Redebeiträge anläßlich der Demonstration zum 58. Jahrestag der Niederschlagung des Nazi-Faschismus am 8. Mai 2003 in Berlin unter dem Motto: „Ohne Befreiung keine Revolution!“

 

Nach dem Auftaktbeitrag folgen unten die Redebeiträge:

Vor der russischen Botschaft

Vor der britischen Botschaft

Vor der französischen Botschaft

Vor der US-Botschaft

 

 

Auftakt auf dem Bebelplatz

 

Unser Treffpunkt, der Ort an dem am 10. Mai vor siebzig Jahren Bücher verbrannt wurden, ist dieser Tage einmal mehr Anlaß zur Präsentation eines geläuterten Deutschlands, welches sich voller Abscheu an die Untaten der Nazis erinnert. Wir haben uns für diesen Ort entschieden, weil er für die deutsche Absage an die Zivilisation steht – und für zwölf Jahre, in denen die Deutschen zu sich selbst fanden, bevor mit der bedingungslosen Kapitulation vom 8. Mai 1945 dem Furor germanicus eine Grenze gesetzt wurde. Es war zu spät, das Verbrechen war geschehen. Wir wollen hier an dieser Stelle den Opfern der Nazi-Barbarei gedenken, wobei Gedenken angesichts von Auschwitz heißt, die Verstörung nicht abzuwehren.

 

Mit dem 8. Mai 1945 wurden wenigstens formal die Voraussetzungen geschaffen, die es zumindest theoretisch ermöglichen, die postfaschistischen Zustände wenn schon nicht abzuschaffen, so doch in dieser Absicht zu kritisieren. Eingedenk der Tatsache, daß die Niederlage des Nationalsozialismus in erster Linie eine militärische war, die das ausführende Organ des Verbrechens: die deutsche Volksgemeinschaft, unangetastet ließ, will diese antifaschistische und antideutsche Demonstration ins Gedächtnis rufen, daß es die Alliierten waren, die Deutschland 40 Jahre lang in Zaum hielten. Und die ehemaligen Alliierten wollen wir an ihre historische Erfahrung erinnern, daß jedes Containment und jedes Appeasement in Bezug auf Deutschland regelmäßig in die Katastrophe führt. Die deutsch fühlenden und denkenden Bürger der Hauptstadt der Berliner Republik wollen wir voller Freude noch einmal darauf aufmerksam machen, daß sie als die größte Friedensbewegung aller Zeiten mit dem Kanzler an der Spitze gerade einen Krieg verloren haben.

 

Sie alle: die Friedenslappenraushänger und Untergangspropheten, die Korangelehrten und die Falschgläubigen, die Friedensschüler und die rotgrünen Gewerkschafter, die Pfäffinnen und die Friedensärzte, die Bischöfe und die Päpste, heißen sie Johannes Paul oder Slavoi Zizek, die Popstars und die Arbeitslosen, die Horst-Eberhard-Richters und Claudia-Roths, die Linken und die Nazis, sie alle haben zusammen mit Saddam Hussein und seinem Racket diesen Krieg verloren. Nicht daß sie sich eingestehen würden, sich geirrt zu haben, als sie zwischen 50.000 und 1 Million Tote prognostizierten; nicht daß sie bemerken, wie sehr sie sich blamiert haben, und womöglich gar beschämt sind – aber dennoch kratzt das Wissen um die Niederlage ihr nun gerade neu gefundenes Selbstbewußtsein an.

 

Die Bilder, die das Fernsehen am 9. April 2003 aus Bagdad und aus kurdischen Städten zeigte: die Freude in den Gesichtern derer, die man hierzulande lieber als Opfer des Volkskrieges oder wenigstens als grimmige Islamisten gesehen hätte, können Deutsche nicht verstehen, denn sie empfanden den 8. Mai 1945 zusammen mit ihrer Führung als Niederlage. Hitler lasteten sie allenfalls sein Versagen an. Besonders kritische Geister wollen uns darauf hinweisen, daß dieser Vergleich den von Hitler und Hussein impliziere, und bezichtigen uns des Geschichtsrevisionismus. Gleichzeitig kritisieren sie auch den Vergleich von Hitler mit George W. Bush und meinen so den Ausgleich geschafft zu haben, den sie an jeder Frage suchen, welche die Gegenwart an sie stellt. So waren diese Leute weder für noch gegen den Krieg, so sind sie zwar für Israel, aber gegen dessen militärische Verteidigung, sie sagen, sie seien solidarisch mit allen Opfern, aber offensichtlich nur solange sie auch Opfer bleiben und keinen irakischen Paß besitzen.

 

Wie jeder x-beliebige Deutsche ist man in diesen Kreisen auf das Opfer fixiert, das in Wirklichkeit man selbst ist. Wohl auch deswegen sind sie heute vor die Neue Wache gezogen, seit 1993 das Symbol für die Einopferung der Täter. Selbstverständlich lehnen sie das ab, aber sie kommen zehn Jahre zu spät. Vor zehn Jahren hatte der Protest den Sinn, die plötzlich nach der Wiedervereinigung um sich greifende Erinnerungsmanie zu denunzieren; aber der Schritt ist längst getan, die Berliner Republik ist das geläuterte Deutschland, das nicht einmal mehr die Neue Wache nötig hat: jetzt gedenkt man gleich der ermordeten Juden. Aber das Zuspätkommen hat Sinn und Zweck: Es entbindet von der Verantwortung, zu dem Stellung zu nehmen, was heute ist. Man kann sich sicher sein, Recht zu haben, und muß doch niemandem weh tun. Es sind übrigens zum Teil die gleichen Gruppen, denen der schnelle Sieg der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten es ermöglichte, am 1. Mai einen Israel-Solidaritätsblock auf einer der beiden antiamerikanischen Demonstrationen durchzuführen. Wäre der Krieg noch im Gange gewesen: nicht nur die Berliner Anti-Nato-Gruppe hätte das zu verhindern gewußt. Aber die rechtzeitige Niederlage des Baath-Regimes nahm dem deutschen Friedenswahn die Spitze, und dennoch: kein positives Wort über die Befreiung des Irak im Aufruf dieser Gruppen zum 8. Mai, und das, obwohl es doch nun wirklich nichts mehr kostet.

