Beitrag der Redaktion-BAHAMAS:

 

Was wissen Sie über Nadine Wünsch? Sollten sie nicht zu den Lesern der Berliner Zeitung gehören, vermutlich nichts. Und selbst wenn Sie dieses Blatt gelegentlich aufschlagen, muß schon verzweifelter Übermut oder lähmende Langeweile Sie befallen haben, wenn Sie ausgerechnet die Rubrik, „Schöne neue Welt“, zur Lektüre herangezogen haben. Und auch wenn Sie sich nicht vom Konterfei eines alerten Versicherungsvertreters, der auf den Namen Alexander Osang hört, haben abschrecken lassen, allein der Titel seiner letzten Kolumne, „Tod eines Mädchens“, erschienen am 01. Februar hätte Panikreaktionen in Ihnen auslösen müssen. Dieses Gefühl der Scham über die Schamlosigkeit wildfremder Menschen treibt einen zu merkwürdigsten Versuchen, Ungeheuerliches ungeschehen zu machen. Im Gespräch wäre man versucht, einen Teller auf den Boden fallen zu lassen um durch den Lärm des zersplitternden Porzellans und die Abfolgen von Entschuldigungen und „ist doch gar nicht so schlimm“ eine Zäsur zu bewirken, in der unbestimmten Hoffnung, daß sich Vergessen über die Szenerie legt. Nach der Lektüre der Überschrift, „Tod eines Mädchens“, wäre es an der Zeit gewesen, mit spitzen Fingern das gesamte Preßprodukt in den Abfalleimer zu werfen und an irgendetwas Erfreuliches zu denken, die Romane von Michel Houellebecq etwa. Manchmal kommt es anders. Ein BAHAMAS-Leser hat sich an seine Pflicht zur Ideologiekritik erinnert und preußisch diszipliniert wie Antideutsche nun mal sind, das Ding nicht nur gelesen, sondern sofort an die Redaktion geschickt.

So kommt es, daß ich etwas weiß über Nadine Wünsch. Sie war 19 Jahre alt, stammte aus dem schönen Heilbronn und ging im September 2002 als Au-Pair nach New Jersey. Sie sah „hübsch, gesund und irgendwie deutsch aus“ (alle Zitate aus der Berliner Zeitung vom 01.02.02), hatte einen schlechten Geschmack, ihr Lieblingsfilm war „dirty dancing“ und ihr Lieblingsmusical, „Dance of the vampires“, das sie schon in Stuttgart gesehen hat, wurde ihr zum tödlichen Verhängnis. Denn als sie es sich Ende Januar am Broadway ansehen wollte, wurde sie auf eben diesem Broadway Opfer eines Verkehrsunfalls. Weil ich mich mit den seltsamen Sitten des Amerikaners an sich und des New Yorkers im Besonderen nicht so auskenne und Sie wahrscheinlich auch nicht, sind wir auf den Fachmann von vor Ort angewiesen, der wie ein Versicherungsmakler aussieht und manchmal Alexander Osang heißt: „Es ist eigentlich kein großes Geheimnis für jemanden, der schon längere Zeit in New York lebt. Lieferwagen achten hier nicht auf Fußgänger. Niemand achtet auf Fußgänger. es gibt Fußgängerampeln, aber die haben nichts zu sagen.“ Dabei sind doch Ampeln dazu da, die Mädchen vor dem Verkehrstod zu bewahren. Nicht so in New York: „Nadine hatte grün. Aber was heißt das schon, sie ist tot. Es gilt das Recht des Stärkeren.“ Schöne kurze Aussagesätze, intensiv, lapidar, unter die Haut gehend, saubere deutsche Prosa – ich werde später auf einen geistesverwandten Dichter zu sprechen kommen. Woran denken wir, wenn das Recht des Stärkeren beklagt wird und dauernd von dem Mädchen Nadine geredet wird? Über die dringend gebotene Verschärfung des Sexualstrafrechts, den Beschützerinstinkt Alexander Osangs gegenüber Jungfrauen oder gleich an Charles Bronson, der solange alle Lieferwagenfahrer meuchlings ermordet, bis keiner mehr am Leben und Nadines Tod gesühnt ist? In entspannteren Zeiten wäre das durchaus naheliegend, erfahren wir doch: „Auch der Name des Fahrers, der Nadine Wünsch tötete, wurde nicht genannt. Er sei nüchtern gewesen. Niemand wisse, warum er einfach in das Mädchen reinfuhr.“ Aber in Zeiten, in denen der Außenminister wieder der Freßsucht verfällt, weil Stärkere in ihn reinfahren wie sonst nur Kleinlastwagenfahrer in deutsche Mädchen, macht es einfach „Wumm“. Doch ich will niemandem Unrecht tun und bleibe im Zusammenhang: „Nadine hatte grün. Aber was heißt das schon, sie ist tot. Es gilt das Recht des Stärkeren. Wumm, schon sind wir wieder bei der Weltpolitik.“

Und als hätte er geahnt, daß hinter jeder Ecke ein Ideologiekritiker lauert und ihm draufkommen könnte, fügt er hinzu: „Kein Satz ist mehr unschuldig. Alles steht in größerem Zusammenhang. Es sind unwirkliche Zeiten.“

Aber einen wirklichen Anhaltspunkt für antideutsches Ressentiment in Sachen Nadine glaubt er dann doch gefunden zu haben: „Vielleicht wollten Nadines Gasteltern anonym bleiben, weil sie in diesen Zeiten eine Deutsche beschäftigten. Vielleicht verliere ich den Verstand.“ Er hat ihn schon verloren. Nur hat es keiner merken wollen. Denn wäre es so gewesen, dann wäre diese Kolumne nie erschienen und die Rubrik „schöne neue Welt“ längst in den Händen eines anderen Vorort-Experten. Die Berliner Zeitung, die eine für den Frieden ist, aber weiß, was sie an Osang hat, denn seine Schlußwendung macht ihm so leicht keiner nach: „Die New York Times schreibt, dass Nadines Körper nach Deutschland transportiert werde. ‚Body‘ schreiben sie, es klingt, als reise ein toter Soldat heim. Die erste gefallene Deutsche in einem Golfkrieg, den es noch nicht gibt.“

 

Die Gasteltern Nadines wollten lieber ungenannt bleiben. Vielleicht einfach deshalb, weil sie Presserummel nicht mögen, vielleicht aber auch, weil es ihnen wirklich peinlich ist, mit einer jungen Frau zusammengelebt zu haben, deren Heimatland sich derartig feindselig gegenüber den USA verhält, wie kein anderer Bündnispartner es je getan hat. Allerdings: Als hostile alien haben sie ihr Aupair-Mädchen Nadine nicht behandelt – vielleicht weil sie die Umfragergebnisse aus Deutschland über die Zustimmung zur Irakpolitik der Regierung nicht kannten.

