Ein Grubenhund

Eine Revue zum etwas missglückten Jubiläum der Zeitschrift Phase 2

 

Ende Februar erklärte die Redaktion der Zeitschrift Phase 2 auf Facebook sie sei einem Fake aufgesessen, ja, nachgerade „gehoaxed“ worden. Doch keine Fälschung ist ihr untergejubelt worden, kein böswilliger, ihre Intentionen entstellender ehrrühriger Betrug war geschehen. Eine ihnen bis dahin unbekannte Autorin hatte einen Text angeboten, der von den „Redakteur_innen“ liebevoll betreut und schließlich mit ausdrücklicher Zustimmung der Autorin gedruckt wurde. Niemand hat sich das Logo der Phase 2 angemaßt und ohne Wissen der Redaktion eine Pseudo-Erklärung im Internet veröffentlicht, keiner hatte sich kurz vor Redaktionsschluss eingehackt und schon fertig redigierte Texte verfälscht, auch wurde nicht gegen seinen Willen unter dem Namen eines Autors etwas ins Heft eingeschmuggelt. Mit ausdrücklicher Zustimmung der Redaktion ist mit dem Artikel „Suburban Alien“ die lautere Wahrheit über ihr Blatt erschienen. Inhalt und Diktion entsprechen vollkommen dem, was man in der Phase 2 zu lesen gewohnt ist: Es ist eine schwerwissenschaftlich aufbereitete Ansammlung von Stilblüten und Blödigkeiten „zum Geschlechterverhältnis“, eine freischwebend irre Geschlechterdekonstruktion also, die, wie in manchen Kreisen schon seit mehr als zwei Jahrzehnten üblich, ihren Stoff aus den besonders populären Hervorbringungen der Kulturindustrie bezieht und damit auf die hinter der bienenfleißigen Verwurstung von Sekundärliteratur versteckten Faulheit und Ideenarmut der Autor_innen und ihrer Leser_innen verweist.

Seit über 100 Jahren nennt man eine solche Intervention in aufklärerischer Absicht Grubenhund. Hatte Karl Kraus 1908 in der Neuen Freien Presse noch den von ihm erfundenen „Zivilingenieur J. Berdach“ in einem Leserbrief von einem „sogenannten tellurischen Erdbeben (im engeren Sinn), das von dem kosmischen Erdbeben (im weiteren) Sinne) wesentlich verschieden ist“, was „sich schon in der Variabilität der Eindrucksdichtigkeit“ äußere, daherfaseln lassen, so schrieb ein unter dem Namen Julia Reiter tätiges Kollektiv nach dem Vorbild der Eindrucksdichtigkeit der berühmten Buffy-Studien à la Dath bis Quadfasel einen Alf-Diskurs und bescherte der Redaktion der Phase 2 ein kosmisches Erdbeben.

Doch zunächst die Erklärung der Phase 2 über einen unerklärlichen Vorfall:

 

8, Februar 2012, Phase 2 auf Facebook

1. Phase2 has been hoaxed

 

Liebe Leser_innen der Phase2,

Zu unserem Bedauern haben wir erst nach Druck der Ausgabe bemerkt, dass sich in dem Artikel »Suburban Alien«, den uns eine Julia Reiter angeboten hatte, nicht nur Fehler befinden, sondern im Artikel anscheinend zitierte Texte frei erfunden wurden. Wir müssen annehmen, dass es sich bei dem Artikel um einen Fake handelt. Warum sich jemand die Mühe macht, einen Artikel zum Geschlechterverhältnis in der Fernsehserie Alf zu schreiben und sich hierfür Literatur ausdenkt, erschließt sich uns nicht.

Wir, die Phase2 Redaktion, haben im Laufe der Artikeldiskussion mehrfach mit der Autorin kommuniziert, sie um Präzisierungen gebeten, Positionen nachgefragt und auch darauf verwiesen, dass uns die angeführte Literatur und die Praxis der Bezugnahme darauf nicht überzeugt. Wir haben uns nach langer Diskussion (der Artikel war uns schon für die vorherige Ausgabe angeboten worden) und mehrmaligen Hin und Her trotz unserer Bedenken dafür entschieden, den Artikel abzudrucken.

Wir diskutieren alle uns zugesandten Artikel ausführlich, denn wir wollen respektvoll mit Zeit und Mühe unserer Autor_innen umgehen. Häufiger müssen wir dabei abwägen, ob ein Artikel Platz in der Phase finden soll oder nicht. So gibt nicht jeder Text in der Phase die Position der Redaktion wieder. Das ist zwar ausdrücklicher Teil unseres Zeitschriftenkonzepts, bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass wir jede absurde Position abdrucken. Außerdem wollen wir nicht nur professionell Schreibenden die Möglichkeit geben, sich politisch zu artikulieren. Der bisweilen daraus folgende Spagat zwischen dem Inhalt und der Form eines Textes gelingt nicht immer. In diesem Fall fanden wir, dass das Thema und der Text als ›leichte Lektüre‹, ihren Platz haben können.

Unsere Autor_innen genießen unser Vertrauen. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, dass es irgendjemandem so wichtig ist, Schabernack mit der Phase 2 zu treiben. Offensichtlich waren wir zu gutgläubig. Unser Fehler war offenbar, dass wir uns mit einer schlechten ersten Version lange auseinandergesetzt haben, um den Artikel zu verbessern, auch überarbeitete Versionen nochmals an die Autorin zurückgegeben haben und ihn am Ende nicht mehr ablehnen wollten. Wir haben es außerdem versäumt die Literaturangaben zu überprüfen.

Wir hoffen, dass Menschen in Zukunft, wenn sie zu viel Zeit haben, nicht auf die Idee kommen, sie uns zu klauen, sondern lieber Fernsehen, zum Beispiel Alf.

Die Phase 2 Redaktion (http://www.facebook.com/pages/Phase-2/185817254820500)

 

Diese gewundene Erklärung, in der die Redaktion selbstkritisch nur anmerkt, sie habe die Fußnoten nicht überprüft, sich im übrigen aber als eine Art Schreibwerkstatt für Analphabeten selber anpreist, also allen Ernstes noch damit renommiert, dass man den Scheißdreck von Julia Reiter verbessert habe, und sich damit zu aller Schande noch als Koautorin ins Spiel bringt, wollte vergessen machen, was seit dem 18. Februar in der Leipziger Szene jeder wusste: Der Grubenhund stammt aus Halle, und zwar von Leuten, die weder Fernsehen noch Alf schauen, sondern feixend beim Bier saßen, als sie sich daran machten, ihren Jubiläumsgruß zur 40. Ausgabe der Phase 2 zu formulieren.

 

 

18. Februar 2012, bonjour tristesse

2. »Gegen die Realität!« Die Faselei der »Phase 2«

Wie ist es um linke Medien bestellt? Das fragte die Zeitschrift »Phase 2« in ihrer 40. Ausgabe. Die AG »No Tears for Krauts« machte die Probe aufs Exempel und bot dem Blatt unter Pseudonym einen im Vollrausch entstandenen Nonsens-Artikel an. Das Thema: das emanzipatorische und subversive Potential der Fernsehserie »Alf« und ihre Bezüge zur Genderperspektive. Wir dokumentieren den Artikel, der tatsächlich in der aktuellen Ausgabe der »Phase 2« erschienen ist, und eine Stellungnahme der AG »No Tears for Krauts«. Darin antwortet sie am Beispiel der »Phase 2« auf die Frage nach dem Zustand linker Medien.

 

»Gegen die Realität!«

Die Faselei der »Phase 2«

»Darum bemühen wir uns nun schon ein Jahrzehnt: mehr Kritik und Diskussion statt Wahrheitsverkündung und Repetition.« (Editorial, Phase 2/40)

Was macht eine Redaktion, wenn ihr nichts mehr zu der Zeitschrift einfällt, die sie herausgibt? Richtig: Sie besinnt sich auf einen journalistischen Evergreen und bittet andere Redaktionen und Gruppen darum, für das nächste Heft einen – »gern auch kritischen« – Beitrag über das eigene Blatt zu verfassen. Vielleicht haben ja andere eine Ahnung davon, was man selbst nicht mehr so genau weiß: warum man sich regelmäßig trifft, um eine illiterate Zeitschrift für Opportunisten zu produzieren? So handhabte es die »Taz« in ihrer Jubiläumsausgabe. So ist der »Spiegel« aus Anlass eines seiner unzähligen runden Geburtstage verfahren. Und so hat es jüngst auch die »Phase 2« versucht.