 

Wie immer liegt die Wahrheit im Gegenteil: In diesem Jahr am 8. Mai auf die Straße zu gehen ohne Sympathie für die irakische Bevölkerung, die gerade das Ende faschistischer Herrschaft feiern konnte, heißt die Lehren aus dem 8. Mai zu verleugnen, heißt sich gemein zu machen mit Deutschland, von dem man sich wortreich, aber inhaltsleer zu distanzieren trachtet. Gerade in Anerkennung der Unterschiede des 8. Mai 45 und des 9. April 03 muß es doch auffallen: in Deutschland das Gefühl der Niederlage, das sich ausgerechnet am Tag der Befreiung Bagdads reaktualisierte; im Irak das Gefühl der Befreiung, in dem sich vermittelt, daß das Baath-Regime im Gegensatz zum Nazi-Faschismus eine Diktatur gewesen war. Liegt nicht zumindest die Vermutung nahe, daß Deutschland deswegen Saddam Husseins Herrschaft nachtrauert, weil in ihr das Potential zum Radikalfaschismus lag, die Möglichkeit zum Vernichtungsantisemitismus der Tat?

 

Wer den Antiamerikanismus hingegen als bloßen Ausdruck der Konkurrenz zweier kapitalistischer Blöcke begreift, wehrt nicht nur die Erkenntnis ab, daß die Beseitigung des Baath-Regimes eine Befreiung ist, er oder sie oder es verleugnet damit auch die Notwendigkeit des Krieges gegen Nazi-Deutschland: So war nun auch wieder zu hören, die USA handelten damals aus Konkurrenz-Interessen und aus Antikommunismus. Ganz abgesehen davon, daß über Motive zu sprechen sich angesichts des deutschen Menschheitsverbrechens eigentlich von selbst verbietet: Die zur bloßen Rationalisierung verkommene Kapitalkritik drückt eben doch nur die alte deutsche Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung aus, nach Blut und Boden, nach Scholle und Gemeinsinn. Ihr Kommunismus ist die Gemeinschaft, in der auch sie mal die Chefs sein und ihre sadistische Neigung nach Terror und Säuberung ausleben dürfen.

 

Dagegen ist Donald Rumsfelds Kommentar zu den Plünderungen nach der Befreiung Bagdads: „Freedom’s untidy“, Freiheit ist unordentlich, ein antifaschistisches Bekenntnis. In diesem Sinne wollen wir heute den Tag der Befreiung begehen. Wir freuen uns über eine weitere deutsche Niederlage; wir feiern das Ende des faschistischen Regimes im Irak; wir empfinden Dankbarkeit für die ehemaligen Alliierten, und wir begrüßen es, wenn die Vereinigten Staaten die antifaschistische Mission heute weiterführen.

 

Wir demonstrieren in Solidarität mit Israel, wo heute der 55. Jahrestag der Staatsgründung gefeiert wird, für die entschlossene und gewaltsame Niederschlagung jedes Versuches, die deutsche Vernichtungstat zu vollenden. Noch keiner von denen, die ihre Kriegsgegnerschaft mit der Sorge um Israel begründeten, übte öffentliche Selbstkritik für diese Fehleinschätzung – weil es eben keine Fehleinschätzung war, sondern das kalkulierende Ressentiment, die in Sorge gewandete Sehnsucht nach Giftgasraketen für Israel.

 

Wir demonstrieren in Solidarität mit den Ländern des neuen Europa, die aus ihrer historischen Erfahrung die Konsequenz gezogen haben, heute an der Seite der USA zu stehen, gegen das deutsch-französische Bündnis mit dem islamischen Faschismus. Wir solidarisieren uns mit der Polnischen Republik, die an der Seite ihrer Alliierten im Irak für die Sicherheit der kurdischen Bevölkerung sorgen wird, egal wie der deutsche Bundeskanzler, die deutsche Oppositionsführerin, der deutsche Außenminister, die deutsche Friedensbewegung und die deutschen Zeitungen das finden. An Polen tobt sich die Enttäuschung über den verlorenen Krieg als Wut aus, die eigentlich den USA gilt. Wir erinnern daran, daß noch in den letzten Kriegstagen 20.000 polnische Soldaten im Kampf gegen die vollends entfesselte Volksgemeinschaft fielen und daran, daß neben der sowjetischen auch die polnische Fahne am 8. Mai 45 über Berlin wehte.

 

Wir demonstrieren gegen den falschen Antifaschismus, der aus der Losung „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ das konterrevolutionäre Motto „Nie wieder Krieg gegen Faschismus!“ machen möchte; gegen die Inanspruchnahme des Kampfes gegen die Nazi-Barbarei für antiamerikanische und antiisraelische Zwecke.

 

In diesem Sinne:

Antifa heißt Luftangriff!

Ohne Befreiung keine Revolution!

 

Tjark Kunstreich für das Berliner Bündnis gegen IG Farben

 

 

 

 

Vor der russischen Botschaft:

 

Als am 1. Dezember 1943 in Teheran die Dreierkonferenz der Vereinigten Staaten, der UdSSR und Großbritanniens endete, auf der die Eröffnung einer zweiten Front gegen Deutschland im Westen beschlossen wurde, erklärten Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Jossif Stalin gemeinsam: „Wir kamen hierher voll Hoffnung und Entschlossenheit. Wir gehen fort von hier als Freunde in der Tat, im Geist und in den Zielen.“ Lang, lang ist‘s her. Lange auch, daß die Vereinigten Staaten angesichts der deutschen Invasion 1941 der Sowjetunion umfangreiche militärische erste Hilfe gegen den gemeinsamen Feind leisteten. Der sogenannte Große Vaterländische Krieg zur Niederringung Deutschlands hat den Menschen der ehemaligen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken unermeßliche Opfer aufgebürdert. Und es ist heute hier die Zeit und der Ort, den Menschen zu gedenken und zu danken, die der deutschen Barbarei ihr verdientes Ende bereiteten. Aus der leidvollen Erfahrung der sowjetischen Bevölkerung hat sich eine antifaschistische Lehre ergeben, die kurz und bündig aber eindringlich lautet: Nie wieder Containment, nie wieder Appeasement, nie wieder Abwarten, damit sich ähnliches nicht wiederholen kann.

 

Tatsächlich kann man trotz aller unerfreulicher Begleiterscheinungen hinter und vor dem Eisernen Vorhang nicht ernsthaft in Abrede stellen, daß die UdSSR ihrer antifaschistischen Tradition zeitlebens treu geblieben ist. Sicherlich ist es unverzeihlich, daß man 1967 von Israel abrückte und auf die Arabische Liga zuging. Gerade aber der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan steht in dieser ruhmreichen Tradition, wie man in Rußland zu sagen pflegt. Auch war es nicht nur slawophile Neigung, die Rußland beim deutschen Versuch der Zerschlagung des Vermächtnisses Titos an der Seite der Bundesrepublik Jugoslawiens stehen ließ. Um so unverständlicher ist es, daß man bezüglich des Baath Regimes Saddam Husseins feststellen muß: die russische Appeasement-Politik gegenüber dem faschistischen Regime im Irak steht ganz und gar nicht in der sowjetischen bzw. russischen antifaschistischen Tradition. Mehr noch: Rußland hat bis zuletzt das Baath-Regime unterstützt und damit schwere Schuld auf sich geladen.