Das Unheil, das eilige Paketdienste, Medikamentenzubringer und ähnliche Firmen mit ihren Kleintransportern über andere Verkehrsteilnehmer, also auch Fußgänger, bringen, ist auch hierzulande erst kürzlich auf dem Verkehrskundetag zur Sprache gebracht worden. Daß Angehörige ihre im Ausland zu Tode gekommenen Lieben, wenn sie es sich leisten können, in die Heimat zur Beerdigung transportieren lassen, will einem auch nicht ohne weiteres als Kriegsbrauch vorkommen. Und daß das englische Äquivalent für Körper und Leichnam „body“ ist und von Nadine nur entseelte Materie zurückblieb, die man deshalb nicht Nadine nennt, sondern eben body ist nicht herzlos, sondern im Gegenteil durchaus pietätvoll. Aber was schert das einen zeitgeistigen deutschen Zeilenschinder, der von amerikanischer Gewalt, als rücksichtslosem und penetrierendem Mißbrauch raunen möchte, um eine US-Aggression gegen alle unschuldigen Deutschen zu unterstellen, die sich ihm nicht zufällig im Bild des gehetzten Mädchens symbolisiert, in das ein Amerikaner reinfährt.

 

Sage keiner, es gehe nicht genau darum in all den Friedensbotschaften, die proportional zum Amoklauf der Bundesregierung zur Flut anschwellen. Was lesen wir denn in dem ganzen Müll: Erstens: Ein Krieg könne unmöglich zur Lösung bestehender Konflikte beitragen, im Gegenteil er brächte nur unendliches Leid über Unschuldige. 2. Die Behauptung, es ginge um so hehre Ziele wie den Kampf gegen Terrorismus, die Einführung von Demokratie und Wohlstand im Irak sei gelogen, in Wirklichkeit gehe es um ganz schnöde Machtpolitik und die könne nichts Erfreuliches im Gefolge haben. 3. Es setze sich nicht Gerechtigkeit, sondern das Recht der Stärkeren durch. Die Angegriffenen sind die Opfer, wie Nadine das eines amerikanischen Kleinlastwagens wurde. 4. Hinter all dem stünden nämlich Eigeninteressen und die seien in den USA und auch in Großbritannien imperialistischer Natur.

Eigene Interessen verfolgen deutsche Friedensfreunde tatsächlich nicht, das tun andere für sie, sie müssen sich nur anschließen. Deswegen plädieren Deutsche gegen jeden Versuch, sich des weltweiten Unheils das unter den Fahnen des Antiamerikanismus, des Antisemitismus der sich als berechtigte Kritik Israels kostümiert und des Islamismus zu erwehren. Sie stehen im Bündnis mit dem zivilisationsfeindlichen Unheil – und keineswegs zufällig suchen sich die Mohammed Attas dieser Welt Deutschland als ihren Stützpunkt aus, von dem aus sie gegen die USA und wenn es denn gelänge gegen Israel zu Felde ziehen. Deutschland hat keine Interessen, es setzt auf den Untergang und fühlt sich schon deshalb berechtigt, von Frieden und Menschlichkeit zu reden. Glaube keiner, das Herz der Deutschen schlage plötzlich für die irakische Zivilbevölkerung. Wäre dem so, dann müßten sie massenhaft gegen die unmenschliche Politik ihrer Regierung demonstrieren, die die irakische Bevölkerung bis in alle Ewigkeit dem Zugriff eines Regimes aussetzen will, dessen sofortige also gewaltsame Beseitigung Wunsch jedes halbwegs mitfühlenden Verstandes sein muß. Ihr Herz für die erbarmungswürdigen Schicksale kleiner Kinder, die an Unterernährung und Medikamentenmangel verrecken, haben die Deutschen entdeckt, als am 13.09. die Speerspitze der islamischen Reaktion, deren Sprecher im gar nicht fundamentalistischen Irak Schwert und Schild ihres faschistischen Anspruchs auf Weltvernichtung sehen, in das World Trade Center und ins Pentagon flogen und 3100 Menschen, vorwiegend US-Amerikaner, ermordeten. Seither wissen die Landsleute, daß täglich 20.000 Kinder an Hunger und mangelbedingter Krankheit sterben, seither wird aufgerechnet, daß sich die Balken biegen und dem Meer der Unschuldigen, die als Opfer struktureller Gewalt, globaler Märkte, Handelsdiktate und Zinsschrauben zugrunde gingen, treten Täter von Ausmaßen gegenüber. Massenmörder, Menscheitsvernichter, Anhänger eines angelsächsischen Soziadarwinismus wie Robert Kurz sie nennt, denen man aus tiefster Seele gönnt, daß endlich einmal welche zur Endlösung der Kapitalistenfrage angetreten sind. Die lustvolle Beschreibung des täglichen Sterbens in fast allen Weltgegenden, die Elendsbilder, die von Tod und Vernichtung künden, wollen nur einen zukünftigen Blutrausch vorbereiten helfen, in dem handfest vernichtet wird, was fürs globale Unheil verantwortlich gemacht wird.

Keine Erfahrung macht deutsche Friedensfreunde nachdenklich, kein objektiver Sachverhalt erschüttert sie. Was sind sie dankbar, daß sich die Verhältnisse in Afghanistan nur wenig zum Besseren geändert haben seit der Eroberung. Da seht ihr’s, es ging nie darum, den Menschen zu helfen. Daß ein besonders blutiges Regime beiseite geräumt und eine kleine Armee von Hochleistungskillern aufgerieben wurde und schon deshalb die selbstsicheren Künder des globalen Blutbades im Zeichen des Koran erstmals erschrocken inne halten, wer könnte das Deutschen als Fortschritt vermitteln? Deutschen, die gerade eine furchtbare Friedensaktivistin in allen Ehren zu Grabe getragen haben, Annemarie Schimmel, die sich offen für die Barbarei und gegen die Zivilisation, für Ayatollah Komenis Fatwa und gegen den seither mit dem Tod bedrohten Salman Rushdi ausgesprochen hat. Was wären die friedensbewegten Landsleute glücklich, wenn es irakischen SS-Einheiten in letzter Minute noch gelänge, Giftgas freizusetzen und einige Zehntausend mit in den Tod zu nehmen. Wir haben’s doch gleich gesagt, der Krieg bringt nur namenloses Leid über die Zivilbevölkerung. Es ist das Recht des Stärkeren, das verantwortlich für alles Leid ist. Der Stärkeren, die sich anmaßen, dem Irak zu diktieren, welche Waffen er habe dürfe und welche nicht. Schließlich verfüge auch Israel über die Atombombe – das denken sie alle und manche sprechen es aus.

