Rede vom 12.8.01, Justus Wertmüller (BAHAMAS):

 

„Selbstmordkommando Nahost“. So ist die Karikatur auf der Meinungsseite des Tagesspiegels vom Freitag untertitelt. Was kann damit gemeint sein? Palästinensische Islamisten im Bündnis mit dem angeblich gemäßigten Präsidenten der Autonomiebehörden Yassir Arafat? Die systematische Zurichtung und Selbstzurichtung immer größerer Teile der Bevölkerung in den Autonomiegebieten zur antisemitischen Selbstmordsekte? Möglicherweise sollte die Zeile gar kritisch darauf hinweisen, daß sogenannte europäische Vermittler in einem Boot mit den heiligen Killern aus Ramallah sitzen? Nein, voll daneben. Das Selbstmordkommando Nahost sieht auf dem dazugehörigen Bildchen ein klein wenig anders aus. Abgebildet sind Rücken an Rücken, zusammengefesselt durch einen Gürtel aus Dynamitstangen Yassir Arafat und Ariel Scharon. Beide halten ein brennendes Feuerzug in der Hand. Wegen Krisenlunte und so.

Das ist das Bild zum jüngsten Blutbad in Jerusalem, das die deutsche und europäische Presse bereithält. Mindestens 15 Juden ermordet, weil sie Juden sind, duzende ihr Leben lang behindert und entstellt weil sie Juden sind und in kaum zu überbietender Bösartigkeit präsentiert die europäische Öffentlichkeit den gewählten Ministerpräsidenten des jüdischen Staates als Täter, als Selbstmordattentäter. Zwei Monate ist es her als in wirklich unüberbietbarer Herzlosigkeit, Joseph Fischer, deutscher Außenminister und lange Jahre bekennender Feind des israelischen Staates an die Stätte des letzten großen Gemetzels in Tel Aviv eilte, und dort statt seinen deutschen Mund einmal zu halten und die Erschütterung, zu der er nicht fähig ist, wenigstens durch Schweigen zu simulieren, sich in Ermahnungen erging. Ermahnungen an die Verwandten und Freunde der Toten, an die Regierung, die sie gewählt haben, Ermahnungen nunmehr alles zu tun, um eine Katastrophe zu verhindern. So sprach der deutsche Außenminister wenige Stunden nach der Tat am Ort der Tat. So unbekümmert sprach er es aus, als hätte die Stätte auf die er seine scheinbar unschuldigen in Wahrheit aber vergifteten Lilien abwarf, nicht wenige Stunden vorher im Blut geschwommen; und als wäre das Wimmern und Geheul, das ganze in Scheinwerferlicht getauchte Chaos aus Trümmern, Glassplittern, Leichen und persönlichen Gegenständen, wo zwischen Toten und Sterbenden halb wahnsinnig Gewordene herumirrten, als wäre das alles, nicht die Katastrophe gewesen.

Nein, für den beliebtesten Politiker seines Landes war das nicht die Katastrophe. Kaum die Nelken am Tatort abgeworfen, den Reportern die realpolitische Botschaft geflüstert saß er neben dem Herr der Katastrophen, dem Befehlshaber des organisierten Judenmordes, dem blutigen Warlord der antisemitischen Aggression in der arabischen Welt, Yassir Arafat, dessen Lebenswerk der Vernichtung Israels gewidmet ist.

Jeder der es wissen wollte, wußte damals schon, daß das Gemurmel des palästinensischen Präsidenten von wegen Bedauern und Abscheu über die Mordtat und Gewaltverzicht nichts aber auch gar nichts wert war. Und jeder konnte wissen, daß er diese Distanzierung nicht etwa deshalb von sich gab weil ein Teilnehmer des Anti-Israel Kongresses von Algier 1971 im dabei das Händchen hielt, sondern allein deshalb, weil aus Washington klar Bescheid gegeben worden war: So nicht. Aber angenehm muß es für Arafat schon gewesen sein, unter schwerstem Druck etwas sagen zu müssen, was er gar nicht sagen wollte, wenn einer wie der Fischer daneben steht, der wenigstens ein wirklich Freund ist, seit jenen Tagen von Algier.