 

In Rußland nennt man Putin den „Deutschen“. Will man deshalb in der russischen Politik auf deutschen Wegen wandeln? Nun, es ist wohl an der Zeit, aus diesem Kosenamen für den russischen Präsidenten auch in Rußland wieder ein Schimpfwort zu machen. Das heißt, es bedarf der sofortigen Abkehr von Überlegungen einer Achse Paris-Berlin-Moskau wie es auch der Möchtegern-Kanzlerberater Jürgen Elsässer unisono mit dem Antisemiten Emmanuel Todd als Kampfansage an die USA empfiehlt!

 

Sagen wir es klipp und klar: das antifaschistische Rußland gehört an die Seite Großbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika. Deshalb soll der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, daß sich Rußland an Polen orientiert und sich einer gemeinsamen transatlantischen Achse von neuem Europa und Neuer Welt gegen Frankreich und Deutschland anschließt.

 

Wie stellten Churchill, D. Roosevelt und Stalin gemeinsam fest?: „Freunde in der Tat, im Geist und in den Zielen.“ Der 8. Mai 1945 mahnt und der 9. April 2003 in Bagdad verwarnt: Mütterchen Rußland, du gehörst an die Seite von Großbritannien und der Vereinigten Staaten von Amerika.

 

Warum dieses Dreier-Bündnis so wichtig ist, um Deutschland in Schach zu halten, davon zeugt einmal mehr eine Unglaublichkeit, die man, weil man sich zwangsläufig daran gewöhnen muß, in der 8. Mai-Ausgabe des ideellen deutschen Gesamt-Antiimperialisten, der Süddeutschen Zeitung, allzu leichtfertig als Bagatalle abtun könnte: Auf einer ganzen Seite wird dort anläßlich des Sieges der Roten Armee in deutscher Erinnerungskultur gemacht: Unter der Überschrift „Drei Frauen und ein Tagebuch – was beim Einmarsch der Roten Armee 1945 in einem Dorf in Vorpommern geschah“, leitet die Süddeutsche die Story von Seite drei so ein: „Die Monate, in denen Hitlers Verbrechen auf die Deutschen zurückschlugen, erlebten die Menschen (...) als Schreckenszeit, die ihr Leben prägte.“ Wie sich eine linke Zeitung das Zurückschlagen von Hitlers Verbrechen auf uns Deutsche erklärt, verdeutlicht die Süddeutsche so: „Was haben meine Brüder in Russland gemacht, daß die so über uns herfielen?“, läßt man eine alte Frau aus Meck-Pomm fragen und berichtet weiter: „Sie hat die Brüder also gefragt und sie haben geantwortet: Nein, Schwesterchen, keine Frauen angefaßt, ,die waren uns auch viel zu dreckig.’“ Wer nicht glaubt, so etwas am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Niederlage in einer der größten deutschen Tageszeitungen und nicht in einem NS-Schmuddelblatt lesen zu können, der besorge sich besagte Ausgabe und nehme zur Kenntnis, was eine deutsche Zeitungsredaktion am Jahrestag des 8. Mai 1945 ganz besonders bewegt.

 

Sören Pünjer

 

 

 

 

Vor der britischen Botschaft

 

Weil die Gerüchte wieder umgehen dies vorab:

Justus Wertmüller sagte vor seinem eigentlichen Redebeitrag auf der Zwischenkundgebung vor der britischen Botschaft folgendes: „Um ein hartnäckiges Gerücht zu zerstreuen. Die Veranstalter der 17.00 Uhr Kundgebung vor der Neuen Wache und der antideutsche und kommunistische Aufruferkreis dieser Liberation Rally sind keine Konkurrenten. Konkurrenten sind nämlich Leute, die im Wettbewerb um die Erringung des gleichen Zieles mit unterschiedlichen Mitteln antreten. Davon kann hier keine Rede sein. Das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus ist ein ganz ordinäres Bündnis für den deutschen Frieden. Sie sind und waren Bestandteil der deutschen Friedensbewegung gegen die USA und Israel. Wer es nicht glaubt, der gehe ins Netz und lese nach, was BgAA und gruppe venceremos für ein Arrangement mit den deutschen Verhältnissen getroffen haben. Wir sind also keine Konkurrenten dieser Zuckermann-Freunde gegen Israel, sondern ihre kompromißlosen politischen Gegner.“

 

Redebeitrag

 

Großbritannien, die dritte Siegermacht über den Nationalsozialismus ist in linker Antifaschismus-Rezeption merkwürdig randständig vertreten, im linken Unbewußten dafür umso mehr.

 

In der stalinistisch geprägten Geschichtsklitterung, jener antiimperialistischen Sicht auf die Welt, die in nachsozialistischen Zeiten den europäischen Blick schärft, kommt der bürgerliche Antifaschismus eines Winston Churchill nicht vor. Wie sollte man auch erklären, daß zwischen 1939 und 1941, als die Sowjetmacht mit dem Führer kungelte, Großbritannien die einzige relevante Macht war, die sich mit Deutschland im Krieg befand, als Nation ums Überleben rang und in diesen entscheidenden Jahren das einzige kämpfende antifaschistische Land war. Es kann nicht ins antiimperialistische Weltbild passen, daß es unter der Führung eines scheinbar völlig anachronistischen Vertreters völlig rückschrittlicher Überzeugungen einer Nation gelingt, einen fünfjährigen Krieg gegen den Faschismus durchzustehen und ihn zu gewinnen. Der Haß auf Churchill, der als die Ausgeburt einer verrotteten, auf dem berüchtigten Müllhaufen der Geschichte gelandeten Klasse oder besser: Kaste vorgestellt wird, korrespondiert mit der blamierten Hoffnung auf den kommunistischen Sieg über den Faschismus. Es war der Reaktionär Churchill, der schon vor dem Münchner Abkommen wußte, daß der Krieg mit Deutschland unvermeidlich wäre. Es war der Konservative Churchill, der anders als die britische Linke die Nation auf den antifaschistischen Krieg einschwor. Es war der Aristokrat Churchill der zusammen mit der königlichen Familie überzeugendes antifaschistisches Symbol der ganzen Nation wurde zu einem Zeitpunkt als Stalin von Deutschland ermächtigt in Finnland einen Winterkrieg führte und Roosevelt sich gegen die Angehörigen anderer politischer Lager noch nicht durchsetzen konnte, die von der Notwendigkeit des Kriegseintrittes zu überzeugen erst Pearl Harbour schaffte.

