Kritik und Parteilichkeit

Antideutsche Konferenz am 18. und 19. November 2005 in Berlin

 

Im Saal der Jerusalemgemeinde, Lindenstraße / Ecke Markgrafenstraße

(gegenüber dem Jüdischen Museum), U-Bahn Hallesches Tor (Linien 1, 6 und 15)

 

 

 

Programm

(ausführlicher Aufruftext auf www.redaktion-bahamas.org)

 

 

Freitag, 18.11.2005

 

 

Podium 1: 19:00 Uhr

Die Zurichtung der Kritischen Theorie durch die 68er: Kritik als Gruppentherapie

 

l Clemens Nachtmann: Die Rezeption der Kritischen Theorie durch die 68er

Heute ist Adorno den einen Kronzeuge für das unvermeidliche Abgleiten von Aufklärung in ein Programm zur Vernichtung, den anderen dagegen Apologet des liberalen Rechtsstaates angelsächsischer Prägung. Daß notwendig die Kritische Theorie verfälschen muß, wer sie als Mittel zur Begründung einer linksradikalen oder einer neoliberalen Bewegung mißbraucht, sie also vom Gegengift zur Mitgift umlügt, zeigt die Rezeption der Kritischen Theorie durch die 68er und ihre Nachfolger, die sich als eine Nicht-Rezeption auf den Begriff bringen läßt.

 

l Manfred Dahlmann: Das Gesellschaftliche Immunsystem und die Einsamkeit des Kritikers

Man wundert sich schon bisweilen, was nicht alles Freunde und (auch langjährige) Mitstreiter so alles auskramen an schon längst überwunden geglaubten „linken“ Vorurteilen, um ja nur nicht dem Schicksal eines Kritikers in der Sache zu verfallen: nämlich vom Kritiker in der linken Gemeinschaft zum Kritiker an der linken Gemeinschaft zu werden. Aber es ist genau dieser Schritt, der früher schon Reformatoren der Gesellschaft von ihren Kritikern unterschied. Der erstgenannte möchte das Immunsystem der Gesellschaft stärken und sperrt sich als dezidierter Anti-Metaphysiker genau deswegen gegen allzu gründliche Erkenntnis seines Zustandekommens und seiner Wirkweise – der letztgenannte hat umgekehrt ein eingehendes diagnostisches Interesse an diesem System, um es zerstören zu können.

 

 

 

Samstag, 19.11.2005

 

 

10:00 Uhr: Frühstückskaffee,

(tageszeitlich angemessenes Essen und Getränke werden den ganzen Tag über angeboten)

 

 

Podium 2: 10:30–12:30 Uhr

Der Abgrund des Liberalismus

 

l Martin Blumentritt: Dialektik des Liberalismus – Dialektik der Emanzipation

Zyklisch wie die ökonomischen Krisen quillt die Managerschelte aus den Medien. Plötzlich verwandeln sich die Lichtgestalten des Aufschwungs in die „Herren der Scherben“. Die liberalistische Behauptung von der Souveränität des Marktsubjekts geht so wenig auf wie die Hoffnung auf die autoritäre Krisenlösung von Staats wegen. Die „Dialektik des Liberalismus“ gilt es daher auszuhalten, soll sie nicht in Barbarei münden: Sowohl die Identifikation mit dem Liberalismus wie mit dessen totalitären Feinden ist zu verweigern.

 

l Gerhard Scheit: Das sogenannte Böse und der Jargon der Demokratie

„Im Namen der Demokratie Antisemit zu sein“. Damit lässt sich nicht nur das Selbstverständnis Kerneuropas in seinem Appeasement gegenüber den islamischen Rackets und Theokratien auf den Punkt bringen, sondern darüber hinaus der ganze Abgrund des Liberalismus. Ein Abgrund, den auch amerikanische Neokonservative auf Dauer nicht überbrücken können, auch nicht durch ihr im Grunde sympathisches Insistieren auf der Bedrohung des „Westens“ durch „das Böse“.

 

 

Podium 3: 13:00–15:00 Uhr

Demagogen des Sozialstaats

 

l Natascha Wilting: Die Frau und die Sozialisten

Ausgerechnet die Linke, die stolz auf ihren Beitrag zu Quotierung und Emanzipation verweist und darauf, dass sie ehemals gegen traditionelle Geschlechterrollen zu Felde zog, drückte im Bundes-Wahlkampf einem männlichen Demagogen die Daumen und verteufelte die Herausforderin. Damit machte sie ihre Verbeugung vor der archaischsten aller Herrschaftsformen: Der Diktatur des Hordenältesten, der mit starker Hand Zweifel, Schwäche und Nachdenk­lichkeit verscheucht.