Als vor drei Wochen publik wurde, daß der gleiche Arafat, den Eltern des Täters von Tel Aviv schriftlich sein tiefstes Mitgefühl ausgedrückt hatte, daß er den schrecklichen Jüngling gar als „Beispiel für die ganze palästinensische Jugend“ bezeichnete, sah kein Politiker, am allerwenigstens der deutsche Außenminister, Grund zur Besorgnis. Als nur zwei Tage vor dem Gemetzel in Jerusalem dieser furchtbare Präsident, dem deutsche Außenminister immer so herzlich die Hand drücken, die Bildung einer Regierung der nationalen Sammlung unter Einbeziehung von Hamas und Dshihad Al Islami ankündigte, also den Auftraggebern der Gemetzel von Tel Aviv und Jerusalem, fiel niemandem etwas anderes dazu ein, als vom Pulverfaß, der Gewaltspirale, vom Fundamentalismus auf beiden Seiten herum zu schwadronieren.

Zwei Monate lang hat Israel mit erheblicher Zurückhaltung auf das Massaker von Tel Aviv reagiert, hat keinen Krieg geführt gegen ein Land dessen Bewohner zu 76% den Krieg gegen die Juden per Selbstmordattentat befürworten, in dem ein Polizist immer ein antisemitischer Mörder in spe ist, in dem man wegen Judenmordes nur ausnahmsweise ins Gefängnis kommt, aber auch dann nur um es wenige Tage oder Wochen später durch die Hintertür wieder zu verlassen.

Maßvoll hat Israel den dortigen Behörden die Listen mit Namen von Männern präsentiert, von denen jeder weiß - sie selber brüsten sich ja öffentlich damit- daß sie aktive Judenmörder sind. Maßvoll hat man die Auslieferung dieser Männer gefordert, die Auslieferung nach Israel, in dem es die Todesstrafe nicht gibt und in dem anders als bei Ramallah ein Gefängnis wirklich zur Inhaftierung der Verurteilten dient. Palästina hat diese Männer nicht ausgeliefert aber auch nichts unternommen, sie selber einzusperren. Palästina will sich von seinen Volkshelden nicht trennen und also blieb Israel nichts anderes übrig als es selber zu tun. Nicht um irgend jemanden zu demütigen, nicht um eine Hinrichtung ohne Gerichtsurteil vorzunehmen, das sind palästinensische Spezialitäten bei der alltäglichen Jagd auf Kollaborateure, sondern allein aus Selbstschutz. Jeder weiß, daß es zum Bombenbauen eines gewissen Know Hows bedarf und entsprechende Handwerker und Werkstätten sind im Autonomiegebiet vorhanden. Jeder weiß, daß im Autonomiegebiet regelrechte Selbstmordattentäterschulen gibt, in denen in jahrelangem Training, junge Männer und zunehmend auch Frauen, erst einmal darauf vorbereitet werden, sehenden Auges und kalten Blutes in den Tod zu gehen und zwar so kalkuliert, daß sie eine Vielzahl Juden mit in den eigenen Untergang reißen. Die Trainer der Killer haben Name und Anschrift. Jeder kennt sie im Autonomiegebiet, es sind der freundliche Nachbar und der gütige Onkel oder der weise Imam, die die heißspornige Jugend auf ihr finales Verbrechen vorbereiten. Keiner hält sie von ihrem Tun ab, wer es versucht, gilt als Kollaborateur und ist selber des Todes. Vor diesem Hintergrund also liquidieren Israels Sicherheitskräfte einige der schlimmsten dieser Mörder. Und nicht nur aus dem Autonomiegbiet, sondern aus der ganzen Welt kommt Kritik und Abscheu. In die Zeit, in die diese Notwehrmaßnahmen fallen, eine Zeit, die zugleich eine Phase erstaunlicher Zurückhaltung Israels gegenüber den Palästinensern ist, explodiert die Bombe von Jerusalem und die Welt weiß: Das ist sie, die Spirale der Gewalt. Israel müsse sich nicht wundern. Wer den Wind sät wird Sturm ernten.