Das in Leipzig und Berlin produzierte Heft war 2001 als Fortsetzung der »Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation« (AA/BO) mit anderen Mitteln gegründet worden. Mit dem Blatt sollte die erste Phase, die Geschichte der AA/BO, abgehakt werden. In der zweiten Phase sollte, angetrieben durch die Zeitschrift, eine neue linksradikale Sammlungsbewegung entstehen. Sollte sich daran einmal der große Aufstand anschließen, ist sich die Redaktion inzwischen nicht mehr so sicher, was in Phase 3 passieren soll: Immer noch die Revolution? Der Einstieg in den akademischen Betrieb? Oder der Wechsel in die Medienbranche?

Aus Anlass ihres zehnjährigen Bestehens kündigte die »Phase 2« darum nicht nur an, sich in Ausgabe 40 schwerpunktmäßig mit der Geschichte und dem Zustand linker Medien zu beschäftigen. Sie bat zugleich andere Zeitschriften und Gruppen um ein »paar kritische Zeilen«: »Was ihr schon immer der Phase 2 sagen wolltet, wie ihr unsere Entwicklung beurteilt, wie seht ihr die Notwendigkeit für unsere Zeitung …« Dummerweise wollte keiner der Angefragten die Entwicklung des Heftes beurteilen. Niemand wollte der »Phase 2« »schon immer« etwas sagen. Und kein Schwein wollte auch nur einen Satz über die »Notwendigkeit« des Blattes verlieren: Zumindest erschien die Jubiläumsausgabe, anders als angekündigt, ohne Glückwünsche, Kritik und Kommentare anderer Zeitschriften und Gruppen.

Wir hatten darum Mitleid und entschieden uns, der »Phase 2« ein Geschenk zu machen. Angeregt durch hanebüchene Artikel über den »kritischen Gehalt von South Park« (Phase 2/39) oder den emanzipatorischen Charakter des Filmschaffens der Coen-Brüder (Phase 2/35) beschlossen wir, einer der beklopptesten Sitcoms aller Zeiten einen »emanzipatorischen und subversiven Charakter« anzudichten und darüber hinaus auch noch »Bezüge zur Genderperspektive« herzustellen: Paul Fuscos »Alf«. Der so entstandene Artikel sollte der »Phase 2« angeboten werden, um auf dieser empirischen Basis die von der Redaktion gestellte Frage nach dem Zustand linker Medien beantworten zu können. Wir besorgten uns einen Kasten Bier, assoziierten wild drauflos und schrieben einen Text, der zu mehr als 70 Prozent aus Fragwürdigkeiten, Lügen und Mumpitz besteht. Der Großteil der zitierten Literatur existiert nicht. Die Aussagen der Gewährsmänner, auf die wir uns beriefen – immer gut: Martin Scorsese, die Coen-Brüder, »Simpsons«-Macher Matt Groening usw. –, waren komplett erfunden. Und auch das Gros der historischen Fakten war erstunken und erlogen. Aufgepeppt wurde der Artikel mit Angebersprache (»hegemoniale symbolische Formen«, »Extraterritorialität«, »diffundieren« usw.), etlichen Fußnoten und ein wenig Name-Dropping: Den Theorien Siegfried Kracauers und Georg Simmels, auf die wir uns bezogen, musste zwar Gewalt angetan werden, um sie mit »Alf« zusammenzuklatschen. Da in »Phase 2« jedoch schon vorher z.B. der Versuch unternommen worden war, die Fernsehserie »South Park« im Sinn von Karl Marx zu deuten, waren wir überzeugt: Die Redaktion lässt sich weniger durch Vernunft, Logik und gute Argumente als durch große Namen beeindrucken. Am Ende präsentierten wir die Grundschulkinderserie »Alf« als subversives Emanzipationsstück, als kritischen Stachel im Fleisch des amerikanischen Kultur- und Politbetriebs sowie als herrschaftskritisches Meisterwerk, das selbst Geschlechteridentitäten dekonstruiert: Alf als Role-Model der Gender-Bewegung. Unter den Text setzten wir ein weibliches Pseudonym (»Julia Reiter«) und die Behauptung, dass die Autorin an der Universität Stanford eine Doktorarbeit schreibe. Durch solche Autoritätsnachweise – Karl Kacke promoviert an der FH Köthen über die medialen Geschlechtsbilder von Waldameisen – war in der Vergangenheit auch bei anderen »Phase-2«-Artikeln der größte Blödsinn ausgeglichen worden.

Anstatt in großes Gelächter auszubrechen und den Text zurückzuschicken, war die »Phase-2«-Redaktion erfreut über das Artikelangebot. Obwohl die Zeitschrift erst in der aktuellen Ausgabe eine Gegendarstellung drucken musste, weil eine ihrer Autorinnen ein Zitat erfunden hatte, wurde keine einzige Fußnote, kein einziges Zitat des »Alf«-Textes überprüft. Niemand störte sich daran, dass das Buch, auf das sich der Artikel zu 80 Prozent beruft (Paula Leverage: Theory of Mind and Literature. Vol. 2), überhaupt nicht existiert. Darüber hinaus fragte keiner der Politologen, Historiker oder Amerikanisten der Redaktion nach, was denn etwa – ein Beispiel von etwa 50 – der »Warden Act« sein soll, von dem »Julia Reiter« sprach: »Einige Bundesstaaten des Mittleren Westens führten den […] Warden Act ein, der die auch in den USA seit den 70er Jahren unerlässliche öffentliche Förderung von Theaterstücken und Ausstellungen an die diffuse Bedingung knüpfte, dass sie dem ›allgemeinen Geschmacksempfinden‹ der Moral Majority nicht zuwider laufen dürfen.« Auch wenn sie inzwischen gelernt hat, dass Antiamerikanismus pfui ist, traut die »Phase-2«-Redaktion den Amerikanern offensichtlich jeden Quatsch zu: insbesondere wenn sie aus dem Mittleren Westen kommen. Aber auch in anderer Hinsicht nahm die Redaktion den Untertitel ihre Blattes, »Zeitschrift gegen die Realität«, etwas zu ernst. Soll heißen: Selbst der offenkundigste Argumentationsquark – Alf stellt Geschlechterrollen und -bilder in Frage – wurde durchgewunken. (Nur eine Redakteurin fragte nach, ob ihre eigene Lieblingsserie »Roseanne« nicht noch emanzipatorischer-kritischer-feministischer als »Alf« sei.)

Vor diesem Hintergrund kann die Frage nach dem Zustand linker Medien am Beispiel der »Phase 2« wie folgt beantwortet werden: Linke Medien stehen mit Wahrheit und Vernunft auf Kriegsfuß. Sie werden von autoritären Haufen gestaltet, denen große Namen und der Verweis auf einen künftigen Doktortitel wichtiger als die Logik sind. Linke Medien sind zudem nicht nur der Ort, an dem private Vorlieben weltanschaulich aufgenordet werden können. Sie sind zugleich bereit, jeden Unsinn zu drucken, wenn er nur im richtigen Jargon verfasst ist.

Um zu diesem Urteil zu gelangen, wäre es zwar nicht unbedingt notwendig gewesen, sich in die Niederungen der Empirie zu begeben. Unsere Feldstudie dürfte aber zumindest dazu beitragen, auch die letzten Zweifel auszuräumen. Wir bedanken uns darum bei der »Phase 2« für die Beschleunigung unseres Erkenntnisprozesses und erwarten gespannt den Murks der nächsten Ausgaben. (Wie wäre es z.B. mit »Hulk und Foucault«, »Unsere Kleine Farm und die Aufhebung des Individuums in der Gesellschaft« oder »Soko Leipzig – Über die gescheiterte Demokratisierung«?) Alles Gute zum Geburtstag wünscht nachträglich die:

AG »No Tears for Krauts« Halle

(http://bonjourtristesse.wordpress.com/2012/02/18/gegen-die-realitat-die-faselei-der-phase-2/)

 

Ebenfalls am 18.2.2012 dokumentierte die  AG No Tears For Krauts in der bonjour tristesse Nr. 13 ihren Alf-Text aus der aktuellen Phase 2. Als kleine Lesehilfe „wurden alle Passagen, die erstunken, erlogen oder zumindest hochgradig fragwürdig sind für den vorliegenden Abdruck kursiv gesetzt.“

 

 

18 Februar 2012, bonjour tristesse

3. Suburban Alien

»Sag mir Deine Meinung, und ich sage Dir, wer für Dich denkt.« Alf

 

Wer seine Mediensozialisation in den achtziger Jahren vollzog, kam an einer Vorabendserie nicht vorbei. Während die bisherigen Formate ihren Zenit überschritten, ihre Stilmittel ausgeschöpft und die immergleichen Storys – harte Kerle helfen weichen Frauen bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten – um die gleichen Korsette gebaut hatten, revolutionierte ALF, die vom Fernsehsender NBC produzierte Serie über jenen Außerirdischen, der der All American Family Tanner ins Garagendach fiel, die Vorabendsoaps. An diesem Urteil besteht in jenen Sparten der Medien- und Kulturwissenschaften, die sich mit den kritischen Potentialen der zeitgenössischen Massen- und Populärkultur beschäftigen – insbesondere mit der Sitcom-Flut, die spätestens seit den siebziger Jahren beobachtet werden kann – kein Zweifel.1 Das zottelige Wesen brachte nicht nur das Leben der Tanners durcheinander, sondern für einen kurzen Zeitraum auch die Medienlandschaft der ausgehenden Reagan-Ära.