 

Friedliche Konfliktlösung um jeden Preis, das ist eine Domäne der Linken. Pazifismus, die grunddebile Lehre, gegen alle Kriege sein zu müssen, ist ebenfalls eine Domäne der Linken. Lassen wir sie damit allein, lassen wir sie ihre geschmacklosen Bekenntnisse auf Europas Straßen aufführen – keiner braucht sie. Man könnte abhaken, wäre da nicht der Tod eines deutschen Mädchens und wir nun mal eben in Deutschland. Es geht einem persönlich nahe: Gute Bekannte, manchmal sogar Freunde, mit denen man nie über Politik geredet hat, die man nie agitieren wollte, mit denen sich doch ganz auskömmlich leben ließ, beim Ballspielen oder auf der Party, oder mal so zum Kaffeeklatsch werden zu Politikern und brechen den Solidarpakt: Es sprudelt aus ihnen die Geschichte vom unschuldigen Mädchen und vom Recht des stärkeren Yankees. Sie agitieren uns, die Agitatoren, sie reagieren nicht auf die diskrete Bitte, doch das Thema zu wechseln. Sie reden vom deutschen Frieden gegen Amerika und wir müssen sie streichen aus dem Adresskalender. Wie jene gewesenen Freunde treiben es Wildfremde. Sie fahren im ICE, haben sich noch nie gesehen und trauen sich doch auch sonst nicht mit Fremden einfach Kontakt aufzunehmen. In den letzten Wochen ist das alles kein Problem mehr. Ein Wort gibt das andere und angelegentlich vertieft man sich in die Frage: Wer schützt Nadine vor den Stärkeren?

 

Und schon morgen haben wir sie auf den Straßen der Reichshauptstadt. 100.000 und mehr. Ein ganzes Land steht auf für seine Regierung. Ein ganzes Land folgt seiner pazifistischen Linken, auch die NPD. Fragt man die nachdenklicheren Älteren mit dem kirchlichen oder gewerkschaftlichen Hintergrund, oder dem humanismusstrotzenden Friedenstremolo der alten Parteikommunisten, dann kommt heraus, was man immer schon befürchtete: Als Deutscher wisse man nämlich, aus eigener leidvoller Erfahrung welches entsetzliche Unglück der Krieg über die Menschen bringe. Man habe gelernt, daß Kriege niemals eine Lösung sein könnten und tue deshalb mit friedlichen Mitteln alles, was in der eigenen Macht stehe, um den nächsten Krieg zu verhindern. Worauf stützt sich solch pathetisch vorgetragenes Bescheidwissen? Hätten nicht gerade sie sagen müssen, gerade weil man aus deutscher Geschichte klug geworden sei, habe man gelernt, daß manchmal allein der Krieg hilft, ein schreckliches Unheil, das jeden Krieg noch in den Schatten stellt, abzuwenden? Hätten sie nicht sagen müssen: gerade weil unsere Väter und Großväter vernichtend geschlagen worden sind, können wir uns heute hinstellen und ungestraft dummes Zeug reden. Hätten sie nicht sagen müssen: Schade eigentlich, daß als Konsequenz auf die faschistischen Frechheiten im Zusammenhang mit der Münchener Konferenz, 1938, die späteren Alliierten nicht einen Präventivkrieg gegen Deutschland geführt haben, als einen „war against the evil“. Mit der schlichten Begründung, daß die deutsche Bevölkerung, nicht willens und zum Teil auch nicht in der Lage war, selber abzustellen, was ihre Regierung da seit 6 Jahren anrichtete und weil davon auszugehen war, daß dies alles erst der Anfang war.

Aber nein, so wie man von 1933 bis 1939 vom europäischen und sowjetischen Appeasement prima gelebt hat und in Ruhe Weltkrieg und Judenvernichtung vorbereiten konnte – so stellt man sich heute als primus inter pares an die Spitze von old europe und macht in Appeasement, um mit friedlichen Mitteln die Beseitigung eines barbarischen Regimes zu vereiteln, das dem deutschen Nationalsozialismus ideologisch fast alles verdankt.

 

Ein Stalingrad-Exkurs

Erst kürzlich gab es in Berlin, Leipzig und manchen anderen Städten Veranstaltungen und Konzerte zum 60. Jahrestags der deutschen Niederlage in Stalingrad. Diese Veranstaltungen waren gut besucht, Antideutsche und Mainstream-Linke, Leser von Junger Welt und Jungle World tanzten friedlich miteinander und dachten noch, es wäre irgendwie gegen Deutschland, den deutschen Mainstream oder was auch immer. Es lohnt sich schon, einmal den Hintergrund zu beleuchten. Erstens würde niemand am achten Mai eine linksradikale Fete zur freundlichen Erinnerung an das Bomber Command der Royal Air Force feiern – zumindest wäre außer ganz ausgebufften Antideutschen nicht mit Gästen zu rechnen. Warum eigentlich? Die Rote Armee hat nach langer äußerst opferreicher Belagerung im Februar 1943 die sechste deutsche Armee zur Kapitulation gezwungen. Ein harter aber fairer Kampf, hören wir heute in den Geschichtsstunden des öffentlich rechtlichen Fernsehens die Veteranen in die Mikrofone mümmeln. Der Feind war der Winter, die chaotische Führung, der in dilettantischer Weise vergrößerte Frontbogen, der niemals auf ganzer Linie hätte Stand halten können. Kein Vorwurf an die Russen, von wegen asiatischer Grausamkeit oder ähnlichem. Natürlich waren die deutschen Landser die Opfer, aber weniger die der Russen, als vielmehr Opfer eines Verhängnisses, das Hitler, deutsche Generalität, oder Frost heißt und jedenfalls nichts mit den konkreten Helden zu tun hat. Der heldenhafte Kampf der glorreichen Roten Armee spukt den Stalingrad-Festbesuchern umso heftiger durchs Hirn, je weniger sie mit irgendeiner Polemik seitens des bürgerlichen Lagers rechnen müssen. Die Mehrheitsdeutschen haben mit den Russen keine Rechnungen offen. Sie haben zwar eine Schlacht verloren, aber sie wissen, daß sie vor ihrer vorläufig endgültigen Niederlage eine kaum zu überbietende Spur der Vernichtung in der westlichen und mittleren Sowjetunion hinterlassen haben. Das tut dann doch gut. Und sie wissen auch, daß gar kein Grund besteht, den Angriff auf die Sowjetunion im Nachhinein zu rechtfertigen, davon sind sie ganz frei. Schließlich hat man den Endsieg nach 1989 eingefahren und der Bolschewik ist wieder ein naiver bettelnder Mushik, der im Elend zugrunde geht.