Diese in den letzten Tagen in allen Zeitungen und Fernsehsendungen gebetsmühlenhaft wiederholte Erkenntnis, die eine Lüge ist, eine Lüge die sich als neutraler Friedensbote tarnt und doch nur das antisemitische Gerücht über den Killerstaat Israel kolportiert, diese Erkenntnis, so sollte man meinen müßten doch bei vielen Tausend Leuten in dieser Stadt auf Empörung und Widerspruch stoßen. Wäre diese gleichgeschaltete deutsche Medienöffentlichkeit mit ihrer bösen Botschaft nicht Anlaß für die vielen Tausend in Berlin, die von sich behaupten, gegen den Antisemitismus zu sein, heute hier aufzulaufen um zu bekunden, wer die Täter sind und wer die Opfer? Ihr seht wie viele gekommen sind, zur Demo des Tages, wie der Tagesspiegel unsere Veranstaltung ankündigte.

Es hat sich etwas geändert in den letzten 10 Jahren. Zwar ist Israel bedroht seit es existiert, Juden im Nahen Osten sind bedroht, seit die ersten Siedler aus Europa sich dort niederließen. Aber wenigstens im Westen gab es einen Konsens, daß man parteiisch zu sein habe in diesem Konflikt. Parteiisch mit jenen, die aus dem Nahen Osten vertrieben werden sollen. Parteilich mit den Juden beim Aufbau und bei der Sicherung ihres Staates. Als eine demagogische Zumutung hat man – jedenfalls offiziell – zurückgewiesen, was die Linken und die Araber, die Nazis und viele Ökologen schon seit langem in die Öffentlichkeit hinausschmettern. Daß die Juden sich nicht zu wundern bräuchten, wenn ihnen Haß entgegen schlage, schließlich hätten sie ja mit Landnahme und Vertreibung begonnen, schließlich hätten sie ja als Angehörige einer fremden Kultur, das regionale Mischungsverhältnis in biotopschädigender Art und Weise durcheinandergeworfen. Das war zunächst die Stimme des Abgeordneten Christian Ströbele bei seinem Israelbesuch 1986. Das waren zunächst die Stimmen der deutschen Orientalisten, die ihren Traum von der deutsch-arabischen Freundschaft von Bagdad-Bahn bis Joseph Fischer nie ausgeträumt haben. Das war und ist die Stimme der Deutsch Arabischen Gesellschaft mit ihrem Vorsitzenden Möllemann, der erst vor einer Woche, die israelische Politik der Liquidierung von Terroristen als Staatsterrorismus bezeichnet hatte. Heute – so scheint es – sind es schon alle, die diese Einsicht teilen.

Am Donnerstag hatte der Karikaturist vom Tagesspiegel gerade einmal 5 Stunden Zeit von der Kenntnisnahme des Attentats in Jerusalem bis zur Ablieferung seiner Zeichnung mit dem Titel „Selbstmordkommando Nahost“. Der Mann hatte keine Zeit, sich zu erschrecken, war zu keiner Empathie mit den Opfern und ihren Angehörigen befähigt, gönnte sich keine Sekunde des Selbstzweifels, sondern machte sich ans Werk. Als deutsche Meinungsmaschine, die er ist, spricht aus ihm heraus, was aus all den Kommentaren von links bis rechts spricht: die Herzlosigkeit der Fischers, die Freundschaft mit den Arabern eines Möllemanns und die brodelnde Stimmung der Mehrheitsbevölkerung, die an den Juden abstrafen wollen, daß man sie nicht alle ermorden konnte und nach Auschwitz immerhin 45 Jahre den offiziellen Philosemiten geben mußte.

Vor die Niederlassung der Handlanger Arafats zu ziehen, dieser geschätzten Freunde der Bundesregierung und ihnen Bescheid zu sagen, daß man ihnen ihren Killerkurs übelnimmt, daß man nicht bereit sei, neutral zu sein, wie das offizielle Deutschland es von sich behauptet, sondern daß man solidarisch ist mit den Angegriffenen, und nicht bereit ist, sich dem antisemitischen Mainstream unterzuordnen, das heißt auch ein Wort über den Frieden auszusprechen von dem alle reden und den angeblich alle wollen.