Nachdem bereits seit den neunziger Jahren einige kleinere Aufsätze über den subversiven – oder wahlweise auch rhizomatischen – Charakter der Serie veröffentlicht wurden, wurde am Sonderforschungsbereich »Literature, Science and Popcultural Diversification« an der Purdue University vor kurzem ein Sammelband herausgegeben, der die verschiedenen Stränge der Auseinandersetzung um eine der zentralen Kultserien der achtziger Jahre zusammenführt.2 Die Herausgabe des Sammelbandes lässt nicht nur die Vorfreude auf die neue, digital remasterte und mit zahlreichen Extras versehene Komplett-Edition der Serie wachsen, die Anfang 2012 auf dem amerikanischen Markt erscheinen soll. (Die DVD-Box soll aufgrund verschiedener Verwertungsrechte für den europäischen und amerikanischen Markt aller Voraussicht nach ohne deutsche Untertitel und Sprachauswahl erscheinen – was aufgrund der katastrophalen Synchronisation durch das ZDF allerdings durchweg zu verschmerzen ist.) Der Sammelband erscheint auch zu einem Zeitpunkt, zu dem die Kulturwissenschaften und die akademische das heißt in den USA immer auch undogmatische – Linke Fragen von Populärkultur eine nie gekannte Aufmerksamkeit entgegenbringen. Deutschland, wo selbst Serien wie »Buffy« oder »Desperate Housewives« von pop- oder kulturlinker Seite erst wahrgenommen wurden3, nachdem sie in den USA schon seit Jahren Gegenstand umfangreicher Auseinandersetzungen von Tagungen und Konferenzen waren4, hängt dieser Entwicklung wie so oft um nahezu ein Jahrzehnt hinterher. Im Unterschied zur Bundesrepublik fragt man jenseits des Atlantik bereits seit geraumer Zeit danach, in welcher Form die viel geschmähte Massenkultur unseren Alltag nicht nur konditionieren und strukturieren, sondern gewohnte Rollen-, Verhaltens- und Blickmuster – gewollt oder ungewollt – aufbrechen, verändern und diffundieren kann.

 

»Alf versus Ronny«5

Sowohl in der akademischen als auch in der poplinken Auseinandersetzung mit ALF werden letzthin Bemerkungen aufgegriffen, die insbesondere Matt Groening, Trey Parker und Matt Stone (die Macher von »The Simpsons« und »South Park« jener beiden Serien, die lange Zeit im Zentrum der Debatten um die Indifferenz und Mehrdimensionalität der Massenmedien standen6), aber auch Filmgrößen wie die Coen-Brüder oder Martin Scorsese, der sich in einem Interview mit dem »New Yorker« 1998 als ALF-Fan outete7, in jeweils unterschiedlichen Zusammenhängen tätigten. ALF habe, wie Groening vor einigen Jahren erklärte, überhaupt erst den Boden für die »Simpsons« bereitet, weshalb der Außerirdische gleich in mehreren »Simpsons«-Folgen mit Anspielungen und Serienzitaten gewürdigt wird.8 Auch die »South Park«-Macher Parker und Stone erklärten, dass sie mit »South Park« auf wesentlich mehr Widerstand gestoßen wären, wenn es ALF nicht gegeben hätte. »Wir verdanken Paul Fusco, [dem ALF-Ideengeber, d.A.] fast alles.«9

Auch wenn Formate wie die »Simpsons«, »Buffy« und vor allem »South Park« auf den ersten Blick um ein vielfaches tabuloser und kritischer erscheinen, war ALF im Kontext seiner Entstehungszeit weitaus radikaler als es die genannten Serien in der Zeit ihres erstmaligen Erscheinens sein konnten.10 Als der zottelige Außerirdische im September 1986 das erste Mal auf den Bildschirmen erschien, befand sich die Reagan-Administration gerade auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Tipper Gore und andere Anhänger so genannter Family Values setzten durch, dass Schallplatten mit vermeintlich obszönen und »explicit lyrics« mit einem Warnhinweis für Jugendliche, dem sogenannten Tipper-Sticker, erscheinen mussten. Einige Bundesstaaten des Mittleren Westens führten den – vom Obersten Gerichtshof allerdings bald wieder gekippten – Warden-Act ein, der die auch in den USA seit den siebziger Jahren unerlässliche öffentliche Förderung von Theaterstücken und Ausstellungen an die diffuse Bedingung knüpfte, dass sie dem »allgemeinen Geschmacksempfinden« der Moral Majority nicht zuwider laufen dürfen. Ähnlich wie im Amerika der McCarthy-Ära sollte der WASP, der »White Anglo-Saxonian Protestant«, jeneR von den so genannten Gründervätern abstammende angelsächsische StandardamerikanerIn, wieder zum Dreh- und Angelpunkt öffentlicher Moralvorstellungen und Verhaltensmuster gemacht werden. Die wenigen Gays, Blacks und Latinos, die es in den siebziger Jahren auf Nebenrollen in großen Kinofilmen wie auch Vorabend-Soaps gebracht hatten, verschwanden still und heimlich wieder von den Bildschirmen oder durften, wie Whoopi Goldberg oder die Cosby-Familie, nur die Rolle der netten und schrägen, aber letzthin angepassten Freaks spielen. Zur gleichen Zeit wurde über die Verschärfung der Zuwanderungsgesetzgebung diskutiert; in Kalifornien ging ein demokratischer Gouverneurskandidat namens Jerry Brown erneut mit Hetze gegen Zuwanderer aus Mexiko und Puerto Rico auf Stimmenfang. Vor diesem Hintergrund war für die ZeitgenossInnen mehr als deutlich, worauf ALF-Macher Paul Fusco anspielte, wenn er finster dreinblickende VertreterInnen der »Alien Task Force« an der Tür der Tanners klingeln ließ, die mit Suchfahrzeugen durch die Straßen fuhren, um nach illegalen Außerirdischen zu suchen. Die Abkürzung ATF ist hier nicht umsonst identisch mit dem Kürzel der berüchtigten »Alcohol, Tobacco and Firearms«-Einheiten. Fuscos Fingerzeig gewinnt an sinnbildlichem Gehalt insbesondere dann, wenn die entsprechende Folge, wie im Herbst 1987, nur wenige Tage nach einer Kongressdebatte über die Verschärfung der Greencard-Regelungen und den Kompetenzgewinn der Einwanderungsbehörden ausgestrahlt wurde.11 Der Doppelsinn des Begriffs Alien – sowohl »AußerirdischeR« als auch »FremdeR« bzw. »AusländerIn« –, den die BeamtInnen bei ihrer Jagd nach Alf immer wieder im Munde führten, kam in diesem Kontext vollends zur Geltung. Diese Anspielungen wurden, ebenso wie weitere Uneindeutigkeiten des amerikanischen Originals, in der bereits erwähnten ZDF-Synchronisation allerdings wieder weitgehend vereindeutigt.