 

Das Paradox des britischen Antifaschismus scheint auf eine seltsame Randlage des alten Empires zurückzugehen. In Großbritannien, das ideologisch einer äußerst dürftigen Vernunftphilosophie anhing, die alles dem freien Unternehmertum und einem möglichst entfernten Staat überantwortete, bildete sich ein Kult ums Individuelle heraus, dem sich auch der kleine Mann annahm. In Großbritannien leistet man sich bis heute die überkommenste Staatsform, die Monarchie, ohne je die letzte Entscheidung dem Potentaten in die Hände zu legen. Als Monarchie installierte man das beste, was der Liberalismus hervorbringen konnte: Ein Parlament in dem noch heute erbittert gestritten wird, ein Gesetzgebungsverfahren, das pragmatisch nach Bedürfnislage regelte und niemals den großen Wurf zu machen sich berufen fühlte. Der britische common sense, der zwar den Klassenkampf privatisierte und der Wohlfahrtsstaat installierte, ging gleichwohl nie dem sozialdemokratischen Heilsversprechen der Volkswohlfahrt völlig auf den Leim. Großbritannien hat es daher weder zum ausgeprägten Parteikommunismus stalinistischen Zuschnitts gebracht – bis heute gibt es keinen anderen – noch zu einer faschistischen Massenbewegung. Dieses Land konnte anders als Frankreich mit seiner etatistischen Tradition auf Bürgertugenden aufbauen, die deshalb funktionieren, weil das wohlverstandene persönliche Interesse den Volksgenossen im Bürger ins Abseits stellt. Daher war in England der Antifaschismus als Bündnis von oben und unten installierbar und gegen eine weit verbreitete und völlig verständliche Kriegsmüdigkeit glaubwürdig durchzusetzen. Die Massen mochten einfach keine Volksgemeinschaft, sie verstanden nicht, warum der Antisemitismus Regierungsprogramm sein sollte, sie waren als das älteste Industrieproletariat auch keineswegs für den ehernen Sound der Maschinen und sonstigen Produktivitätskultus, der immer nur Arbeit, Arbeit, Arbeit schreit, zu begeistern. Alles was den Stalinismus in die Nähe des NS brachte wurde in England intuitiv abgelehnt und weil man anders als die USA nahe am Geschehen war und ihm niemals entgehen konnte, entschied man sich. Der Prolet und der Premier das Dienstmädchen und die royal family.

 

Das kollektivistische Bewußtsein deutscher Friedenshelden kann das nicht verstehen - verstanden haben sie alle etwas anderes: den englischen Krieg. Auch jene, die wie die Hamburger Konkret-Redaktion niemals Tränen für Dresden vergießen oder dem Jörg Friedrich und seinem Brand zustimmen würden, reden im antibritischen Jargon, der ihnen immer dann über die Lippen kommt, wenn es um Bomben auf „Unschuldige“ geht, wenn Kollateralschäden zu verdammen sind, zu denen es dann wunderlicherweise nie kommt, wenn ganze Städte niedergebrannt werden, die entweder schon kaputt waren (Kabul) oder ganz blieben (Bagdad) und die Zivilbevölkerung ausradiert zu werden droht – wenn also auf gut Antiimperialisten-Deutsch gelogen werden muß, will man weiter mitmischen in der linken Deutschland-Bewegung –, dann lügen sie deutsch, dann folgen sie ihrem antibritischen Affekt, der mit Winston Churchill und Sir Arthur Harris verbunden ist. Dann wissen sie als Deutsche, also als Antiimperialisten aus innigster Überzeugung, das zu unterscheiden sei zwischen blutigem Machtkalkül und ehrlicher Überzeugung, zwischen bösem Willen und aufrichtiger Tat. Dann wird die Hamburger Ruhrstraße anschlußfähig zu den Mehrheitsdeutschen, die wissen, daß Großbritannien nicht antifaschistisch war 1939 bis 1945, sondern um des Erhalts eines morschen Systems willen zynisch die Deutschen ausradierte, die immerhin als Idealisten aufgebrochen waren in den zweiten Weltkrieg und zur Judenvernichtung.

 

Der englische Krieg war der Bombenkrieg. Er hat nicht nur einigen zigtausend Deutschen das Leben gekostet, sondern darüber hinaus der Welt vorgeführt, wie unbeirrbar diese Deutschen hinter ihrer Führung genau dann standen, als alles verloren war, die Zukunft nur eine schnelle oder eine weit entfernte Niederlage bereithielt, und jeder weitere Tag des Krieges den Deutschen selber unendlich schadete. Das moral bombing und die deutsche Heimatfront die es nicht brechen konnte, ist letzte Auskunft über den Antiimperialismus, wenn er einmal an der Macht ist.

 

Erinnern wir uns aber nicht nur an Winston Churchill, sondern auch an Margaret Hulda Thatcher und sprechen von Tony Blair. Maggie Thatcher hat 1982 die britische Flotte in Bewegung gesetzt und einen kleinen Krieg gegen Argentinien, wegen einiger völlig unbedeutender Inseln, den Falklands, geführt und gewonnen. Es ging damals nicht so sehr um diese Inseln, die Argentinien überfallen und besetzt hatte, sondern um einen der frechsten Versuche des globalen Antiimperialismus von sich als Befreiungsbewegung reden zu machen. Damals war es das faschistische Obristenregime in Argentinien unter General Videla - eine Terrorherrschaft, der abertausende Linke und Proleten zum Opfer gefallen sind -, das den Saddam machte. Politisch am Ende verbündeten sich die Generäle mit ihren sozialistischen und kommunistischen Opfern in Argentinien und den Linken weltweit zu einem antikolonialen Freiheitskrieg, und alle Menschen guten Willens vom kolumbianischen Nobelpreisträger Marquez bis zum sozialdemokratischen Erzbischof von Canterbury, machten Front gegen die Regierung Thatcher, die sich die kleinen Inseln zurückholte, auf denen es außer Schafen und einigen britischen Schafzüchtern nichts gibt. Das antibritische Bündnis mit dem antikolonialen Faschismus war damals schon Vorschein der Höllenfahrt in die Barbarei, die die Linke weltweit anzutreten im Begriff war. Es war nur noch Großbritannien unter Maggie Thatcher, das diesem Bündnis von Opfern und Henkern, von Faschismus und Antiimperialismus bewaffnet entgegentrat.