Mit denen, an deren finalem Elend man einen guten Anteil hat, läßt sich mitfühlen – ob in der früheren Sowjetunion oder im Irak. Man wähnt sich ihnen gleich, und denkt gerührt an die kalte Weihnacht 1942 und läßt sich im Fernsehen, Feldpostbriefe aus Stalingrad vorlesen. Jenen aber, die nicht nur 1945 Sieger waren, sondern heute noch das Recht des Stärkeren für sich beanspruchen, verzeiht man nichts.

Es soll der Anteil der Sowjetunion am Sieg über den Nationalsozialismus nicht geschmälert werden. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, daß die Anzahl der Toten kein Gradmesser für den kriegerischen Erfolg ist und es soll insbesondere herausgehoben werden, daß den entscheidenden Anteil zum Aufbau einer Anti-Hitler-Koalition nicht von der Sowjetunion ausgegangen ist, sondern von Großbritannien und die erste deutsche Niederlage nicht Stalingrad, sondern die Luftschlacht um England 1940/41 war.

Die Rote Armee hat in der Vorstellungswelt der Linken ihre Heimat und darüber hinaus Deutschland und die halbe Welt vom Hitlerfaschismus befreit. Großbritannien wird solche Ehrung nicht zuteil, dabei haben die Briten die erste Schlacht gekämpft zu einem Zeitpunkt, als man in Moskau Sergei Eisenstein zwangsverpflichtete, dem Edlen von Ribbentropp zu Ehren die Walküre zu inszenieren. Aus Großbritannien stammen die antifaschistischen Appelle an die Welt vom Herbst 1939 bis zum Sommer 1941 und nicht aus Moskau. Aus Großbritannien wurde die Ahnung geäußert, daß man es mit einem klassenübergreifenden Mordbündnis aller Deutschen zu tun haben könnte und aus Großbritannien heraus wurden die militärischen Schritte eingeleitet und dann von den Amerikanern tatkräftig unterstützt, die den Deutschen den Krieg, den sie über ganz Europa gebracht hatten ins oder besser aufs Haus gelenkt haben – der Bombenkrieg.

Das war der ruhmreichen Sowjetarmee, die bereits1941 zwei Drittel ihrer nicht konkurrenzfähigen Luftwaffe eingebüßt hatte, rein waffentechnisch nicht möglich. Sie konnte kein Bomber Command solange über dem besetzten Stalingrad kreisen lassen, bis der letzte Landser freiwillig aus den Trümmern gekrochen kam, um sich zu ergeben. Daher die militärtechnisch überholte, an den ersten Weltkrieg gemahnende Riesenschlacht um Stalingrad mit einer Million toter Rotarmisten. Da waren sie noch einmal die Stahlgewitter, die Halluzination, es ginge Mann gegen Mann, wo es doch nur um veraltete Technik gegen veraltete Technik in einer Materialschlacht ging. Dort ein hehres Prinzip, die Freiheit der Völker, da ein verbrecherisches, die Unterwerfung der Welt unter ein faschistisches Regime. Auf beiden Seiten aber ehrlich kämpfende Männer, die einen strahlend fürs Richtige fallend und siegend, die anderen verblendet und verzweifelt in den Untergang einer Sache, die ihnen aufgezwungen worden sei hineinlaufend.

Bomber Command und später auch die US-Air Force haben einen ganz anderen Krieg geführt, wissen die Deutschen. Für alles mögliche nur nicht für das Gute. Wer erinnert sich noch an die in deutscher Ideologie, besonders in linker deutscher Ideologie seit drei Jahrzehnten liebevoll aufbereiteten Nachweise, daß der größte Teil der deutschen Schwerindustrie nicht oder nur wenig beschädigt den Bombenkrieg überstanden hätte, nicht aber die Wohnquartiere. Wer wüßte nicht aufzurechnen, daß es nicht die Villenvororte der Reichen waren, die den schwersten Schaden genommen haben, sondern die historischen und schon deshalb äußerst leicht entflammbaren Innenstädte, in denen damals, anders als heute, kleine Leute lebten und denen die Arbeiterquartiere direkt benachbart waren. Dahinter erst begann die Streubebauung der Villen und Landsitze inmitten großer Gärten. Wo also war nach Lage dieser „Fakten“, der antifaschistische Befreiungswillen von Bomber Command? Hat er nicht wirklich gezielt die Zivilbevölkerung ins Visier genommen und für eine längst geplante Nachkriegsordnung den Klassenpartner, dem nicht nur die Villen, sondern auch die geschonten Industrieanlagen gehörten, geschont? Ganz so unverhohlen äußert das heute keiner mehr, wie das noch in den 70er und 80er Jahre bei den ganz Linken üblich war und bezüglich der sinnlos und verbrecherisch hingeopferten unschuldigen Zivilbevölkerung auch bei den ganz Rechten. Die Unterscheidung zwischen zwei Kriegsalliierten bezüglich der moralischen Berechtigung der von ihnen angewandten Mittel wie ihrer Beweggründe, hat sich gehalten. Zuletzt gipfelte das in der Abrechnung Cora Stephans, links, feministisch und unangenehm in der Welt vom 17.11. mit dem antisemitismuskritischen dernier crie: Die Westalliierten hätten schließlich – obwohl es ihnen möglich gewesen wäre – die Bahngleise nach Auschwitz nicht bombardiert.

Womit wir im Zentrum deutscher Friedensbegeisterung angekommen sind, dem deutschen Trauma, das sich aus großer Flucht und dem Brand zusammensetzt und einen Opfermythos darstellt, der alle in den letzten Jahrzehnten geleisteten Projektionen in aller Offenheit bündelt. Wenn sie Mitleid mit der Bevölkerung Bagdads erklären, meinen sie Dresden und sich selbst. Wenn sie wider jede Vernunft den Amis unterstellten, sie würden Kabul vernichten, Bagdad niederbrennen, Völkermord anrichten, dann reden sie von deutschen Bombennächten. Bagdad wurde weder 1991 in Schutt und Asche gelegt, noch wird es dieses Jahr so sein. Die Amerikaner und Engländer wissen zwischen einer geknechteten und gedemütigten Bevölkerung und einem unbeirrbaren Mitmacherkollektiv zu unterscheiden. Deutschland aber hat nach 1989 einen einigenden Feind: Diejenigen, die, wie Göbbels und Ulbricht sich einig waren, angloamerikanischen Bombenterror über die Deutschen gebracht haben. Gegen sie marschiert die nationale Revolution für den Frieden und gegen den Raubtierkapitalismus, gegen sie werden die Bündnisse geschmiedet mit der islamischen Internationale und einer irrsinnig gewordenen Dritten Welt: Gegen die Hoffnung auf etwas Besseres, gegen den Traum von einer Sache, für den islamischen Faschismus und den irrsinnigen Vernichtungskrieg im Zeichen der völkischen Völker. So geht Antiamerikanismus und so geht auch Antisemitismus. Morgen stehen sie auf gegen die USA und gegen Israel.

