der Weltrevolution. Die Stalinisten verwarfen diese beiden Kriterien: zum einen hatten sie die Weltrevolution aufgegeben, zum anderen definierten sie die UdSSR spätestens ab Mitte der 30er Jahre als ein Land ohne Klassenwidersprüche. Sofern sie noch von Klassenkampf sprachen, meinten sie damit die Subversion von außen, durch den Imperialismus. Da die Nation nicht mehr politisch und provisorisch konstituiert wurde, mußte sie "ex negativo" hergestellt werden, wie in jedem anderen Nationalstaat auch: in Abgrenzung gegen "die anderen", gegen "das Ausland". Diese Nation-Konstruktion gravitiert zum Antisemitismus, denn die Juden sind es, die aufgrund ihrer verwandtschaftlichen und religiösen Verbindungen in andere Länder seit eh und je als "ewige Wanderer", als "Wurzellose", als "vaterlandslose Gesellen" stigmatisiert werden. Typisch, daß nach dem 2. Weltkrieg die Begriffe "Kosmopolit" und "Zionist" im Zentrum der Anklagen gegen Dissidenten standen und oft synonym und gleichzeitig verwendet wurden. Der Klassenkampf, der bei Lenin dominierte, war ersetzt durch den Kampf der sozialistischen Nation gegen das Ausland, personalisiert im Kosmopoliten, im Zionisten, vulgo: im Juden.

3. These: Die kommunistischen Ideen bilden eine Barriere gegen den Ausbruch des Antisemitismus

Stalins Pläne für eine Deportation aller sowjetischen Juden nach Sibirien zwingen die Linke zu einer Diskussion über die Totalitarismus-Theorie. Zeigt der Stalinsche Antisemitismus nicht eine Konvergenz Faschismus / Stalinismus an? 

Doch es gibt einen wichtigen Unterschied: Im Nazismus waren herrschende Praxis und herrschende Ideologie kohärent,im Stalinismus nicht. Hitlers Endlösung war in "Mein Kampf" angelegt; wer aber "Das Kommunistische Manifest" gelesen hatte oder sich an Lenins auf Schallplatten verbreitete Reden gegen den Antisemitismus erinnerte, den mußte bei Stalins Hetze gegen die Zionisten zumindest ein schlechtes Gefühl beschleichen. An dieser Schizophrenie konnte sich kritisches Denken in der UdSSR ständig von neuem bilden, und deshalb fanden sich in Partei und Staat immer wieder Menschen, die gegen den Antisemitismus opponierten, und nach Stalins Tod wenigstens die geplanten Deportationen stoppten.

Die bisherige Totalitarismustheorie ist also nur phänomenologisch richtig, nicht analytisch. Eine kommunistische müßte die antikommunistisch Totalitarismustheorie vom Kopf auf die Füße stellen: Während die Antikommunisten behaupten, die bürgerliche Gesellschaft tendiere unter der Voraussetzung zum Totalitarismus, daß sie kommunistische Elemente in sich aufnehme – am deutlichsten wird das in Noltes Diktum von Auschwitz als "asiatischer Tat" – ist es genau umgekehrt: Die sozialistisch-kommunistische Gesellschaft tendiert unter der Voraussetzung zum Totalitarismus, daß sie bürgerliche Elemente in sich aufsaugt, insbesondere die bürgerliche Vergesellschaftung über die Nation und den Staat. Deswegen gab es überall dort, wo neben der erstarrten Herrschaftsideologie noch der Kommunismus von Marx als Feindschaft zu Nation und Staat präsent war, eine Barriere gegen den Totalitarismus. Für unser Thema heißt das: Der Antisemitismus der Linken ist kein Resultat des kommunistischen Denkens, sondern des Bruchs mit ihm.

4. These: Antizionismus fungiert heute als Scharnier zwischen nationalen Sozialisten und Nationalsozialisten

Ein solcher Bruch mit dem kommunistischen Denken erfolgte unter Stalin, und er erfolgte wieder, allerdings mit anderen Begründungen, in den Jahren nach 1989. Spätestens seit dem August-Putsch 1991 ist der Kommunismus in allen seinen Varianten diskreditiert. Bei den Restbeständen der KPdSU gibt es keine Differenz zu den Faschisten mehr, in ihrem Plädoyer für einen großrussischen Nationalismus und für einen starken Staat als Kommandeur von Gesellschaft und Wirtschaft sind Ex-Kommunisten und Pamjat-Faschisten austauschbar und das Bündnis, das sich zwischen ihnen immer wieder herstellt, ist zwangsläufig. Feind dieser "Vaterländischen Rettungsfront" ist nicht das Kapital, sondern das ausländische Kapital, symbolisiert wird es im Zionismus oder in der bekanntlich jüdisch beherrschten Wall Street. Antizionismus ist das Scharnier für das barbarische Bündnis aus Ex-Kommunisten und Faschisten.

Der Funke für eine solche Allianz ist auch auf Deutschland übergesprungen, wie die Verhandlungen zwischen der PDS-Vorständlerin Ostrowski und der Nazi-Gruppe "Nationale Offensive" zeigen. Welche Chance hat eine solche antisemitisch-antizionistische Bewegung hierzulande? Ist der Antisemitismus im Westen nicht längst substituiert durch den "demokratischen Rassismus", um in der Terminologie der Ex-"Marxistischen Gruppe" zu sprechen, bzw. den "Multi-Kulti-Rassismus", wie Jutta Ditfurth sagen würde?