 

Und niemals sollte man im Zusammenhang mit Margaret Hulda Thatcher vergessen, daß sie 1990 eine Kommission einberief, die untersuchen sollte, ob ein wiedervereinigtes Deutschland friedensfähig sei. Daß sie nicht daran glaubte, weiß man, und darüber ist sie gestürzt.

 

Bleibt Tony Blair, einer, der erst gestern in dem deutschen Antiimp-Magazin für Zeitgeistritter, Subtropen, das natürlich der Jungle World beiliegt, als „Kriegsverbrecher“ beschimpft wurde. Wie die im Zweiten Weltkrieg geknüpfte britisch amerikanische Waffenbrüderschaft die Jahrzehnte in der politischen Klasse Großbritanniens überlebt hat, wie ausgerechnet der Bilderbuchopportunist Blair entgegen der Massenstimmung und insbesondere der Stimmung in der eigenen Partei dazu gekommen ist, gegen Old Europe führend der Koalition der Willigen an der Seite der USA beizutreten, darüber kann nur gemutmaßt werden. Ob diese richtige Entscheidung in der Tradition Churchill-Roosevelts hält, was sie verspricht, darf bezweifelt werden. Es sind Leute aus dem Dunstkreis der Regierung Blair wie der Außenminister Straw, die nach dem Krieg auf die europäische Karte und gegen Israel setzen. Es ist die intellektuelle Basis von New Labour, die offen antisemitisch den Boykott des Wissenschaftsaustauschs mit Israel propagiert und teilweise auch durchsetzt. Tony Blair nannte diese Kampagne „disgusting“. Hoffen wir, daß er nicht schon demnächst zusammen mit disgusting Gerd und dirty Joschka roadmaps für Palästina und gegen Israel durchzusetzen versucht. Hoffen wir, daß ihn nicht demnächst das Kampfblatt für EU, UN und den Islam, die Subtropen doch noch in die Liste der Superhelden aufnimmt und er weiter im antiimperialistischen Gedächtnis als der „Kriegsverbrecher“ erhalten bleibt. Vielleicht sollte er es dem amerikanischen Präsidenten nachtun und ein schönes Bild von Winston Churchill im Arbeitszimmer aufhängen, als dauernde Mahnung vor Old Europe und anderen Freunden des Weltfriedens und des Weltkriegs gegen die Juden.

 

Justus Wertmüller

 

 

 

 

Vor der französischen Botschaft

 

In freudiger Erinnerung an die Niederschlagung des Nationalsozialismus durch die alliierten Truppen sei an dieser Stelle, vor der französischen Botschaft, zunächst der französische Widerstand, die Resistance, gebührend erwähnt. Zeigte doch vor allem die Resistance, nachdem die regulären französischen Truppen von den deutschen überrannt worden waren, dass es im Gegensatz zu den volksgemeinschaftlichen Märchen, welche uns auch heute noch gerne von deutschen Großmüttern und Großvätern aufgetischt werden, durchaus möglich war, gegen die Nazis und ihre Kollaborateure Widerstand zu leisten – den dafür notwendigen Willen und Mut vorausgesetzt. Jedoch war der Anteil an der Befreiung vom Nationalsozialismus gemessen am Anspruch der Grande Nation eher gering. Denn die Resistance erwies sich als zu schwach, um alleine – trotz nicht geringen Rückhalts in der Bevölkerung – gegen Vichy-Frankreich und gegen die Nazibesatzer zu bestehen. Da sich zudem das Vichy-Regime anfangs auf eine breite Unterstützung durch reaktionäre Eliten sowie Militär und Teile der Bevölkerung berufen konnte, gelang die erfolgreiche Gegenoffensive erst, als die amerikanischen Truppen auf dem französischen Festland landeten. Am 25. August 1944 konnte die Resistance Paris zurückerobern, und in Allianz mit den angloamerikanischen Streitkräften wurde bis September 1944 fast ganz Frankreich befreit. In Zeiten des blühenden Antiamerikanismus werden solche störenden Erinnerungen auch in Frankreich gerne vergessen, man muss sich ja in Stellung bringen gegen aktuelle militärische Avancen der USA.

 

Die Franzosen befanden sich jedoch nicht immer im Verlaufe der Geschichte in einer derart misslichen Lage gegenüber den Deutschen wie im zweiten Weltkrieg. Und auch nicht immer im Bunde mit ihnen.

 

Als im Jahre 1789 die Große Französische Revolution aufbrach, die absolutistischen Despoten in ganz Europa das Fürchten zu lehren, erzitterte auch die Reaktion in den Gebieten des  zukünftigen Rheinbundes sowie Preußens. Verhießen doch die folgende Enthauptung des Königs, die Entmachtung von Kirche und Adel sowie die Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keine allzu rosige Zukunft für die alten Machthaber. Die Verhältnisse schienen gewaltig in Unordnung zu geraten: Das im Zuge der Industrialisierung erstarkte, sich seiner Fähigkeiten und Macht mehr und mehr bewusst werdende Bürgertum trat an, das zu vollstrecken, was in heutiger Zeit gerne mit Begriffen wie Egoismus und Interessenspolitik verspottet wird, jedoch für die Emanzipation der Menschheit unabdingbar sein wird: Das selbstbewusste Vortragen eigener Interessen und die Bereitschaft, sie mit den dafür notwendigen Mitteln durchzusetzen. Natürlich waren es die Interessen der Bourgeoisie, auch wenn sie als die Interessen der Menschheit ausgegeben wurden. Aber immerhin wurde in Frankreich vorgemacht, dass die Menschen durchaus in der Lage sein können, ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen und geschichtsmächtig zu agieren.