 

Alf versus Al

ALF fungierte dabei – wenn von den Machern wohl auch nicht intendiert – in nahezu jeder Hinsicht als Gegenentwurf zur etwa zeitgleich beim NBC-Konkurrenzsender FOX erschienenen Serie »Married … with Children«, die in der BRD unter dem Titel »Eine schrecklich nette Familie« ausgestrahlt wurde – und vice versa. Beide Sitcoms waren im Amerika der ausgehenden achtziger Jahre die mit Abstand beliebtesten Vorabendserien und konkurrierten jeweils um den ersten Platz der Zuschauergunst. Während die Verbalinjurien des »Married«-Hauptprotagonisten Al Bundy vor Sexismen und offener Frauenverachtung nur so strotzen, werden durch die bekannten anarchoiden Sprüche Alfs, die nicht umsonst Anleihen an den Formeln der Situationisten, der Subversiven Aktion und vor allem der amerikanischen Yippies nehmen12, alle möglichen und unmöglichen Autoritäten infrage gestellt: vom Staat über die Familie bis hin zu den Tischmanieren. Neben den sexistischen und antifeministischen Attacken Al Bundys soll bei »Married … with Children« vor allem dasjenige Gelächter hervorrufen, was von den Normen, Wertvorstellungen und Imperativen der Moral Majority abweicht: die geringe Entlohnung Al Bundys, die Ablehnung der klassischen Heim-und-Herd-Rolle durch seine Ehefrau Peggy, das gemeinsame Desinteresse an Arbeit und Fleiß, die Promiskuität und der rebellische Dresscode der Tochter Kelly sowie die Erfolglosigkeit des Sohnes Bud beim Dating. Es soll also all das lächerlich erscheinen, was von der Standardmatrix des Vorstadtlebens abweicht. Gerade hierdurch wird diese Matrix, auch wenn die Bundys so gar nicht dem Bild der All American Family entsprechen, freilich bestätigt und erneut in Kraft gesetzt.

Im Gegensatz dazu bricht Alf in das Vorstadtleben einer solchen All American Family, bestehend aus Vater, Mutter, Tochter, Sohn und Haustier, ein und bringt sie nachhaltig in Bewegung. Er stellt bisherige Selbstverständlichkeiten infrage, bricht innerfamiliäre Konstellationen auf und dekonstruiert insofern gleichsam bisherige Rollen, Funktions- und Sichtweisen. So ist etwa Alfs Verweis auf sein Jugendtrauma – er wurde als eheliches Kind geboren, was auf seinem Heimatplaneten Melmac als unmoralisch galt13 – nur unschwer als Auseinandersetzung mit jenem moralischen Rollback der Reagan-Ära zu erkennen, als Ehe, Enthaltsamkeit und sonntägliche Kirchgänge nach der relativen Liberalisierung der siebziger Jahre wieder an Bedeutung gewannen. Die christlich-konservativen Imperative, die von den Vorgängern der Teaparty-Bewegung in den achtziger Jahren als ewig und gottgegeben dargestellt wurden, werden als soziale Konventionen und Konstruktionen präsentiert und zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben. Diese Stoßrichtung dürfte nicht zuletzt einer der Gründe für die bemerkenswerte Rezeption der Serien gewesen sein: Der in unregelmäßigen Abständen erhobene »ABM Report«, die große Studie über die Konsumgewohnheiten, politischen Präferenzen, bevorzugten Kleidungsmarken, Fast-Food-Ketten, medialen Vorlieben, Ängste und Wünsche der Amerikaner, ergab 1988, dass Anhänger der Demokraten und traditionell linker und liberaler Werte, die auch während des Kulturkampfes der Reagan-Ära keine verschwindende Minderheit waren, deutlich größere Sympathiewerte für Alf als für Al Bundy aufbrachten.14 Eine konservative Weltanschauung korrelierte hingegen stärker mit Präferenzen für »Married … with Children«.15

Zur Umschreibung der Position Alfs innerhalb der Serie wie auch der damit einhergehenden Vorgänge lässt sich auf Georg Simmels Begriff des »Fremden« sowie Siegfried Kracauers Formel der »Extraterritorialität« zurückgreifen.16 Andrew Rice bemüht in dem eingangs erwähnten Sammelband, wenn auch eher am Rande, den ähnlich gelagerten Ausspruch Jaques Derridas von der »Gestalt der Nicht-Gestalt«.17 Der »Fremde« – so kann Alfs Verortung innerhalb der Serienkonstellation der Familie Tanner wie auch der imaginären Vorstadtsiedlung von Los Angeles, in der die Tanners zuhause sind, in Anlehnung an Simmel beschrieben werden – steht in einem Verhältnis von Nähe und Distanz zu dem ihn umgebenden Milieu: »Die Einheit von Nähe und Entferntheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist hier zu einer, am kürzesten so zu formulierenden Konstellation gelangt: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeutet, dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist.«18 Dieser Status des »Fremden« beziehungsweise der »Extraterritorialität« kann als spezifische »Position of Knowledge« begriffen werden, aus der scheinbar normale und vernünftige Dinge plötzlich als weniger normal oder vernünftig erscheinen.19 Die Nachvollziehbarkeit und das Verständnis werden durch den gelegentlich aufgebläht wirkenden Theorie- und Begriffsapparat der »ALF-Studies« weniger befördert als erschwert. Dennoch wird durch den Begriff des »Fremden« und die Formel von der »Extraterritorialität« ein Sachverhalt angedeutet, der nur schwer von der Hand zu weisen ist: So kann nicht bezweifelt werden, dass die ZuschauerInnen in Vermittlung über den »Fremden« Alf, aus der Perspektive seiner durch die Herkunft vom Planeten Melmac, vor allem jedoch durch seine erzwungene Unsichtbarkeit20 verursachte »Extraterritorialität« in die Lage versetzt werden können, eine Perspektive einzunehmen, die sich deutlich von ihrer bisherigen Wahrnehmung unterscheidet.21 Aus diesem versetzten Blickwinkel schieben sich jene Anomalien, Widersprüche, Widersinnig- und Gewalttätigkeiten, die den Alltag aus inhärenter Perspektive kaum merklich begleiten, in den Vordergrund. Die hegemonialen symbolischen Formen weichen einem multipleren Bild. So erscheinen etwa die Klingel- und Besuchsattacken des benachbarten Ehepaares, der Ochmoneks, nicht mehr, wie z.B. im australischen Dauerbrenner »Neighbours«, als freundliche Nachbarschaftshilfe, sondern als anmaßender Übergriff auf die Privatsphäre, wie er von den »Desperate Housewives«-MacherInnen später in voller Perfektion dargestellt wurde.22 Auch die Polizei erscheint aus der Perspektive Alfs und der ihn umsorgenden Tanners nicht mehr, wie in den traditionellen Vorabend-Familienserien, als FreundIn und HelferIn. Besonders brutale, skrupellose oder dümmliche PolizistInnen können ebenfalls nicht mehr, wie in der Mehrzahl der Korruptions-, Polizei- und Gangsterfilme, als Ausdruck der Deformation einer grundsätzlich vernünftigen und begrüßenswerten Instanz dargestellt werden. Aufgrund der Unerbittlichkeit, mit der die BeamtInnen den Außerirdischen qua Amt und Beruf suchen müssen, wird zugleich der Blick auf die Gewaltförmigkeit und den Homogenisierungszwang jener Gesellschaft freigegeben, die von der Polizei nicht nur beschützt und gestützt, sondern immer wieder neu konstituiert wird.23

 

Gendertrouble

Es ist insofern nicht verwunderlich, dass ALF in den nur vier Jahren, in denen die Serie produziert wurde, für zahlreiche Debatten und Kontroversen in den USA sorgte. Aus der Mehrzahl dieser Kontroversen sprach zum einen die tiefe Verunsicherung der amerikanischen Gesellschaft dieser Umbruchsjahre.24 Zum anderen signalisierten sie jedoch auch, dass es den ALF-MacherInnen gelang, diese Verunsicherungen aufzugreifen, sie via Bildschirm in die Gesellschaft zurückzuspiegeln und diese insofern zu Reaktion – und gelegentlich auch Reflexion – herauszufordern.