 

 

Schon im November 2002 ist das Buch zur Friedensbewegung erschienen, ein Buch, dem ein Alexander Osang, Sie erinnern sich, der mit dem toten Mädchen, alles verdankt. Genauso wie die Schriftleiter von Junge Welt und Junge Freiheit und das ganze nationalrevolutionäre Friedensbündnis. Jörg Friedrichs deutscher Bestseller, „DerBrand“.

 

Weinen wie ein Schloßhund

Was wäre eigentlich noch zu sagen zum Bombenkrieg gegen Deutschland? Es gibt eine relativ gesicherte Opferzahl 400.000 bis 500.000 Tote. Jede Stadt hat in ihrer Lokalgeschichte der Zerstörung und ihres Ausmaßes gedacht, und Straßenzug für Straßenzug, Haus für Haus die Kriegszerstörungen dokumentiert. Was fehlte noch? Das Gefühl, die Teilnahme, die kollektive Erinnerung, das Recht gar trauern zu dürfen über das Unglück der Eltern und Großeltern, die alles verloren haben, damals. Und wirklich, auf dem menschelnden Sektor, der immer schon allein der Aufrechnung vorbehalten war, hat es Verbote gegeben, in der BRD wie in der DDR. Die zerbombten Städte wurden eher als ein Menetekel für Verblendung und Maßlosigkeit ins offizielle Gespräch gebracht, als Mahnung zu Wiederaufbau und demokratischer Gesinnung, denn für eine Selbstinszenierung als Opfergemeinschaft, von der auch die deutsche Zivilverwaltung immer schon wußte, daß Klage und Racheschwur nicht auseinanderzuhalten wären. So endete etwa die DEFA-Verfilmung des Untertans von Heinrich Mann aus dem Jahr 1951 mit dem mahnenden Bild einer zerbombten Stadt und darin geschäftig herumwuselnden Trümmerfrauen. Die gleiche Funktion hatte die Einblendung zertrümmerter deutscher Innenstädte in Fernsehdokumentationen der BRD aus den 70er und 80er Jahren, die sich nicht mit dem Bombenkrieg, sondern mit den deutschen Verbrechen befaßten und sich erfreulich didaktisch darum mühten, Ursache und Wirkung ins Verhältnis zu setzen. Solche Verarbeitung überlagerte die alltagsgeschichtlichen Bemühungen eines Kempowskis, konnte aber nie darüber hinwegtäuschen, daß gegen die offizielle Erklärungsversion ganz andere Bedürfnisse zäh weiter lebten: sich als Opfer fühlen zu dürfen, wie ein Schloßhund zu weinen, sein ganzes Elend als deutsches Elend der feindlichen Welt und den gefühlskalten Pädagogen ins Gesicht zu schleudern. Diesem Bedürfnis war in der DDR bereits staatsoffiziell, in der BRD später durch eine staatliche Vorfeldorganisation durchaus Rechnung getragen worden. Die DDR hatte sich stets die Dresden-Türe offen gehalten, und so standen die Trümmer der Frauenkirche, die man ja leicht hätte wegräumen können, ganz wie seit 1991 die neue Wache in Berlin, als Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft, also in Wirklichkeit als Erinnerungszeichen an den „anglo-amerikanischen Bombenterror“ wie es staatsoffiziell hieß und wie man es von Goebbels’ Propagandamaschine übernommen hatte. Im Westen hat die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre den Bann gebrochen, als sie zum gemeinsamen Erleben ungeheurer Schauer der Vernichtung einlud und für jede deutsche Großstadt eine Art Videoinstallation herstellte, die die Wirkung einer Bombe von der Größe der Hiroshima-Bombe veranschaulichte.

 

Wenn die Sprache birst

Der Brand, laut Spiegel ein „brilliant geschriebenes, packendes Buch“ (49/2), zeugt Martin Walser in Focus 50/02 zufolge von „hoher Erzählkompetenz (...) Durch diese Sprache ist das gegenseitige Vernichtungswüten für unsere Teilnahme zugänglich.“ Die FAZ (30.11.02) schließlich konstatiert: „Indem die Sprache birst, wird sie anschaulich (...) Jeder seiner Sätze hat eine Tendenz zum Schrei. Fast sechzig Jahre nach Kriegsende geht es nicht mehr darum, Schuld festzustellen. Es geht um die Feststellung des Schmerzes.“

Ein Buch, das sich wie ein Gegenentwurf zu Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ liest, und es schon jetzt zum deutschen Volksbuch gebracht hat, das man „Bomber Commands hilflose Opfer“ nennen könnte, verlangt nach adäquater Sprache. Die Sprache, die birst, die Sprache des Schmerzes wanzt sich ran, expressionistisch aufgeplustert, existentiell verallgemeinernd, in abgehacktem Lapidar-Sound Betroffenheit auslösend, dieser Sound, der zur maßlosen Übertreibung paßt und jede Lüge pseudopoetisch verpackt. Dieses inbrünstige Gelärme will mehr, als die Kriegsschuld scheinbar gleichmäßig auf Deutsche und West-Alliierte gleichmäßig verteilen: Deutscher Schmerz steht über allem und ruft nach Konsequenz. Die etwa 40.000 Gefallenen der Juliangriffe 1943 sind neben denen Dresdens, Tokios, Hiroshimas und Nagasakis Chiffren des Äußersten, was Waffengewalt der Kreatur zufügt. Nicht wegen der Ströme vergossenen Blutes, sondern der Art wegen, in der Lebewesen von der Welt getilgt wurden mit einem tödlichen Hauch. (J. Friedrich: Der Brand, S. 193 – auch die folgenden kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem Buch) Man könnte einwenden, daß doch allein in der Stadt Leningrad während der deutschen Blockade, die eine Hungerblockade war, mehr als eine Million Menschen zugrunde gegangen sind oder daß einen tödlichen Hauch schließlich auch Zyklon B verbreitet hat – aber die Einebnung genau solcher Unterschiede bis hin zur Leugnung ist Ziel und Vorsatz. Wer Bombenkrieg über Deutschland sagt, meint Heimat und das Bekenntnis zur Heimat in existentieller Bedrohung, diese innigste Verbindung, die Landschaft und Genre eingehen können, ist Friedrichs Botschaft. „Weit schweiften unsere Augen über die grünwellige Bucht, die bläulichen Hügel Usedoms und Wollins, über die zahlreichen Schiffe, die mit uns auf der Reede lagen.“ Unter Dreck, Strohsack an Strohsack, warteten alte ostpreußische Bauern, Kriegsversehrte und „eine Frau, offenbar leicht geistesgestört, die immerfort drei oder vier Töne in leiser Unentwegtheit vor sich hin sang“. Rechts und links dampften kleinere Flüchtlingsschiffe auf Swinemünde zu, halb Ostpreußen lag auf dem Wasser. Was schwamm, hatte Leute geladen. (S. 171f.) Heimatliebe in Deutschland kann sich nicht beschränken auf die behagliche Betrachtung von Landschaften. Es liegt keine Behaglichkeit in ihr, spätestens seit 1933, und wo es den einen ein Graus ist, daß noch der grünste Hügel darüber hinweglügt, wie endgültig die Idylle zerschlagen ist, treibt es den Mehrheitsdeutschen angesichts der geschichtsträchtigen Bindung von Landschaft und Vernichtung wohlige Schauer über den Rücken. Deutscher Heimat-Expressionismus bedient sich daher konsequent des Volksempfängers: Nach Süden zu, gegenüber der französischen Grenze, verdickte sich der Wall und flocht die nahen Dörfer ein in seine Wehr. (S. 136)