 

Doch als bald Frankreich unter Napoleon Bonaparte dazu überging, einige Errungenschaften der Französischen Revolution mittels mehrer Kriege gegen das damals wahrlich ,Old Europe‘ zu exportieren, stellte sich heraus, dass die französische Lektion nicht gelernt werden wollte. In den Deutschen Gebieten schrie man Zeter und Mordio und glaubte in Napoleon den Gottseibeiuns nahen. Man entdeckte gegen die von außen herandringende Zivilisation das „deutsche Nationalgefühl“, wie es so harmlos in den Geschichtsbüchern genannt wird. Angestachelt von Fichte und Arndt, den Walsers und Sloterdejks jener Jahre, berief man sich auf die Germanen, die ja schon gegen die Römer sich erfolgreich den Zumutungen der Zivilisation erwehrt hatten, und zog nun gegen den Code Zivil und die Judenemanzipation ins Felde, um, wie es Fichte formulierte, „die Ursprünglichkeit als Deutsche zu wahren“. Arndt avancierte im Zuge dieser ,Befreiungskriege‘ – in diesem Sinne wollen die Deutschen dieses Wort verstehen – zum Stichwortgeber des fortan als Erbfeindschaft bezeichneten Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich, indem er schrieb: „Ich will den Hass gegen die Franzosen nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für lange Zeit, ich will ihn für immer!“

 

Der Sieg dieser reaktionären Kräfte in Europa gegen die Franzosen war somit nur der vorläufige Höhepunkt im Kampf gegen die Moderne verkörpert durch Frankreich, der fortleben sollte im Kampf gegen die Ideen des Liberalismus als auch gegen die aufkommende Arbeiterbewegung und seine Exekution schließlich in der Ermordung der Juden fand. Gemäß dem Marxschen Ausspruch, dass die Deutschen sich nie an einer Revolution beteiligt hätten, sondern nur die folgende Phase der Reaktion bei sich zuließen, setzten sie sich an die Spitze der nun folgenden Reaktion, die eigentümliche Konstellationen hervorbrachte. So zum Beispiel 1871, als das gerade im Sieg gegen Frankreich gegründete Deutsche Reich von der französischen Bourgeoisie – man ist ja nicht nachtragend, wenn es ernst wird – ohne viel Federlesens zu Hilfe gerufen wurde, um den Versuch der Pariser Kommune, die wirkliche Emanzipation praktisch werden zu lassen, die Versprechen der französischen Revolution zu verwirklichen, mit Waffengewalt niederzuschlagen.

 

Seither ist es offenbar ein recht zuverlässiger Indikator für reaktionäre Zeiten, wenn der französische und der deutsche Staat sich anschicken, gemeinsame Sache zu machen.

Die Kollaboration mit den Nazis und die Mitverantwortung des Vichy-Regimes am Judenmord stellen den bisherigen Höhepunkt dieses finsteren Bündnisses dar. Doch auch nach dem 2.Weltkrieg schloss man, wie sich heute herauszustellen scheint, ein Bündnis wider die Emanzipation: Wurde der Elysee-Vertrag, an welchen jüngst mit  pompösen Feierlichkeiten erinnert wurde, 1963 noch im Zeichen der Versöhnung abgeschlossen, so offenbart sich in diesen Tagen der wahre Gehalt der deutsch-französischen Freundschaft. Sei es im Verhältnis zu Israel, gegen das man innerhalb der EU offen mobil macht, oder anläßlich des jüngst erfolgreich geführten Kriegs der Alliierten gegen den Irak, gegen den die beiden Länder eindeutig Stellung bezogen: Die Achse Paris-Berlin wendet sich immer frecher werdend gegen den gemeinsamen Feind jenseits des Atlantiks.

 

Ob die Versuche der USA, die Formierung eines deutsch gesinnten europäischen Blocks zu verhindern, indem man sich den osteuropäischen Neumitgliedern der EU als der zuverlässigere Bündnispartner anbietet, erfolgreich sein werden, muss sich erst noch erweisen. Chirac und Schröder jedenfalls haben die Signale offenbar verstanden und bezeichnen den vermittelnden Vorschlag Polens, sich der Militärverwaltung im Irak anzuschließen, mit einer Stimme als „ungezogen“ und frech – und meinen damit natürlich eigentlich das Vorgehen der USA.

 

Vorbei sind sie, die Zeiten der ,deutsch-französischen Erbfeindschaft‘ – leider, denn sie waren nur folgerichtig, solange Frankreich im Anschluss an die progressiven Tendenzen der Großen Französischen Revolution handelte. Bleibt zu hoffen, Frankreich möge noch merken, dass die deutsch-französische Freundschaft eine sehr ungleiche ist und die Grande Nation dabei doch nur den Juniorpartner, den Kollaborateur, spielen wird. Aber auf Hoffnungen ist nun mal per se kein Verlaß. Deswegen sei hier noch in aller unzulässigen Kürze und unzulänglichen Schlagworthaftigkeit daran erinnert, dass die Anhänger der Idee eines Vereins freier Menschen ihr Anliegen nicht im Streit der Nationen erfüllt bekommen werden. Stattdessen gilt es gerade im Kampf gegen Reaktion und Faschismus die Verhältnisse auf ihrem höchsten Niveau zu kritisieren, was letztlich ihre Aufhebung bedeuten muss.

 

Antideutsche Kommunisten Berlin

 

 

 

 

Vor der US-Botschaft

 

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren und sind das Stiefkind des deutschen Antifaschismus; daß ohne das Eingreifen der USA die totale Niederlage des Nationalsozialismus so nicht eingetreten wäre, würde man am liebsten verschweigen. Deshalb muß in Deutschland eine Würdigung eben der Vereinigten Staaten als dem mächtigsten Widersacher des globalen Judenhasses damals wie heute unmittelbar auch zu einer Kritik eben dieses deutschen Antifaschismus werden. Es paßt bis heute nicht ins Weltbild des gestandenen deutschen Antifaschisten, daß es eine bis ins Mark „kapitalistische“ Gegenposition zum Nationalsozialismus gab und gibt: Dieser Antifaschist weiß wenig bis gar nichts über den Charakter von Staat und Ideologie des Nationalsozialismus, genauso wenig über Geschichte und Gesellschaft der USA. Er weiß bloß, daß Faschismus und Kapitalismus „irgendwie“ zusammengehören; und demnach der „radikalste“ aller sogenannten „Kapitalismen“, also der liberale US-amerikanische (wie es sich hierzulande von selbst versteht) „irgendwie“ schon auch gleich Faschismus ist. Von alltäglicher Erfahrung nun läßt sich ein deutsches Weltbild sowieso nicht erschüttern, sonst würde ein Antifaschist, der sich dieses Label nicht nur aufpappt, weil es eben im Trend liegt, so wie es einst im Trend lag, gegen Atomkraftwerke zu sein, sehr rasch folgendes bemerken: Erstens, daß der bekennende Nazi nämlich – abgesehen von Israel – nichts in der Welt so sehr haßt wie die USA und deren ungehemmten Plutokratismus – wie es nicht nur im Nazi-Sprech so heißt; und zweitens, daß der durchschnittliche linke Freund der III. Welt notorisch dazu neigt, den Nationalsozialismus verschwinden zu lassen in allerlei Genozid, Massakern und „Jahrhunderten der Lager“; und natürlich generell im Welthunger, der natürlich „irgendwie“ ursächlich den USA zuzuschreiben ist.