Für die größte Irritation des amerikanischen Publikums dieser Zeit sorgte dabei paradoxerweise etwas, was aus heutiger Perspektive vor dem Hintergrund der Queer-Bewegung, der Debatten um Transgender oder von Serien wie »United States of Tara« (dt.: »Taras Welten«), deren Hauptprotagonistin über mehrere Identitäten, darunter die eines klassischen Redneck-Machos, verfügt, kaum noch auffällt: Die SerienmacherInnen um Paul Fusco verzichteten, wie Dash Lewis ausführt25, eher unbewusst darauf, Alf eine eindeutige Geschlechteridentität zuzuschreiben. Durch die charakteristische Stimme des deutschen Synchronsprechers Tommy Piper fand in der ZDF-Variante freilich auch in dieser Hinsicht eine Vereindeutigung statt. Das neue Familienmitglied der Tanners wird in der Regel ganz neutral als A.L.F., als »Alien Life Form«, bezeichnet. Ganz im Sinn dieser Uneindeutigkeit fühlt sich Alf gleichermaßen zu Willy und Kate, den beiden Familienoberhäuptern der Tanners, zu ihrer pubertierenden Tochter Lynn sowie dem androgynen – und sich in einer Kompensationsleistung wohl deshalb besonders maskulin gebenden26 – Nachbarsjungen Jake hingezogen. Die Anziehung, die nahezu alle Familienmitglieder auf ihn ausüben, will Alf immer wieder auch körperlich ausleben – was nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass er trotz des weitgehenden Verzichts auf eine eindeutige Geschlechtszuschreibung doch tendenziell mehr maskulin als feminin konnotiert ist, von Jake und Willy immer wieder empört zurückgewiesen wird. Insbesondere als sich Alf und Brian, der kleine Sohn der Tanners, in einer Folge als Frauen verkleiden, reagieren Willy und Kate mit einer Übertriebenheit, die ihr Verlangen nach identitärer Separation der Geschlechter – sei es bewusst, sei es unbewusst – erneut der Lächerlichkeit preisgibt und es insofern symbolisch bricht.27 Wird in »Married … with Children« all das als lächerlich dargestellt, was von den bisherigen Normen abweicht, sollen in dieser ALF-Szene jene Verhaltensmuster Lachen hervorrufen, die sich in übertriebener Weise um die Aufrechterhaltung eben jener Matrix bemühen. Gerade diese subkutane Infragestellung und Brechung von Eindeutigkeiten sorgte, wie Lewis,28 in dem oben erwähnten Sammelband ausführt, dafür, dass der Sender NBC nach Ausstrahlung der Folge so viele empörte Leserbriefe und Anrufe bekam wie nie zuvor in der Seriengeschichte.29 Der Gendertrouble30, der aus diesen Beschwerden sprach, dürfte letzthin einer der Gründe für die in jeder Hinsicht einschneidenden Veränderungen der vierten und letzten Staffel der Serie gewesen sein.31 Mit dem Produzentenwechsel zu Beginn der vierten Staffel traten nicht nur die anarchischen Momente der Serie deutlich hinter einem moralisierenden Gestus zurück. Alf wurde zugleich zwangsheterosexualisiert und wieder in die heteronormative Matrix eingepresst. In der vierten Staffel wurde zum ersten Mal von Alfs Geliebter Ronda auf dem Planeten Melmac gesprochen, nach der er sich sehnt, über die er nach den scheinbaren Jahren des Vergessens immer wieder spricht – und die ihn als weitaus eindeutiger heterosexuell und maskulin erscheinen lässt.32 Sein »bürgerlicher« Name, der in den ersten vier Staffeln ganze drei Mal (und auch hier zweimal als »Gordon« und ein Mal weitaus weniger eindeutig, als »Gordo Shumway«) benutzt wurde, fand nun in nahezu jeder Folge Erwähnung.33

 

Beobachtung und Veränderung

Durch solche Hinweise auf die Reaktionen der ZuschauerInnen und mehr noch all derer, die in der Serie in Kontakt mit dem neuen Familienmitglied der Tanners kommen, wird deutlich, dass die Figur Alf dem Publikum weit mehr als einen Beobachtungsposten bietet. Durch die Bezugnahme auf Alf erscheinen bisher als selbstverständlich angenommene Dinge nicht nur den ZuschauerInnen als hinterfragbar. Auch die Tanners selbst, die hier als mediale Blaupause begriffen werden können, verändern ihren Blick auf die Welt durch ihre Bezugnahme auf Alf und die Empathie, die sie ihm entgegenbringen.34 Insbesondere die Nachbarsfamilie Ochmonek, zu der die Tanners, wie in der Serie gelegentlich angedeutet wird, vor der Landung Alfs ein weitaus innigeres Verhältnis pflegten als nach dem Erscheinen des neuen Familienmitglieds, stellen eine Art Negativfolie dar: ein Spiegelbild der Tanners ex post.35 Die Ochmoneks bleiben mit sich selbst identisch, vollziehen keinen Wandlungsprozess und ermöglichen insofern den permanenten Abgleich mit der Entwicklung der Tanners. Diese Entwicklung vollzieht sich dabei selbstverständlich nicht geradlinig: Trotz aller Veränderungen bleiben die Tanners in letzter Konsequenz doch eine All American Family; die Serie macht darüber hinaus keinerlei Angebote für positiv zu bewertende Geschlechts- und Rollenveränderungen. Auch Alf muss letztlich die Erfordernisse des Medienmarktes bedienen, ALF ist keine Serie, die den Ansprüchen des revolutionär-subversiven oder rhizomatischen Experimentalkinos genügt, genügen kann und will. Dennoch steht gerade der Verzicht auf Eindeutigkeit und Monochromie, die stetige Betonung der Uneindeutigkeit und der Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Momente für einen Bruch mit der Identitätslogik, die sich in anderen Vorabendsoaps der achtziger Jahre findet. ALF bereitete insofern den Boden für einige der Sitcoms, die in dieser Hinsicht weitaus weiter gehen konnten als es ALF-Macher Paul Fusco in seiner Zeit möglich war. Die Figur des »Fremden« oder der Ort der »Extraterritorialität« sind insofern weniger Rückzugsort als ein vorgeschobener Posten, der durch seine erratische Struktur in unseren Alltag hineinragt – und ihn insofern gleichsam verändern kann.

Julia Reiter

 

Die Autorin ist zurzeit Fellow in Stanford und promoviert zum Thema »Umdeutung durch Synchronisation – die westdeutschen Übersetzungen amerikanischer Fernsehserien der achtziger Jahre«.

 

Anmerkungen:

1 N.N., Introduction, in: Sitcoms, New Haven 2007, 12; N.N., Alf, in: ebd. 56.

2 Das Buch ist der zweite in diesem Jahr erschienene Band der von Paula Leverage neu herausgegebenen Reihe Theory of Mind and Literature: Paula Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature. 2. Aufl., West Lafayette 2011.

3 Annika Beckmann u.a. (Hrsg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer«, Berlin 2010, Julia Langner, Verzweifelte Hausfrauen? Erscheinungsformen der Macht in Desperate Housewives, Marburg 2009; Katja Dechant, Soap Operas als Alltagsratgeber. Kulturanalytische Beobachtungen zu konstruierten Weiblichkeiten in »Desperate Housewives«, Saarbrücken 2009.

4 Richard Hanley, South Park and Philosophy, Chicago 2007, Brian C. Anderson, South Park Conservatives. The Revolt against Liberal Media Bias, Washington 2005, Peter Thompson, Desperate Housewives? Communication Difficulties and the Dynamics of Marital (Un)Happiness, in: The Economic Journal 118 (2008), Janet McCabe, Reading Desperate Housewives: Beyond the white Picket Fence, London u.a. 2008, William Irvin (Hrsg.), The Simpsons and Philosophy: The d’oh! of Homer, Chicago 2008, John Alberti (Hrsg.), Leaving Springfield. The Simpsons and the Possibilities of oppositional Culture, Detroit 2004.

5 So war einer der ersten wissenschaftlichen Beiträge über Alf überschrieben: Adrian Murray, Alf versus Ronny. Aliens in the Reagan Era, in: Media Science 3 (2001).

6 Christian Wadephul/Magnus Kluke, What did we learn today? Die Serie South Park gegen ihre Liebhaber verteidigt, in: Phase 2 39/2011.

7 The Saint (Interview mit Martin Scorsese), in: New Yorker 21. Juli 1998.

8 Nicholas Hunter, The Politics of Provocation, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 31. Zu den Reminiszenzen Parkers, Stones und der Coen-Brüder Vgl. ebd.

9 Ebd. 127.

10 Murray, Alf versus Ronny, 54.

11 Staffel (S) 2, Folge (F) 6. Die Nummerierung der Folgen folgt der Produktionsreihenfolge, die auch der Zählung der neuen DVD-Edition zugrunde liegen soll, nicht der Reihenfolge der Ausstrahlung. Diese weicht sowohl von der deutschen als auch der bisherigen amerikanischen Zählung ab, da einige Folgen nicht in die frühere amerikanische und deutsche Edition aufgenommen wurden. Siehe auch Murray, Alf versus Ronny, 50.