 

l Uli Krug: 200 Jahre deutsche Ideologie

Marx hielt die „Deutsche Ideologie“ für verschrobenes Hinterwäldlertum, was sie der Sache nach auch war und geblieben ist. Fatal aber, daß sich das eigentlich damals Rückständige als attraktives Katastrophenmodell für die Zukunft erweisen sollte. Daß der vom präsozialdemokratischen Kathedersozialismus geforderte „Volksstaat“ sein barbarisches Potential erst richtig entfalten konnte, ist in allererster Linie ein Verdienst derer, die meinten ausgerechnet in Marx’ Namen zu sprechen, also nahezu sämtlicher Vertreter der deutschen Arbeiterbewegung. In Konsequenz ist das Musterland der Sozialdemokratie deshalb auch das Musterland des Radikalfaschismus. Deshalb auch schuldet der orthodoxe, Marx verpflichtete Kritiker der Arbeiterbewegung keinerlei Loyalität, steht in keiner ihrer wirkmächtigen Traditionen und ist ihren Abkömmlingen spinnefeind.

 

 

Podium 4: 16:00–18:00 Uhr

Freunde der Juden – Feinde Israels?

 

l Sören Pünjer: Mobilisierung des Alltagsverstandes für Israel?

Es ist kaum möglich, neue Freunde Israels zu gewinnen, ohne dabei die Kritik des Antisemitismus auf der Höhe der Zeit zu verwässern. Denn der begnügt sich keineswegs mit den Protokollen der Weisen von Zion oder den Videos arabischer Suicide Bomber, sondern bedient sehr wohl den Alltagsverstand des dem Frieden, der Völkerfreundschaft und der Gerechtigkeit verpflichteten Durchschnittseuropäers. Allein der Umstand, daß viele Freunde Israels die antisemitische Kino-Offensive „Paradise Now“ nicht als Aufforderung zur Vernichtung des „zionistischen Gebildes“ zu erkennen vermögen, sollte erhebliche Zweifel an der unmittelbaren Aufklärbarkeit des europäischen Alltagsverstandes aufkommen lassen.

 

l Tjark Kunstreich: Der undenkbare Souverän

Alle achten sie die heilige jüdische Religion (Ahmadinedschad) oder die jüdische Identität (attac, UN, etc.). Sie sind keineswegs gegen Juden, nur gegen die Zionisten (Rafsandschani, AIK Wien) und ihren Staat. Dagegen wenden sich viele ganz israelsolidarisch. Was aber, wenn jüdische Intellektuelle und Funktionäre aus der europäischen Diaspora sich öffentlich beklagen, daß wegen Israel jüdische Normalität sich nicht einstellen könne? Änderte ein jüdisches Plebiszit gegen Israel, das sich viele Gutmenschen herbeiwünschen, etwas an dem einzigen Emanzipationsfortschritt für Juden seit dem Code Civil, nämlich der Aufrichtung eines Souverän aller Juden, der auch jene nachhaltig schützt, die im antisemitischen Nachbarn einen im Grunde guten Menschen erkennen wollen?

 

 

Podium 5: 18:30–20:30 Uhr

Was links ist? Die Desertion vom Kollektiv!

 

l Philipp Lenhard: Plädoyer gegen die Politisierung des Privaten

Das Subjekt sei tot, verkündet stolz die allerneueste Theorieproduktion, die sich angeblich auch Marx und Adorno verpflichtet sieht. Nationalsozialismus, globalisierter Kapitalismus und Kulturindustrie hätten mit Individualität so gründlich aufgeräumt, daß auch jede Beschäftigung mit der Dichotomie von öffentlich und privat obsolet sei. Solche interessierten Missverständnisse haben den Gedanken der Versöhnung  beider Sphären längst in die eine Richtung aufgegeben: Etatistisch abgesicherter Kollektivismus ist der regressive Traum jener, die meinen theoretisch begründen zu können, warum es nicht schade ist ums Individuum.

 

l Justus Wertmüller: Was ist „links“ an antideutscher Kritik?

In Bebels Partei wollte Marx nicht Mitglied sein, aus Lenins Partei wäre er herausgeflogen, unter Stalin oder Mao an die Wand gestellt worden, und die Globalisierungskritiker hätten ihn als Vertreter westlicher Dominanzkultur aus ihren Reihen gesäubert. Kritik, die sich keiner Bewegung oder deren „klassenkampftheoretisch“ bzw. völkisch aufgemöbelter Gefolgschaft unterordnet, die ihren Gegenstand stets so ernst nimmt, daß sie ihre Gegner nicht nur sistieren, sondern auch polemisch befehden kann, weil sie mit Adorno auf ein Leben ohne Angst zielt und mit Oscar Wilde den Sozialismus im Dienste des Individualismus wirken sehen will, solche Kritik ist nicht nur dissident und antideutsch, sondern eben auch links.