Friedrich hat durch sein ganzes Buch säuberlich die Spuren gelegt, die eine wahrhaft furchterregende Wiederaneignung deutscher Wehr- und Leidensgeschichte im Namen der Aufrechnung ergeben. Was immer die Deutschen mit ihren Opfern angerichtet haben, Bomber Commands Taten stellen alles in den Schatten: Bewegliche Kunst, Archivalien und Bücher begeben sich auf die Flucht, zuerst hinter entlegene feste Mauern, zuletzt in tiefes Felsengestein. Anders wäre fast alle Kultur zerstört. Die Bibliotheken haben im Stein das meiste gerettet vor der im übrigen größten Bücherverbrennung in geschichtlicher Zeit. (S. 515) Und wie den Büchern geschah es einer ganzen Zivilisation: Deutschland wurde von Bomber Command und zwei US-Flotten verwüstet wie noch keine Zivilisation davor. (S. 120) Wo eine Zivilisation ausgerottet wird, ist der Auschwitz-Vergleich statthaft und unvermeidlich: Die Leichenbergung entspricht der Tötungsprozedur. Der Ausgerottete erhält kein eigenes Grab, erhält keinen eigenen Tod, weil ihm kein Lebensrecht gehörte. Es wurde ihm ausgezogen wie eine Jacke. (S. 432)

Wenn diese größte Lüge schamlos ausgesprochen werden kann, ohne daß sie einem der zahlreichen Rezensenten auch nur aufgefallen wäre, gehen die kleinen revisionistischen Lügen jederzeit durch: Tiefe Bewegung löste in Bielefeld das Bombardement aus, welches die Anstalt für geistesgestörte Kinder in Bethel traf. Der Einschlag in den Schlafsaal tötete zwölf kranke Kinder. Pastor von Bodelschwingh der Anstaltleiter, kämpfte um eben die Zeit für das Leben seiner Schützlinge, das als lebensunwert von den NS-Gesundheitsbehörden ausgemerzt werden sollte. Bodelschwingh drängte die Euthanasie in seinem Asyl zurück, nicht aber Bomber Command. Dessen Bombe schlugen ein zweites mal ein und töteten Pfleger und Kinder. (S. 210) Keine Rede davon, was in den 80er Jahren noch zum Skandal, und zwar zum heilsamen Skandal führte: Daß genau dieser Pastor Bodelschwingh, – gegen tiefsten Selbstzweifel ankämpfend, wie es sich für einen deutschen Pastor gehört – dafür gesorgt hat, daß das ihm abgeforderte Kontingent behinderter Menschen selektiert und zur Vernichtung übergeben wurde. Kein Wort darüber, daß ihm nur deshalb noch geistig behinderte Kinder blieben, weil die Euthanasie-Aktionen ausgesetzt wurden, und zwar nicht auf den Druck eines preußisch protestantischen Pastors hin, sondern ganz vorwiegend wegen des Protests katholischer Geistlicher und ebenfalls vorwiegend katholischer süddeutscher Bauern und Kleinbürger hin. Pastor Bodelschwingh, Prototyp des moralisch leidenden Mitmachers verkehrt sich in einen deutschen Widerstandkämpfer gegen die Fortsetzung der Euthanasie durch britische Bombergeschwader.

 

Mission impossible

Die Überhöhung der Stadt als organischem Geschichtsbehälter, Museumsdorf und Bollwerk gegen das, wofür sie historisch steht, die bürgerliche Emanzipation, korrespondierte stets aufs Engste mit alteingesessener Aggression gegen die anderen, weiter entwickelteren politischen Zivilisationen. Diese anderen, das waren und sind diejenigen, die man als Sieger, Besatzer und gescheiterte Umerzieher erdulden mußte, jene, die sich heute noch – wie viele Briten – mit den Deutschen ihre Nazi-Scherze erlauben und im deutschen Fußball einen Wiedergänger der Wehrmacht erkennen wollen. Es sind die, denen man übel nimmt, daß sie einen dauernd daran erinnern, daß Deutschland zwei Weltkriege angezettelt hat, und die nicht nur stolz darauf sind, die Deutschen besiegt zu haben, sondern sich erfrechen, die nationale Überlegenheit ihres politischen Vergesellschaftungsmodells zu betonen.