12 Anne Dove, No Problem. The Yuppies of the 80s, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 171.

13 S 1, F 4; S 1 F 7.

14 Murray, Alf versus Ronny, 56.

15 Ebd.

16 Joan Latrin: Stranger in a strange Land. Extraterritoriality in modern media culture, in: Media & Theory 32 (2007). Jetzt auch wieder in: Joan Latrin: The Alien. From Simmel to Reagan, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 20.

17 Andrew Rice, Summary, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 198.

18 Georg Simmel, Exkurs über den Fremden, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe, Bd. 11, Frankfurt a. M. 1992, 764.

19 Ebd. 21.

20 Alf muss sich, um nicht gefasst und für medizinische Experimente missbraucht zu werden, vor den Nachbarn, dem Briefträger, dem Pizzaboten etc. verstecken und steht allenfalls über die Tanners, das Fernsehen und das Telefon in Kontakt mit der Außenwelt.

21 Hierzu und zum Folgenden: ebd. 20 ff.

22 McCabe, Reading Desperate Housewives.

23 Ebd.

24 Eine Vielzahl der Kontroversen wird aufgelistet in: Hunter, The Politics of Provocation, 34 ff.

25 Dash Lewis, Male or Female or …? Gendertrouble on the Screen, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature.

26 Ebd., 69.

27 S 3, F 4., auch in: Lewis, Male or Female, 71.

28 Lewis scheint bei der Interpretation einiger Szenen allerdings gelegentlich selbst dem Drang nach Vereindeutigung zu erliegen und projektiv zu verfahren.

29 Ebd.

30 Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1991.

31 Lewis, Male or Female, 74.

32 S 4, F 2., ebd. Wenn in den vorherigen Staffeln an einigen Stellen die Rede von Ronda ist, erscheint sie im amerikanischen Original als »friend« Alfs – nicht als sein »girlfriend«.

33 Ebd., 75.

34 Latrin, The Alien, 23.

35 Ebd.; Rice, Summary, 189.

(http://bonjourtristesse.wordpress.com/2012/02/18/suburban-alien/)

 

Es sei hinzugefügt: Auch wenn reichlich Quellen und Zitate schlicht erfunden sind: Gerade darauf kommt es nicht an. Mit etwas mehr Zeit hätte man echte Quelle mit mehr oder weniger stichhaltigem Zusammenhang zum Text finden können. Noch die kursiv gesetzten Quellen sind so wahr wie der ganze Artikel. Sie sind wie alle Quellen in der Phase 2, denen bekanntlich eine ganze, die Artikel flankierende Spalte eingeräumt wird, lediglich peinliche Ausweise akademischer Versiertheit und zugleich Rückversicherung gegenüber möglicher Kritik. Der Beziehung zwischen Text und Fußnote bzw. Quellenangabe ist die jederzeit austauschbare Kumpanei von arrivierten Ideologen wie der unvermeidlichen J. Butler und solchen, die wie die Kernredaktion der Phase 2 in Leipzig und Berlin sich immerhin schon zu den „professionell Schreibenden“ zählen, oder wie ein Fellow aus Stanford namens Julia Reiter noch dazu gehören wollen.

Als schlagenden Beweis dafür, dass die Hallenser Beschäftigung mit Alf ein Grubenhund und kein Hoax oder Fake war, dokumentieren wir ein Flugblatt der AG No Tears for Krauts, das am 22. Februar bei einer Phase-2-Veranstaltung in Berlin verteilt wurde. Die Phase-2-Veranstaltung war dem Schwerpunkt des aktuellen Heftes, der Psychoanalyse, gewidmet. Die Originalzitate hätte sich die AG No Tears for Krauts nicht schöpferisch nachzudichten getraut, war man sich doch bis zum Februar, als das Heft erschien, sicher, dass man mit solch unglaublichen Faseleien den Bogen überspannt hätte, die Redakteur_innen den Braten gerochen hätten, und nichts aus dem Grubenhund geworden sei.

 

 

24. Februar 2012 von AG No Tears for Krauts

4. Words don’t come easy

Abschließendes zur Faselei der „Phase 2“

 

„Man darf nicht nur keinen Gedanken haben, man muss auch unfähig sein, ihn zu formulieren – das ist das Motto der ‚Phase 2’.“ Alf, Gesellschaftskritiker und Vordenker der Genderbewegung, Staffel 3, Folge 2 (oder so)

Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Phase 2“ ist ein Artikel erschienen, dessen Autoren sich einen Scherz mit der Redaktion erlaubt haben. Dieser Scherz ist allerdings weit mehr als eine der traditionellen Spaßguerillaaktionen, mit denen junggebliebene Altautonome so gern aufwarten: Die Autoren dichteten der Präpubertierendenserie ALF unter Berufung auf Studien, Aufsätze und Interviews, die nie erschienen sind, ein emanzipatorisches Potential an. Darüber hinaus stellten sie ausgerechnet den behaarten Außerirdischen mit der tiefen Stimme und dem groben Humor als Vorkämpfer der Gender-Bewegung dar. Dümmer geht nimmer.

Das ist jedoch nur der halbe Skandal: Denn auch wenn die Fußnoten des ALF-Textes erstunken und erlogen sind, folgt der Artikel doch einem Muster, das zuvor schon hundertmal in der „Phase 2“ erprobt wurde: Die Argumentation ist hanebüchen. Private Vorlieben – für Comics, Fernsehserien, Regisseure, Nazijagden oder Geländespiele mit der Polizei – werden weltanschaulich aufgepeppt. Statt auf Logik und Vernunft wird auf Angebersprache, die Autorität von Fußnoten, name dropping und den zukünftigen Doktortitel der Autorin gesetzt. Obendrauf kommt schließlich eine Portion Pseudokritik, die Differenzierungsvermögen signalisieren soll, aber letztlich nur den Wunsch verrät, es allen recht zu machen: sowohl der Gender-Beauftragten als auch dem Traditionsantifa, dem PoMo-Aktivisten und dem akademischen Adorniten innerhalb der Leserschaft.

 

Ein Beispiel von vielen

Bereits das Vokabular des idealtypischen „Phase-2“-Textes („Einschreiben“, „Strukturmechanismen“, „Matrix“, „Topoi“, „Engführung“ usw.) und seine Satzkonstruktionen verraten alles. So erklärt – ein Beispiel von vielen – die „Phase-2“-Redaktion in der Einleitung zum Schwerpunkt des aktuellen Heftes: „Auch wenn die Psychoanalyse vielen als taugliches Analyseinstrument des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft dient, so bietet sie zugleich einigen Übereifrigen die Möglichkeit, mittels psychoanalytischer Begrifflichkeiten, den/die politische(n) Gegner/Gegnerin in unzulässiger Weise zu denunzieren oder pathologisieren. Es ist sicher nicht zuletzt diese Verwendung der Psychoanalyse als rhetorische Waffe, die die Antipathien ihr gegenüber stetig schürt.“ Die Redakteure wollen wohl sagen: „Es gibt seriöse und unseriöse Rückgriffe auf die Freudsche Lehre. Weil die Psychoanalyse missbraucht werden kann, ist sie so unbeliebt.“ Stattdessen schreiben sie, wenn man ihr „Phase-2“-Deutsch in richtiges Deutsch übersetzt – wenn man also das tut, was sie wollen und sie ernst, das heißt: beim Wort nimmt, folgendes:
1. „Dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft gehört ein taugliches Analyseinstrument.“ Das hat zwar keinen Sinn, passiert aber, wenn man z.B. den Akkusativ („Instrument für die Analyse des Verhältnisses“) mit dem Genitiv („Analyseinstrument des Verhältnisses“) verwechselt.
2. „Das Analyseinstrument, das dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft gehört, dient vielen als“ – was auch immer. Hier fehlt ein Teil des Prädikats. So etwas passiert, wenn man nicht nur die Fälle miteinander verwechselt, sondern auch noch die falschen Worte an den richtigen Stellen verwendet, wenn man also „Analyseinstrument des Verhältnisses“ statt „Instrument für die Analyse des Verhältnisses“ schreibt.
3. „Trotzdem bietet die Psychoanalyse einigen Übereifrigen die Möglichkeit, den politischen Gegner mittels psychoanalytischer Begrifflichkeiten in unzulässiger Weise zu denunzieren oder zu pathologisieren.“ Das „Trotzdem“ ergibt zwar ebenfalls keinen Sinn. Aus diesem Grund hat die „Phase-2“-Redaktion vermutlich darauf verzichtet. Wenn man in der vierten Klasse aufgepasst hat, weiß man allerdings, dass ein „trotzdem“, ein „jedoch“ oder ganz allgemein eine Wendung folgen muss, mit der ein Widerspruch kenntlich gemacht wird, wenn ein Satz mit „auch wenn“ begonnen wird. Ein solcher Widerspruch existiert in diesem Satz jedoch nicht. Das „auch wenn“, mit dem der erste Satz beginnt, muss also verschwinden. (Die Frage, was eine zulässige Denunziation und Pathologisierung politischer Gegner ist, entscheidet darüber hinaus die „Phase-2“-Redaktion bei ihrem nächsten Selbstfindungstreffen.)
4. „Die Psychoanalyse wird als rhetorische Waffe verwendet.“ Auch das ist selbstverständlich großer Quatsch. So kann eine Theorie zwar als Waffe dienen; als rhetorische Waffe können hingegen nur Argumentationsstrategien, Stilmittel usw. verwendet werden. Allenfalls wenn Worte, wie es bei der „Phase-2“-Redaktion der Fall zu sein scheint, bereits als Theorie gelten, wird die Aussage richtig.
5. „Die Antipathien gegenüber der Psychoanalyse werden durch die falsche Verwendung der Freudschen Lehre geschürt.“ Das ist zwar ebenfalls purer Unsinn – das Ressentiment gegen die Psychoanalyse basiert nicht auf einem möglicherweise falschen Hantieren mit psychoanalytischen Begriffen, sondern auf dem Hass auf die kritische Selbstbesinnung, für die Freuds Theorie steht. Aber es ist zumindest halbwegs richtig formuliert.

