Rede vom 12.8.01, Tjark Kunstreich (Berliner Bündnis gegen IG Farben)

 

Solidarität mit Israel!

Die Toten von Jerusalem sind ein weiterer Beweis dafür, dass der Vernichtungsantisemitismus nicht mit der militärischen Niederlage Deutschlands verschwand. Der Anschlag, der am Donnerstag mindestens 14 Menschen das Leben kostete, ist der letzte einer nicht enden wollenden Kette antisemitischer Morde, die sich seit 1945 ereigneten. Durch die militärische Niederlage Deutschlands verlor der Vernichtungsantisemitismus sein staatlich organisiertes Zentrum; er griff auf erprobte Muster zurück, auf Pogrome und Morde. Seine Möglichkeiten sind seither eingeschränkt, aber – und darin liegt das, was man, wenn es das gäbe, die Logik des Antisemitismus nennen könnte – seine Ziele, die letztlich immer darauf hinauslaufen, Juden morden zu wollen, verfolgt er unerbittlich. Es zieht sich eine Spur von Pogromen und Massenmorden gerade durch die ersten Jahre nach der Befreiung. Erst mit der Gründung des Staates Israel 1948 war der Fortsetzung des Mordens eine wirkliche Grenze gesetzt, also eine Grenze, die nicht von den sich ändernden Auffassungen irgendwelcher Machthaber abhängig ist.

Wir stehen heute vor der Außenstelle der Generalvertretung der Palästinensischen Autonomiebehörde: Hier kann nur ein Ort des wütenden Protestes gegen den antiisraelischen Terror sein. Wir erinnern hier nicht in stillem Gedenken an die Opfer von Jerusalem, sondern mit Anklage und Kritik. Denn zur fortschreitenden Entgrenzung der antisemitischen Gewalt gehört ihre Legitimation durch eine Öffentlichkeit, die das brutal enthemmte Element dieser Gewalt leugnet, um von einer Gewaltspirale reden zu können. Die brutale Steinigung von zwei israelischen Jungen Anfang Mai in der „Taz“ folgendermaßen vermeldet: „Siedler drohen mit Rache“. Nicht das brutale Verbrechen – die Jungen erlebten einen stundenlangen Todeskampf –, sondern die ohnmächtig wütende Reaktion der Hinterbliebenen ist das Problem. Kein Wunder: Weil man um jeden Preis mit den Palästinensern solidarisch sein will, muss man die Brutalität, die erbarmungslose Grausamkeit leugnen. In den deutschen Medien finden wir keinen Hinweis darauf, warum es so unterschiedliche Angaben zu Toten und Verletzten in Jerusalem gegeben hat: Die Bombe hat einige der Opfer so zerrissen, dass es lange dauerte, bis die körperlichen Überreste einander zugeordnet werden konnten.

Deswegen erinnern wir mit dieser Kundgebung auch an die Freunde Israels, die in den Autonomiegebieten vom Mob ermordet oder von Arafats Gerichten zum Tode verurteilt werden, die man hierzulande „Kollaborateure“ nennt, um sich zu versichern, dass die Israelis die Nazis von heute sind. Deswegen erinnern wir mit dieser Kundgebung auch an die beiden Frauen, die in der vergangenen Woche im Iran gesteinigt wurden.

Der palästinensische Vertreter in Deutschland, Abdallah Frangi, nutzte die Gelegenheit, vom deutschen Fernsehen nach dem Massaker in Jerusalem als Erster nach seiner Meinung gefragt zu werden, dazu, die Schuld an dem Anschlag Israel zu geben. Als wäre es nicht schon eine Verhöhnung, einen Komplizen der Mörder überhaupt zu fragen, flimmerte die Rechtfertigung der Tat in die deutschen Wohnzimmer, wo man sich in seiner Meinung über die Juden bestätigt fand. Gegen diese unverhohlene Sympathie mit jenen, die mit dem Massaker den Juden „das Tor zur Hölle geöffnet“ haben wollen, richtet sich diese Kundgebung. Sie richtet sich gegen den antiisraelischen Konsens in Deutschland, der sich infamer Weise gerade darauf beruft, man habe aus Auschwitz gelernt. Gerade deshalb dürfe man jetzt auch den jüdischen Staat kritisieren, das heißt hierzulande: seine Existenz in Frage stellen. Weil man genau das tut, deswegen bekennt man sich vor jedem Angriff zum Existenzrecht Israels. 

Gegen das zur Pflichtübung verkommene Bekenntnis zum Existenzrecht des jüdischen Staates, welches dessen Sonderrolle allein durch die Formulierung en passant festschreibt und solchermaßen auch die Möglichkeit der Aberkennung dieses Rechts impliziert, wenden wir ein: Solange es Antisemitismus gibt, existiert auch die Notwendigkeit eines militärischen und politischen Garanten für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden überall auf der Welt. Die Gründung des Staates Israel war die notwendige Konsequenz aus Auschwitz in einer Welt, die sich weigerte, andere Konsequenzen aus Auschwitz zu ziehen. Gegnerschaft zum Antisemitismus ist unmöglich ohne unbedingte Parteinahme für Israel.

Kein Vergessen!

Solidarität mit Israel!