Für Jörg Friedrich ist einfach jeder Bombenkrieg gegen eine Zivilbevölkerung ein Verbrechen, das man ächten müsse. Natürlich unterschlägt er nicht, wer mit dieser Art der Kriegsführung begonnen hatte, ihm ist es allerdings darum zu tun, die Engländer und auch die Amerikaner, dafür anzuklagen, daß sie ab Erringung der Lufthoheit über Deutschland, 1943, den Bombenkrieg gegen die Deutschen Städte nicht etwa ausgesetzt, sondern dauernd weiter intensiviert und die Zahl der Opfer und die Höhe der Schäden enorm gesteigert hatten. Friedrich hat recht, wenn er darauf hinweist, daß die Angriffe zumeist direkt den Stadtzentren galten und eine genaue Unterscheidung zwischen Wohngebiet und Industrieanlage vielfach gar nicht beabsichtigt war. Die Engländer haben allen Ernstes versucht, die Voraussetzungen für eine möglichst baldige Landung auf dem Kontinent durch eine völlige Demoralisierung des Gegners zu erreichen, ein Vorsatz, der dem deutschen in der sogenannten Luftschlacht um England ähnelt. Und doch stellt Friedrich jede Wahrheit auf den Kopf, wenn er sich die Bevölkerungen Deutschlands und Englands als Durchhaltegemeinschaften gleich macht. In Großbritannien entwickelte sich nicht zuletzt angesichts der Niederlagen in Frankreich, der Demütigung von Dünkirchen und der gescheiterten Norwegen-Expedition 1940 eine Frontmoral, die durch den Luftkrieg nicht zu knacken war. Für Friedrich und seine Fans ein klarer Fall: Die Zivilgesellschaft weiß, daß sie das Ziel ist und sich dem gegnerischen Willen beugen soll. Mit den britischen Städten steht sie im Wettbewerb der Leidensfähigkeit. Bombenkrieg prüft den nationalen Zusammenhalt. (S. 465) Den zentralen Unterschied, dessentwegen das Konzept moral bombing überhaupt erfunden wurde, läßt Friedrich verblassen. Die Engländer haben erfahren müssen, daß ihre Politik des Appeasements, die ja nicht nur vom Konservativen Premier Chamberlain betrieben wurde, sondern von der oppositionellen Labour Party mit getragen wurde, in jeder Hinsicht gescheitert war. Nicht nur wog der moralische Makel, die Tschechoslowakei einfach ausgeliefert zu haben schwer, es wurde, und hier liegt der epochale persönlicher Beitrag Winston Churchills, im Frühjahr1940 endlich Konsens, was in einer Klassengesellschaft nur unter existentieller Bedrohung erkannt werden kann: Daß es etwas zu verteidigen gibt, für Proleten und Nutznießer des Systems gleichermaßen, daß jeder Streit über den Zugang zu gesellschaftlichem Reichtum auszusetzen sei – für die Zeit danach. Erst Churchills Großbritannien konnte der Welt mitteilen, was sich Roosevelt mangels öffentlicher Zustimmung noch lange nicht auszusprechen trauen durfte, was in der Sowjetunion im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes ausgesetzt war und in Frankreich zur Niederlage geführt hatte: daß gegen die faschistische Barbarei der damals schon äußerst beschädigte Rest bürgerlicher Zivilisation in Anschlag zu bringen sei, daß es sich tatsächlich lohnte, für seinen Erhalt zu kämpfen. Wenn die englische Gesellschaft angesichts der deutschen Bombenanschläge zusammengerückt ist und trotzigen Durchhaltewillen bekundete, dann eben nicht, wie Friedrich und andere Deutsche es nahe legen, weil sie wegen des täglichen Bombenterrors gar nicht anders konnte; der Widerstand der britischen Zivilbevölkerung verdankte sich der Mobilisierung einer gesellschaftlichen Moral, die man schlicht und einfach antifaschistisch zu nennen hat. In Deutschland dagegen hätten eigentlich ganz andere Reaktionen auf die Bombardierungen erfolgen müssen, hätte es dort ein ganz ordinäres Bedürfnis nach Zivilgesellschaft gegeben. Wäre es wirklich so gewesen, wie linke und rechte Ideologen behaupten, daß die Deutschen in ihrer Mehrheit wie gelähmt im Zeichen des Naziterrors, den sie nicht wünschten, erstarrt wären, dann hätten die Bomben gegen die Durchhaltemoral ganz anders einschlagen müssen, als die deutschen Bomben in London. Dann wären die Industriearbeiter aus den Städten geflohen, dann wäre es möglicherweise zu chaotische Fluchtbewegungen im ganzen Land gekommen. Das hatte den Engländern vorgeschwebt, in Millionen abgeworfener Flugblätter haben sie die deutsche Zivilbevölkerung darauf hingewiesen, daß alle Industriestädte Kriegsschauplatz seien und die Zivilbevölkerung gut daran täte, sie zu verlassen. Daraus wurde nichts, das Regime hatte kaum Probleme mit Absentismus. Statt dessen wurde, Friedrich beschreibt es mit Bewunderung, ein kollektives Luftschutzsystem organisiert, das nicht nur die Zahl der Toten relativ niedrig hielt, sondern auch ermöglichte, unter unvorstellbaren Bedingungen unter der Erde zu vegetieren, um tagsüber unverdrossen für den Endsieg weiter zu arbeiten. Die Partei zeigt in dem Solidarwerk Flagge; es wurde die „zweite Machtergreifung“ genannt. Die Macht über die Nöte kittet Volk und Regime erst recht aneinander. (S. 437) Einer Bunkergesellschaft, deren Moral noch 1944 auf die Losung „Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht“ gebracht wurde, konnte Bomber Harris nicht beikommen, das moral bombing ist an der German moral gescheitert. Aber hätte er nachlassen sollen, als er es wissen mußte, Anfang 1944 etwa? England wollte die Invasion vorbereiten und wollte den eigenen Jungs und den verbündeten Amerikanern bei Landung und Eroberung Deutschlands keine allzu hohen Verluste zumuten. England stand zudem ab 1943 unter dem Eindruck immer genaueren Wissen über die unfaßbaren Greuel, die die Deutschen angerichtet hatten. Auch wenn man sich bis Ende 1944 der Tatsache des Holocaust weitgehend verschloß, aus der Sowjetunion erfuhr man nach Stalingrad in welchem Zustand zurückerobertes Gebiet sich befand. Mitleidlosigkeit gegenüber einer „Zivilbevölkerung“, aus deren Mitte heraus ja nicht nur die Barbaren gekommen waren, die auf dem Rückzug möglichst alles vernichteten, sondern aus der eben auch all die Produktion zum Weitermorden und der Staat, der es organisierte, hervorging, war mit kriegsentscheidend. Da nutzen die Kinder von Bethel nichts, die genauso unschuldig sind wie alle anderen Kinder auch, da vermag das erschütternde Einzelschicksal nichts auszurichten, außer den Boden für Kitsch, Lüge und Betroffenheit für die falsche Sache zu mobilisieren, Erkenntnisse wie dieses etwa: Die Ortseinwohner kämpften um ihr Überleben. Aber bekämpften niemanden, waren dazu weder willens noch gerüstet, und es existierte bis dahin auch kein Kriegsbrauch, der sie einer Waffengewalt aussetzte. (S. 63)

 