 

Nein, von derlei Peinlichkeiten läßt sich ein gestandener deutscher Antifaschist nicht irritieren – und die rühmlichen Ausnahmen bestätigen bisher leider immer noch die Regel: Niemals würde er sein „Stalingrad 43“-T-Shirt trotz aller deutschen Landser-Besinnlichkeit, die sich an diesen Ort und dieses Datum eben auch heftet, gegen eines mit dem Aufdruck „D-Day 44“ tauschen; nichts scheint er mehr zu fürchten, als US-amerikanische Politik gutheißen zu müssen, und richte sich diese auch zehnmal gegen eingestandenermaßen pathologisch antisemitische Diktaturen und Terrororganisationen. Die absurde „linke“ Verkehrung, mit der ausgerechnet der historische wie aktuelle Feind des Nationalsozialismus, die Vereinigten Staaten, „irgendwie“ doch mit ihm in eine Schublade gepackt werden, ist so wirkungsmächtig, daß mit dem Vorwurf des „Proamerikanismus“ immer gepunktet werden kann: Man feixt sich einen, wenn beispielsweise der Herausgeber einer Hamburger Zeitschrift, den Veranstaltern dieser Demonstration vorwirft, sie hätten in den USA ein neues Vaterland gefunden; aber keiner merkt oder traut sich zu merken, wie bodenlos dieser Vorwurf ist: Er diffamiert nicht nur rückwirkend die Flüchtlinge und Emigranten, die die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahmen und die ihr Wissen und Können den amerikanischen Streitkräften im Kampf gegen den Nazismus zur Verfügung gestellt haben: Er diffamiert Ernst Simmel, Herbert Marcuse, Max Horkheimer und Thomas Mann ebenso wie alle ehemals deutschen Juden, die als GI s ihr Leben ließen.

 

Der Vorwurf des Vaterlandverrats enthüllt auch die identitäre Sehnsucht dessen, der den Vorwurf erhebt; die enttäuschte Sehnsucht nach einem besseren „antifaschistischen“ Deutschtum. Seit 1989 wurde nämlich offenkundig, daß bereits vorher zusammengewachsen war, was in Deutschland von jeher aufeinander zustrebte: Der autoritär-kollektivistische Antikapitalismus der degenerierten kommunistischen Arbeiterbewegung mit dem volkstümlich-nazistischen Haß auf den räuberischen, volksfeindlichen, westlichen Plutokratismus, auf die amerikanische Kulturlosigkeit, auf den Zionismus. Führte schließlich ökonomisch die verlorene Konkurrenzfähigkeit zum Ende der DDR, so hatte ihr Antikapitalismus innenpolitisch den antifaschistischen Staatsauftrag längst schon außer Kraft gesetzt.

 

Was für die DDR galt, gilt für die deutsche Linke mehr denn je: Antifaschismus und Antiamerikanismus lassen sich nicht unter einen Hut zwängen. Als unheimlicher Konsens der Deutschen erweist sich heute, was noch in den 80er Jahren als ultra-linksradikale Theorie und nach Verbreitung schreiendes Geheimwissen gehandelt wurde: Daß der Nationalsozialismus eigentlich eine Agentur des „westlichen Kapitalismus“ gewesen sei und Hitlers Endlösung eine Unterabteilung von Roosevelts New Deal; daß der II. Weltkrieg in einem geheimen d’accord der internationalen Konzerne eigentlich gegen die deutsche Arbeiterklasse geführt worden sei, die von den Nazis an der Front und ihren anglo-amerikanischen Klassen-Verbündeten durch den „Bombenterror“ aus der Luft verheizt wurde; daß schließlich Entnazifizierung und re-education in den Westzonen das Nazi-Projekt der kapitalistischen Integration der Arbeiterklasse fortgeführt und vollendet hätten.

 

Was bis 1989 eine linksradikale Spinnerei war, die nicht merkte, daß ihr sinistres Geraune von der amerikanischen Abkunft des Nationalsozialismus der Volksgemeinschaft aus der schwärzesten Seele sprach, die nicht merkte, daß man Deutsche beileibe noch nie gegen den Westen und die USA auch noch aufhetzen mußte, die nicht merkte, daß die Deutschen von der geheimen Weltherrschaft internationaler Geheimbünde ohnehin genauso überzeugt waren, wie davon, daß sie, die Deutschen, ihre bevorzugten Opfer seien – genau mit diesem Wahnwitz wird heute die nationale und internationale Politik Deutschlands propagiert und legitimiert; damit hat Deutschland sich wieder zum Sprecher des Teils der Weltgemeinschaft gemacht, für den auch Hitlerdeutschland zu sprechen beanspruchte: Für die sogenannten „jungen Völker“, die das Joch der „plutokratischen Nationen“ abschütteln wollten, und deren Repräsentaten sich heute wieder in kulturrelativistischer Propaganda und antisemitischer Praxis üben.

 

Wenn etwas offenkundig geworden ist – spätestens seit der rot-grünen Machtübernahme – dann dies; absurderweise wähnt sich der zu zu 100% deutsche „Antifaschismus“ trotzdem immer noch oppositionell, wiewohl er faktisch zur staatlichen Propaganda geworden ist. Um wenigstens aber einen Hauch Differenz zum deutschen mainstream zu bewahren, schluckt man mancherorts widerwillig die unvermeidliche Kröte, daß der mörderische Judenhaß der einst gefeierten Befreiungsbewegungen und blockfreien Staaten nicht mehr recht zu vertuschen ist – spätestens seit der zweiten Intifada und dem 11. September –, aber beharrt trotzdem unverrückbar darauf: Die Vereinigten Staaten sind doch auch nicht besser als ihre Gegner.

 

So lebt im deutschen Antifaschismus die ebenso deutsche Relativierung des Nationalsozialismus fort: Jedes kapitalistische Land ist in seinen Augen potentiell nationalsozialistisch, damit vom Nationalsozialismus selber und von „der Bagatelle, daß er in Deutschland und nirgendwo anders sich ereignete“ (Amery) nicht mehr die Rede sein darf. Deshalb darf es wider jede geschichtliche Evidenz keinen westlichen Antifaschismus geben; gab und gibt es ihn unleugbar doch, erweisen sich gar konservative Administrationen darin als besonders unbeirrbar, wie die Winston Churchills und aktuell die George W. Bushs, dann ist deren praktisch-militärische Parteinahme gegen die zeitgenössischen antisemitischen Vernichtungsregimes mit allen Mitteln der Verschwörungstheorie, des eingefleischten III. Welt-Bonus und der frei assoziierenden Feindseligkeit umzudeuten, damit das verrückte Weltbild deutscher Antifaschisten nicht an der Realität zuschanden geht: Einer Realität in der nicht die Amerikaner, sondern die Antiamerikaner sich im globalen Maßstab als die Nazis von heute erweisen.