 

Sprachliche Tarnmanöver

Der Kritischen Theorie diente der sperrige Duktus als Waffe gegen die Phrase, das Banale und den Terror der Kommunikation. Inzwischen wird mit der Kombination aus Angebervokabular, Fremdworten und irrwitzigen Nebensatzkonstruktionen allenfalls verdeckt, dass man nichts zu sagen hat. Mehr noch: Die Schaumschlägersprache, mit der die „Phase 2“ aufwartet, verhindert jede kritische Idee; sie lässt die Arbeit am Gedanken, für die das Formulieren und das Niederschreiben einmal standen, gar nicht erst zu. Die Gesamtausrichtung der „Phase 2“ entwertet die wenigen guten Texte, die dort erschienen sind. Denn wie kann z.B. ein Interview mit Christoph Türcke, das in der aktuellen Ausgabe erschienen ist, ein kritischer Text von Udo Wolter oder ein Interview mit Jan Tomasz Gross noch ernst genommen werden, wenn sie gemeinsam mit Rechenschaftsberichten des „Ums-Ganze“-Bündnisses oder einer „Pink-Rabbit“-Kampagne, den Wichtigtuereien eines Floris Biskamp („promoviert in Gießen zu [sic!] Kritischer Theorie und postkolonialer Dekonstruktion“) oder Artikeln über den „emanzipatorischen Gehalt“ von „South Park“ oder ALF erscheinen, die die Redaktion ebenfalls für veröffentlichungswürdig hält?

Dennoch ist die Kombination aus Wissenschaftsjargon, Dummsprech, Gespreiztheit und Nullsätzen keine Spezialität der „Phase 2“. (Will heißen: Nicht einmal in dieser Sache ist das Blatt besonders originell.) Auch in den diversen zivilgesellschaftlichen Initiativen, akademischen Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegs, aus denen die „Phase 2“ nicht umsonst ihre Autoren und Redakteure rekrutiert, im Feuilleton, in den Nachrichtensendungen und Talkshows ist zu beobachten, was von konservativer Seite gern als Sprachverfall beklagt wird. Kurz: In der Faselei der „Phase 2“ spiegelt sich eine objektive gesellschaftliche Entwicklung.

 

Am Anfang war das Wort

Rede und Handlung waren einmal miteinander verschwistert. Das Wort drängte zur Tat. Ob die Flugschriften der Reformationszeit, die Pamphlete der Frühaufklärer oder die revolutionären Schriften des 19. Jahrhunderts: Sie ergriffen unmittelbar die Massen und wurden wirkungsmächtig. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfasst, konnten Worte eine Revolution auslösen. Die Herrschenden, die es in der Zeit des Feudalismus und in der Übergangszeit zur bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich noch gab, hatten darum oft mehr Angst vor den ramponierten Gestalten, die in ihren Kammern aufrührerische Flugblätter schrieben, als vor den Verschwörergruppen, die in alten Kellern Bomben zusammenbastelten. Die Attentate der Anarchisten konnten ein paar unbeliebte Angehörige der königlichen Familie ins Jenseits befördern. Durch die aufrührerischen Schriften konnte hingegen die Macht selbst infrage gestellt werden. Der Text der Marseilleise, das „Manifest der kommunistischen Partei“ oder Blanquis „Instruktionen für den Aufstand“ hatten ein größeres Echo als etwa die Ermordung der Operettenkaiserin Sissi durch den Anarchisten Luigi Lucheni 1898 in Genf. Den Königen, Fürsten und Kaisern war die Gefahr, die von den Flugblättern, Zeitschriften, Liedern und Artikeln ausging, durchaus bewusst. So war die Geheimpolizei zwar weder im zaristischen Russland und in Preußen noch in Frankreich oder im Habsburger-Reich der Metternich-Ära unterbesetzt. Weit mehr Geld als für Spitzel, Agenten, Horch & Guck wurde allerdings für die gigantischen Zensurbehörden ausgegeben. Deren Mitarbeiter hatten nichts anderes zu tun, als jedes einzelne für die Veröffentlichung bestimmte Wort auf seine Fähigkeit hin zu überprüfen, die Herrschaft in Gefahr zu bringen.

Diese Zeit ist lange vorbei. Bereits die Zensur in den Staaten des Ostblocks war ein Anachronismus. Die einzigen, die Figuren wie Wolf Biermann, Stephan Krawczyk et al. ernst nahmen, waren die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes. Nach ihrer Ausreise in den Westen mussten die Dichter feststellen, dass sie mit der Stasi auch ihr Publikum verloren hatten. Krawczyk und Co. hatten aus dem Grad der Repression irrtümlich auf ihr politisches und – oft noch schlimmer – künstlerisches Gewicht geschlossen. Ihren Platten, Reimen und Kalendersprüchen erging es ähnlich wie den Schriften von Marx, Engels, Lenin, Blanqui, Durruti oder Mühsam: Zwar hatte niemand etwas gegen ihre Veröffentlichung einzuwenden. Aber entweder wollte sie niemand kaufen, oder ihre Botschaften blieben wirkungslos. Im Unterschied zur ausgehenden Feudalzeit kann inzwischen, zumindest im Westen, alles gesagt und gedruckt werden, ohne dass sich auch nur das Geringste ändert. Selbst die wenigen Texte, die doch der Zensur anheim fallen, landen weniger aufgrund der Angst auf dem Index, dass sie die Menschen ergreifen. (Abgesehen davon spricht es in einigen Fällen fast für die berühmten Massen, wenn sie sich von bestimmten Schriften nicht mitreißen lassen.) Sondern sie werden vor allem um des Schikanierens willen verboten. Die Sprache hat ihren eingreifenden Charakter verloren. Diese Entwicklung hat einen Grund, dem weder bessere Lehrpläne noch ein Lektoratswechsel bei der „Phase 2“, so sehr er auch zu begrüßen wäre, etwas anhaben können: „Allzuleicht vergessen wir,“ so schrieb ein kluger Mann schon in den fünfziger Jahren, „dass die Sprache deshalb tot ist, weil der Einzelne, der zum anderen spricht, als Einzelner, sagen wir als denkendes Subjekt, nichts mehr zu sagen hat – in dem Sinn, wie es heißt: ‚Der hat nichts zu sagen’, das heißt, der ist ohnmächtig, er kann nichts vollbringen, auf sein Wort hin geschieht nichts. Er hat nichts zu sagen, heißt, es hat keine Konsequenzen, es bedeutet nichts, es tut nichts, es macht nichts. Wenn heute zwei miteinander reden, so mag ihre Rede ein Vermittlungsglied in einer vorherbestimmten, festen Kette von Machtauswirkungen sein, wie etwa die Rede der Marionetten aus dem Osten in den Versammlungen der Vereinten Nationen, aber das Gespräch zwischen zwei Bürgern erzeugt keine Kette von Ursachen und Wirkungen in der Welt.“ Soll heißen: Die Rückbildung der Artikulationsfähigkeit, die Katastrophen, die der Pisa-Test immer wieder zutage fördert, und die Zumutungen, die regelmäßig in der „Phase 2“ zu lesen sind, haben ihre Ursache in der realen politischen Ohnmacht der Einzelnen. Selbst die Damen und Herren auf den roten Teppichen sind allenfalls Verwaltungsbeamte der großen „Staat, Kapital und Co. KG“.