Es wird auf absehbare Zeit keinen Frieden im Nahen Osten geben. Es wird bestenfalls einen bewaffneten Zustand geben, in dem die Bewohner Israels ohne Angst, totgebombt zu werden, leben können. Das ist das Ziel. Mehr ist nicht drin – auf unübersehbare zeit nicht. Diesem Ziel widersetzt sich die Autonomiebehörde vor deren berliner Außenposten wir stehen mit allen Kräften. Für den ewigen Krieg gegen Israel und die Juden ist ihr jede Schandtat recht und für ihren ewigen Krieg weiß sie sich starker Freunde sicher: Zunächst die arabische Welt, die mit Geld und Waffen alles unternimmt, die palästinensische Aggression gegen Israel auf hohem massenmörderischen Niveau weiter zu kochen; da ist Europa, das in einer innerimperialistischen Auseinandersetzung mit den USA um die Hegemonie in der Region ringt: Auf seiten der Araber gegen Israel. Europa, das sich anschickt, durch die Entsendung von internationalen Beobachtern Israel seine Souveränität zu nehmen und einen veritablen Balkan aus dem nahen Osten zu machen: Die Rolle des Guten, des Kosovo-Kämpfers also, ist schon vergeben. Wenn es nach den Europäern geht und unter ihnen ist Deutschland der primus inter pares, dann heißt UCK in Zukunft PLO und die Rolle der Juden im befreiten Palästina wäre vergleichbar mit denen der Serben im Kosovo. Vogelfrei.

Aber da sind auch all die deutschen, und eurpäischen Gutmenschen, die für alles so viel Verständnis haben, nur nicht für Israel. Leute, die behaupten, die Rechte der Frauen und der Schwulen und Lesben seien ihnen besonders wichtig, Leute, die so viel auf den Rechtsstaat geben und jede Eskalation im Polizeiapparat  - wie unlängst in Genua - aufs Schärfste kritisieren. Leute, die behaupten, daß jeder ein Recht darauf hätte, nach seiner Facon glücklich zu werden in seiner persönlichen Unverwechselbarkeit. All diese tollen Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie gibt es in Israel und nicht in Palästina. In Israel sind die Frauen gleichberechtigt, in Palästina in der Mehrheit auf die Funktion des Muttertiers festgelegt. Nur in Israel ist ein Homosexueller ein freier Mensch nicht in den Autonomiegebieten, nicht in der ganzen arabischen Region, wo er totgeschlagen wird, nach den heiligen Regeln der Sharia. In Israel wurde selbst die Folterung von antisemitischen Staatsfeinden nach einigen Jahren entsprechender Praxis abgeschafft, weil die Bevölkerung das nicht will. In Palästina verläßt keiner ungeprügelt die Polizeiwache. In Israel darfst Du religiös sein oder atheistisch, kommunistisch oder kapitalistisch, allein sein oder mit vielen, in Palästina bist Du Teil der Gemeinschaft, immer überwacht, und gebeugt unter die irrsinnigen Sittenregeln des Islam.

Das weiß eigentlich jeder, aber keiner spricht sich klar für Israel aus. Insgeheim sehnen sich die Deutschen und immer mehr andere Europäer, die Linken zuerst, die anderen immer hinterher, die moralische Gesellschaft herbei, die mit öffentlichen Hinrichtungen und Selbstmordattentaten jedem Einzelnen das Leben zur kollektiven Hölle und der Gemeinschaft das Kollektivleben zum dauernden Schlachtfest machen.

In dieser Sehnsucht nach völkischer Gemeinschaft liegt die Antwort auf die Frage, warum fast alle Deutschen, die Linken zuerst, aber der ganze Rest immer hinten nach, für die Araber sind und gegen die Juden. Es treibt immer mehr Leute die Sehnsucht nach der moralischen Gesellschaft um, wie sie im Kosovo entsteht und in Palästina längst fertig vor Augen steht. Und mit dieser Sehnsucht einher geht das Ressentiment gegen politische Gesellschaften, in denen die Leute Staatsbürger sind und nicht Volksgenosse, in denen die Bürger individuellen Interesse nachgehen und nicht Scholle und Schicksal anbeten - Gesellschaften wie Israel eine ist und das mit aktiver deutscher Beteiligung in den Untergang getriebene Jugoslawien eine war.