 

Der „linke“ Antiamerikanismus ist ebenso hartnäckig immun gegen jeden Einspruch des Faktischen, wie gierig auf das Gerücht: Wie vormals zusammengesponnen wurde, daß zwischen Hitler und Roosevelt geheime Absprachen bestünden, so erscheinen jetzt Bin Laden und Hussein als Laufburschen der Bush-Administration: Als bestellte agents provocateurs, um wahlweise Freiheiten in den USA einzuschränken, die in Europa außerhalb Großbritanniens überhaupt nicht bestehen, oder die Weltherrschaft über das Öl zu erringen; wem derlei Unfug doch zu peinlich ist, zieht es vor, sich hinter den Schlagworten Vietnam, Chile, McCarthy oder Zero Tolerance zu verbarrikadieren. Was soll mit diesen Schlagworten aber bewiesen werden? Daß die USA nicht die Pariser Kommune der Jetztzeit sind? Geschenkt. Daß sich der war on terrorism etwa gegen fortschrittliche Befreiungsbewegungen richtet oder grausame Militärdiktatoren installiert? Das Gegenteil ist ganz offensichtlich der Fall: Diktatoren werden gestürzt, Befreiungsbewegungen, die ihren Namen verdienen, wie die der nordirakischen Kurden oder die der iranischen Studenten werden unterstützt. Daß in den USA Bush-Gegner oder Amerikaner arabischer Abstammung staatlicherseits diskriminiert würden? Schlicht unwahr: Im Fernsehen läuft eine sogenannte comedy It´s my bush, in der der Präsident in einer in Europa undenkbaren Art und Weise durch den Dreck gezogen wird, während dieser sich demonstrativ vor die oben genannte Bevölkerungsgruppe stellt.

 

Ja, es ist wahr: die Anti-Hitler-Koalition ist im „kalten Krieg“ zerbrochen; ja, die US-Außenpolitik hat im Rahmen dieser Auseinandersetzung Regimes installiert und gestützt, die unbedingt gestürzt werden mußten; ja, die USA haben einen ebenso grausamen wie sinnlosen Krieg in Vietnam geführt; die Sowjet-Union hat reziprok sämtliche Dritt-Welt-Regimes, deren Führer auf Hitler und Stalin zugleich schworen mit Waffen bis unter den Rand vollgestopft: In Syrien und im Irak – und nicht nur dort – wurden die Kommunistischen Parteien mit Kalaschnikows zerschlagen. Sozusagen im Schatten dieses Konfliktes aber formierte sich aufs neue eine Konstellation, wie sie einst die Anti-Hitler-Koalition auf den Plan gerufen hatte, eine antisemitische Internationale, die ihren treuesten Fürsprecher erneut in Deutschland besitzt – doch diesmal mit umgekehrten Vorzeichen: Kooperierte Nazi-Deutschland mit allen nur möglichen „antiimperialistischen“ Strömungen in der vorzugsweise islamischen Welt – aber nicht nur dort –, um seine eigenen militärischen Aussichten zu verbessern, so gibt Pazi-Deutschland heute den friedfertigen Protektor eines unerklärten „assymetrischen“ Krieges, den die Nachfolger der alten Verbündeten längst gegen die USA – und auch Rußland – führen.

 

Die USA haben diesen Krieg angenommen: Sie werden sich nicht mehr – wie noch in Jugoslawien – vor den völkischen deutschen Karren spannen lassen; sie verteidigen in Afghanistan und im Irak das Territorial-Prinzip gegen das Bluts- und Stammesprinzip; sie tun dies nicht aus weltfremden Idealismus, sondern aus dem Pragmatismus der Selbstverteidigung gegen eine Welt-Fronde, deren einziger konsensualer Programmpunkt die Tilgung des „kleinen Satans“ Israel von der Landkarte und die Niederringung und Demoralisierung des „großen Satans“ Amerika ist. Ja, die USA haben diesen Krieg angenommen: Sie führen keinen Vernichtungskrieg, sondern Krieg gegen die Vernichtung.

 

Das allein ist das Entscheidende am war on terrorism, das ist der Grund, warum Antifaschisten, die nicht ur-deutsch, sondern anti-deutsch sein wollen, Partei zu ergreifen haben, Partei für die Befreiung, Partei für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Diese bringen gewiß nicht den Kommunismus, aber sie befreien eben so gewiß vom Faschismus. Sie bringen nicht die endgültige Überwindung von Armut und Elend, aber sie bringen Verhältnisse, in denen das Überleben nicht mehr von der Willkür sadistischer Verbrecherbanden abhängen wird; sie bringen Verhältnisse, in denen Ölerlöse nicht mehr in Zigmilliarden-Dollar schwere ABC-Waffen-Programme fließen werden, sondern in zivile Infrastruktur; sie bringen Verhältnisse, in denen man das Wort Kommunismus überhaupt wieder in den Mund nehmen kann, ohne daß einem dafür die Zunge herausgeschnitten würde, wie es sowohl in Afghanistan als auch im Irak übliche Praxis war. By the way, war das erste frei erschienene Presseerzeugnis im Irak nach dem Ende des Baathregimes, nach dreißig Jahren Verfolgung und Verbot, das Organ der Kommunistischen Partei des Irak.

 

„Ohne Befreiung – keine Revolution“ ist das Motto unserer Kundgebung: In diesem Sinne hoffen wir darauf, daß die Vereinigten Staaten und ihre Administration dem globalen Volkssturm auch weiterhin standhalten; daß ihre Truppen und die mit ihnen verbündeten Befreiungsbewegungen uns in naher Zukunft weitere Tage der Befreiung, wie den am 9.4.2003 in Bagdad, feiern lassen; hoffen wir schließlich, daß die Todfeinde des jüdischen Staates entmachtet und gestürzt, ihre nazistischen Terrorbanden zerschlagen werden! Denn eines muß klar sein: Den antifaschistischen Kampf der amerikanischen Streitkräfte unterstützen heißt Israel unterstützen!

 

Uli Krug