 

Ey, Alter!

Diese Ohnmacht wirkt auf die Sprache zurück. Wenn sich die Konsequenzen, die das Sprechen nach sich zieht, allein auf die Alternativen Opel oder Ford, Reihenhaus oder Mietwohnung, Fernsehen oder Ficken beschränken: Welcher Grund besteht dann, z.B. den kategorischen Imperativ in Worten wiedergeben zu können, die Kant nicht in einen Ohnmachtsanfall getrieben hätten?

So wird Sprache zum Jargon; sie dient nur noch als Zugehörigkeitsnachweis. Was dem Kevin aus Marzahn sein „Ey, Alter“, ist dem Torben aus Friedrichshain seine „heteronormative Matrix“. Die Malocher erkennen sich durch den extensiven Rückgriff auf jene tausend Worte, die auch clevere Affen angeblich in Gebärdensprache erlernen können; die Schreiber der „Phase 2“ versichern sich durch die Verwendung der einschlägigen Code- und Reizworte, dass sie gerade nicht zu den Working-Class-Heroes, sondern zur Bildungselite gehören. In ihren Selbstbeschreibungen, die am Ende jedes „Phase-2“-Artikels stehen, verweisen sie nicht umsonst geradezu zwanghaft auf ihren zukünftigen Doktortitel, der seine Besonderheit indes längst verloren hat: Die Promotion ist das neue Abitur. Diese Doktorandeninflation verweist bereits darauf, dass die Jung-Dynamisch-Erfolglosen die – Achtung, ein Bourdieu! – habituelle Selbstvergewisserung bitter nötig haben. Denn weder kennen die Freunde der „Matrix“, der „Topoi“, der „Engführung“ und der vertrackt-falschen Nebensätze die einfachsten politischen oder historischen Zusammenhänge. Noch spiegeln sich die zwölf bis dreizehn Schuljahre, die sieben Jahre an der Uni und die dutzenden Praktika bei den Institutionen mit den großen Namen in irgendeiner Weise im Lebensstandard oder in der gesellschaftlichen Anerkennung wieder. Die gern belächelten Mitschülerinnen und Mitschüler von einst, die sich nach der zehnten Klasse für eine Lehre als Metzger, Bankangestellter oder Einzelhandelskauffrau entschieden haben, verdienen nicht nur mehr Geld: Sie müssen nicht mit Ende Zwanzig noch regelmäßig zu Mutti fahren, um sich den Rucksack mit Brot, Butter und Käse vollstopfen zu lassen. Sondern sie haben zugleich bessere Zukunftsperspektiven und sind nicht dazu gezwungen, sich bis zur Rente von einer prekären „Baustelle“ zur nächsten zu hangeln.

 

„Phase 2“ – mittendrin statt nur dabei

In ihren besten Momenten, von denen es allerdings nicht viele gab, reflektierte die Linke einmal auf solche Voraussetzungen des eigenen Handelns. Sie bemühte sich darum, die gesellschaftlichen Entwicklungen, Trends und Modewellen in emanzipatorischer Absicht zu denunzieren. Inzwischen ist sie – das zeigt nicht zuletzt die Bereitschaft der „Phase 2“, einen solchen Unsinn wie den ALF-Text abzudrucken – ganz vorn dabei, wenn es gilt, die Herausbildung des universellen Verblödungszusammenhanges weiter zu befördern.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Vielleicht ist jedoch alles auch ganz anders. Denn möglicherweise verbirgt sich hinter der Herausgabe der „Phase 2“ auch ein großer Masterplan, von dem bisher nur niemand etwas erfahren hat. Vielleicht bekennt sich die Redaktion also demnächst dazu, dass nicht nur der ALF-Text ein subversiver Anschlag auf die Dummheit, den Konformismus und die Autoritätshörigkeit der Linken war, sondern sämtliche Artikel, die es in den letzten elf Jahren in das Blatt geschafft haben. Durch ein solches Geständnis könnte sie ihr Publikum, das den Quark der „Phase 2“ Quartal für Quartal abgenickt hat, vor sich selbst erschrecken lassen. Dieses Erschrecken könnte heilsame Folgen haben – was nicht das Schlechteste wäre. Die heutige Veranstaltung wäre der richtige Anlass für ein solches Geständnis. Immerhin besteht die Psychoanalyse, um die es heute gehen soll, in genau jener kritischen Selbstbesinnung, die der Linken gut tun würde.

Wir drücken die Daumen!

AG »No Tears for Krauts«, 02/2012

(http://nokrauts.org/2012/02/wordsdontcomeeasy/)

 

Es bleibt nachzutragen:

1. Wie die Redaktion der bonjour tristesse wurde auch die Redaktion Bahamas von der Phase 2 eingeladen, zum Erscheinen der 40. Ausgabe etwas beizusteuern. Sie schrieb am 18. Mai 2011:

„Liebe Bahamas-Redaktion, Jetzt haben auch wir es geschafft: die Phase2 veröffentlicht im Sommer 2011 ihre Ausgabe 40. Als wir uns im Sommer 2001 nach der Auflösung der AABO in Göttingen gründeten, hatten wir weder das zehnjährige Bestehen im Sinn noch eine Idee für die Zeit nach der Revolution. Inzwischen haben wir uns selbst daran gewagt. Für die im Moment entstehende Nr.40 möchten wir euch bitten, uns doch ein paar kritische Zeilen zur Phase2 zukommen zu lassen. Das muss aber nicht so sein. Das kann so sein. Anfragen würden wir konkret 200-800 Zeichen eurer Perspektive auf unsere Zeitung: Was ihr schon immer der Phase2 sagen wolltet, wie ihr unsere Entwicklung beurteilt, wie seht ihr die  Notwendigkeit für unsere Zeitung – wir bitten darum bis zum 15.Juni. Merci! Phase2 Berlin/Leipzig“

Nach langem Nachdenken hat Justus Wertmüller eine kleine Grußbotschaft mit einigen Erwägungen zum Wesen der Fußnote verfasst, die der Rechtsanwalt der Redaktion Bahamas unter Fristsetzung nach Leipzig geschickt hat, und die in der Phase 2, 41/2012 erschienen ist:

„GEGENDARSTELLUNG. In der Phase 2, Heft 40, August 2011, heißt es auf Seite 44: ‚Justus Wertmüller nennt alle »hässlich«, bei denen er seinen penetrierenden Stachel nicht auspacken darf, und Feministinnen, die den Mund aufmachen, werden ihm zu »stammelnden Kühen«.‘ Direkt hinter den Wörtern »stammelnden Kühen« verweist die Ordnungsnummer 3 auf eine Fußnote auf der gleichen Seite, die als Quelle eine Publikation von mir angibt, die unter der Überschrift »Von Blockwärterinnen und Platzkühen« am 12. November 2010 auf der Website der Zeitschrift Bahamas in der Rubrik Aktuellarchiv erschienen ist. Dieses Zitat ist frei erfunden. Tatsächlich habe ich weder in dieser noch einer anderen Publikation von »stammelnden Kühen« geschrieben. Justus Wertmüller, Berlin, den 15.9.2011“

2. Die bonjour tristesse hat mit ihrer 13. Ausgabe, in der neben vielen anderen guten Texten auch die Aufklärung zum Fall Alf erschienen ist, ihr Erscheinen eingestellt. Das ist ein echter Verlust. Die Redaktion Bahamas grüßt die Freunde von der bonjour tristesse und würde sich glücklich schätzen, wenn noch mehr von diesen glücklicherweise nicht „professionell Schreibenden“ etwas für die Bahamas beisteuern könnten.