Dieser Fragestellung liegt eine Verwechslung von Rassismus und Antisemitismus zugrunde – und eine Fixiertheit auf die Wohlstandsinseln der Weltökonomie. Zwar stimmt es, daß in Westeuropa der Antisemitismus – im Gegensatz zum Rassismus – eher latent ist; in Osteuropa hingegen sieht es ganz anders aus. Und auch diese Ost-West-Trennung ist nicht statisch, sie reflektiert nur einen unterschiedlichen und durchaus wandelbaren Nationenbegriff. Dem westlichen Nationalismus steht der völkische Nationalismus gegenüber, dieser völkische Nationalismus ist aber nicht auf die Länder des Ostens beschränkt, sondern hatte seinen Ursprung in Deutschland und ist hier als ius sanguinis nach wie vor in der Verfassung verankert. Beide Nationenbegriffe korrespondieren mit jeweils anderen Formen des Massenbewußtsein:

* Dem Nationalismus westlicher Prägung entspricht der Wohlstandschauvinismus. Er findet Ausländer so lange gut, wie sie den Inländern nützen, die Profite mehren, die schmutzige Arbeit machen. Dieser Wohlstandschauvinismus ist eine allgemein-westliche Erscheinung, ihr Prototyp ist die Lega Nord, die sich vom "unnützen Süden" abspalten und die "nutzlosen Esser" loswerden will. Dieser Rassismus zeigt das kalte Gesicht kapitalistischer Rationalität. Er ist die Kampfansage der Weltmarktgewinner an die Weltmarktverlierer, er verteidigt die Zitadellen des kapitalistischen Wohlstandes gegen die "Unproduktiven". Hauptgegner des Nationalismus westlichen Typs sind die sogenannten Untermenschen, die aus historischen Gründen – Kolonialismus! – mit dunklerer Hautfarbe assoziiert werden.

* Der völkische Nationalismus findet Ausländer auch dann nicht gut, wenn sie Profit bringen. Sein Schlachtruf ist "Deutschland den Deutschen". Er will sich nicht, wie die Lega Nord, unproduktive Territorien vom Halse schaffen, sondern immer neue Gebiete "heim ins Reich" holen, selbst wenn sie unproduktiv sind wie die DDR. Der völkische Rassismus sprengt den Rahmen der kapitalistischen Rationalität, ohne den Kapitalismus beenden zu wollen. Er ist die Kampfansage der echten oder halluzinierten Weltmarktverlierer gegen die Weltmarktgewinner, die er mit dem Bild der jüdischen Weltverschwörung mystifiziert. Hauptgegner des völkischen Nationalismus sind die "Übermenschen", die aus historischen Gründen im Feindbild des Juden biologisiert werden.

Während man den Kern des westlichen Nationalismus als brutalisierten Pro-Kapitalismus beschreiben kann, steht im Zentrum des völkischen Nationalismus der deformierte Antikapitalismus. Der wichtigste Grund, wieso sich in Deutschland die nationalistische Massenbewegung vor allem gegen die "Untermenschen" richtet, also rassistisch artikuliert, und nicht gegen die "Übermenschen", also antisemitisch, ist also darin zu suchen, daß diese Gesellschaft nach wie vor zu den Weltmarktgewinnern gehört und deswegen die Kundschaft für deformierten Antikapitalismus nicht sehr zahlreich ist. Wenn die ökonomische Wüste aber von Osten und Süden in die Mitte Europas vordringt, wird sich das schnell ändern. Schon wenn die deutsche Volkswirtschaft vom zweiten auf den fünften Platz in der Weltbestenliste abrutscht, schon wenn die Triebabfuhr über den Autowahn nicht mehr unbegrenzt möglich ist, werden sich die Landsleute als Sklaven der Wallstreet beweinen und zielsicher im Arsenal der kollektiven Erinnerung nach den Schuldigen für die Misere fahnden.

Antisemitismus als deformierter Antikapitalismus wird in Folge der Rezession auch in Westeuropa virulent werden. In Deutschland trifft dieser primäre Antisemitismus auf den hier bisher vorherrschenden sekundären Antisemitismus. Beide Versionen firmieren aus unterschiedlichen Gründen unter dem Etikett des Antizionismus, die eine zur Tarnung in der oberflächlich verwestlichten Bundesrepublik, die andere aufgrund ihrer ideengeschichtlichen Entwicklung in der oberflächlich sozialistischen Sowjetunion. Angesichts dieser doppelten Herausforderung erhält die Demaskierung des Antizionismus einen neuen Stellenwert. Es geht hier nicht mehr um eine "Ehrenrettung der Linken", um eine "Selbstbestreitung", wie Jean Amery sagte, sondern es geht um den Widerstand gegen eine neuartige barbarische Bewegung, eine Verbindung aus nationalem Sozialismus und Nationalsozialismus. Gruppen und Personen, die – wie die Ex-MG und Teile der Autonomen und der PDS – weiterhin am Antizionismus festhalten, werden in die Formierung dieser Bewegung eingesaugt werden, zumindest an ihren Rändern.

Potentiell ist die gesamte frühere Linke von diesem Prozeß bedroht, sofern sie Lenins oben erwähnte Verkürzungen der Kapitalismus-Kritik teilt oder sogar noch dahinter zurückfällt. Die einzige Möglichkeit, das Verfaulen des verkürzten Antikapitalismus zum Antisemitismus zu verhindern, ist konsequenter Internationalismus in Form des Antinationalismus. In diesem Sinn ist der Slogan "Nie wieder Deutschland" nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Minimalprogramm für einen linken Neuanfang.

Jürgen Elsässer (BAHAMAS 12/1993)

Von Jürgen Elsässer ist 1992 das Buch "Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland" erschienen (Dietz Verlag Berlin). Siehe auch die Rezension in BAHAMAS Nr. 8.