Das Buch zur rechten Zeit

Was den Friedrich zu seinem Buch und die Deutschen zur großen nationalen Aussprache treibt, ist nur allzu verwandt mit jener Moral, der nicht einmal mit Bomben beizukommen war. Jetzt, wo sie wieder dürfen, fühlen sie sich wieder eins mit ihrer Geschichte, ihren Städten, ihren Opfern, ihrem Weg eben. Mit Jörg Friedrich bezwecken die Deutschen, den letzten Rest feindlicher Lufthoheit über deutsche Selbstvergewisserung zurückzudrängen, den aggressiven Schlag zu landen gegen ein Geschichtsverständnis, das heute noch in machen Ländern und in Millionen Köpfen von der deutschen Tat bestimmt ist, und es zugunsten der Gegenerzählung vom deutschen Leid zu neutralisieren. Der Aufstand gegen Gesittung und Zivilisation bestimmt nicht nur Jörg Friedrichs Geschichtsbild, es ist auch die praktische Handlungsanweisung, endlich mit einer Aneignung zu beginnen: Die taktische Aneignung der Geschichte ist eine leere Klage, auch wenn sie schon Goethe führte. Der Aneigner ist Subjekt und darum subjektiv. Es gibt auch eine nichtangeeignete Geschichte, wie die des großen Brandes. Auch das ist ein subjektives Nicht-wollen. Den Unwillen zweier Generationen erklärt die Zeit. Es war nicht die Zeit dafür. Doch die Zeit, das, was wechselt, wechselt auch die Aneignung der vergangenen Zeit. (S. 218) Das ist kein Deutsch, und der Autor ahnt mehr als daß er wüßte, was sein Gestammel will: die Aneignung der deutschen Leidensgeschichte für neue unerhörte Taten. Wo Friedrich den Auftrag nur verschwommen formuliert, wissen Leser und Feuilleton mühelos anzuknüpfen.

Der ewig Zu-Kurz-Gekommene, Walter Kempowski, dem zunächst Günther Grass mit dem Krebsgang die Schau gestohlen hat und jetzt, kaum ein Jahr später, Jörg Friedrich, meint: „Aber dringt das wirklich in die Tiefe? Gehen die Menschen, die dieses Buch oder andere Bücher gelesen haben, danach zu dem alten Flüchtling im Nachbarhaus, der Haus und Hof im Osten verloren hat? Zu der Kriegerwitwe, die ihren Mann verloren hat und ihre beiden Söhne? Gehen die Menschen, die keine Erinnerungen an den Bombenkrieg mehr haben, ins Altersheim und fragen nach?“ (Welt, 12.12.02) Genau das ist es nicht: Mitgefühl miteinander hatten die Deutschen noch nie, ein kollektives Gefühl gegen die anderen dagegen sehr wohl. Kempowski geht im gleichen Interview daher schon einmal den entscheidenden Schritt weiter: „Die Leser nehmen es zur Kenntnis, wundern sich über das barbarische Tun, ganze Städte auszuradieren, erinnern sich vielleicht an eigene Erlebnisse. Aber irgendwelche politischen oder gesellschaftlichen Folgen wird das Buch nicht haben.“ Da ist sie, schon drohend aufgebaut, die ewige Klage über Vergeblichkeit in der Aneignung der eigenen Geschichte wegen unterbleibender Folgen.

Indes, der öffentliche Auftritt Jörg Friedrichs im restlos überfüllten Veranstaltungssaal der Berliner Urania beweist es, Deutsche Geschichtsaneignung auf der Höhe der Zeit ist wieder möglich: „Ein Trauma. Das Wort fällt oft an diesem Abend. Zum Beispiel von dem 1926 in Hamburg geborenen Zuhörer, der eigens für den Vortrag und die Diskussion angereist ist. Er hatte die Bombardierung Heilbronns erlebt und bei der Bergung der Leichen mitgearbeitet – eine Erfahrung, die ihn bis heute nicht losläßt. ‚Der Afghanistan-Krieg hat mir klargemacht, daß sich wiederholt, was ich vor mehr als 50 Jahren erlebt hatte.‘ Durch Afghanistan hatte er überhaupt erst gemerkt, ‚daß ich auf einem Trauma sitze’“. (Tagesspiegel, 27.11.2002) Daß nur die Aggression gegen die nachkommen der Zivilisationsvernichter das Trauma zu verscheuchen vermag bestätigt schließlich die FAZ vom27.11. unter dem von Friedrichs Sprache inspirierten Titel Aschenreste: „Denn es vereint sich das lange als notwendig erachtete Schweigen über den Schrecken und die Schuldfrage des Bombenkriegs mit einem neuen, aus der Skepsis gegenüber Amerika erwachsenden Selbstbewußtsein in Deutschland. Daß Präsident Bush zu den größten Bewunderern Churchills zählt, paßt da perfekt ins Bild. Daß es zudem Walt Disneys Zeichentrickfilm Victory Through Air Power gewesen sein soll, mit dem der britische Premier den zaudernden Roosevelt 1943 auf der Konferenz von Quebec für seine Bombenkriegsstrategie gewann, läßt Churchills Bild und Amerikas Klischee zu einer dämonischen Fratze verschmelzen.“ Was die Zeitung für Deutschland fertig bringt, gelingt der Zeitung für Ägypten allemal. Der Schriftleiter der ägyptischen Tageszeitung Al Ahram und Übersetzer der Rommel-Memoiren ins Arabische, Anis Masour, schrieb über Friedrichs Brand : „Der Historiker entschuldigt die Greueltaten Hitlers nicht. Er will lediglich zeigen, dass Churchill schlimmer war als Hitler, ohne dass man ihn dafür gehängt hätte. Dieses Buch aber liefert die Begründung für eine Verurteilung ihn zu hängen, zu verbrennen, so wie sie es mit den Deutschen gemacht haben.“ (Undatiertes Zitat aus Welt, 19.12.02) Nun steht ja alles dafür, daß der Churchill-Fan Bush mit Walt Disney im Handgepäck nicht nur im Irak ein den Menschen freundlicheres Regime herbeizwingen wird und dadurch nicht zuletzt auch den Anis Masours der djihadistischen Welt eine etwas leisere Gangart abnötigen könnte. Dieser Krieg, der wahrscheinlich ohne die von interessierter Seite vorhergesagten Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung ausgehen wird, von der Bush recht gut weiß, daß sie keine deutsche Wehrwolfgemeinschaft ist, dürfte auch geeignet sein, dem Traum vom deutschen Europa für absehbare Zeit einen Riegel vorzuschieben. Sollten die Deutschen sich das aber keine Lehre sein lassen und schon weil das Wohlstandspolster schmilzt, genauso wie jeder dahergelaufene Islamist weiter zündeln und schließlich aus Trotz über das Scheitern ihres Weges in Europa und anderswo sich wieder zusammenschließen zur Durchhaltegemeinschaft der Opfer von Ausrottung, sollten sie also tatsächlich ihre dämonische Fratze wieder praktisch zeigen wollen, dann kann man nur auf die schon vor 12 Jahren geprägte Forderung, „Bomber Harris, do it again!“ beharren und hoffen, daß sich ein new europe zusammen mit den USA nicht von seiner Appeasement-Linken zurückhalten läßt, wie schon einmal.

 

Justus Wertmüller